VonArmin T. Linderschließen
Die Tatort-Folge „Königinnen“ aus München war randvoll mit allem und stieß wenig überraschend auf geteilte Meinungen. Auch ein Telefon-Gag sprach Bände.
München – Am Sonntag (29. Oktober) stand mit „Königinnen“ eine neue Tatort-Folge aus München auf dem Programm. Wobei diese streng genommen gar nicht aus der bayerischen Landeshauptstadt stammt, sondern in einem Dorf spielt, wo der 17. Königinnentag stattfindet. Rund 50 Produktköniginnen von Honig bis Spargel kommen dort zusammen. Und auch Josef Gehrling, Präsident des Bavaria-Bundes, der die jungen Frauen belästigt hatte und der – das ist der Krimi-Fall – mit einem Viehbetäubungsgerät attackiert wird.
Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) ermitteln, assistiert von Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und der Polizeischülerin Annelie (Daria Vivien Wolf), die gleichermaßen Zwiebelkönigin aus Nördlingen ist.
Das klingt schräg – und das war die Folge auch. Bis zum Rand voll mit allem. Zunächst einmal mit prominenten Stars: Das Ekel, das zum Opfer wird und seine Macht gegenüber den Frauen schamlos ausnutzt, wird von Wolfgang Fierek verkörpert. Event-Managerin Sylvia von keiner Geringeren als Veronika Ferres. Als seien diese zwei A-Promi-Gaststars noch nicht genug: Die Musik stammt von Stefan Dettl und LaBrassBanda, die selbst auch einen Gastauftritt haben.
Tatort „Königinnen“ aufgeladen mit Gags und Zeitgeist-Themen
Inhaltlich ist der Tatort nicht minder aufgeladen: mit Kalauern, Zoten, aber auch mit Zeitgeist-Themen wie #metoo und Gendern, zudem ist Luise (Phenix Kühnert), Spargelkönigin aus Aichach, eine trans Frau. Immer wieder zeigt sich: Nicht alle Figuren sind mit ihrer Denke im Jahr 2023 angekommen. Für die altgedienten Kommissare Leitmayr und Batic ist ihr 93. Fall ein etwas vermintes Terrain. Verhalten sie sich in der heiklen Situation als alte, weiße Männer zwischen unzähligen jungen Frauen woke genug – auch sprachlich?
Veronika Ferres: „Die #metoo-Debatte ist und bleibt unfassbar wichtig“
„Die #metoo-Debatte ist und bleibt unfassbar wichtig; deshalb ist es gut, dass der ‚Tatort‘ das Thema aufgreift. Es hat sich nämlich aufseiten der Männer immer noch nicht genug getan“, sagt Veronica Ferres im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Viele Männer scheinen nicht zu verstehen, was sie falsch machen. Es fehlt ihnen häufig so ein grundsätzlicher und selbstverständlicher Respekt Frauen gegenüber.“
Für Schauspieler Nemec hat sich durch die Debatte allerdings schon etwas geändert – aber nicht nur zum Vorteil, wie er der dpa sagt: „Es ist eine gewisse Verunsicherung eingetreten. Sicherlich ist zum Schutz Betroffener Vorteilhaftes passiert, aber die Verunsicherung ist inzwischen so groß, dass man jetzt bei jeder Kleinigkeit anfängt, sofort einen Hashtag dahinter zu vermuten. Alles steht mittlerweile ein bisschen unter Beobachtung.“
Bei allen ernsten Themen spart die Tatort-Folge nicht mit Kalauern. Manche sind etwas subtiler, wie die Cinderella-Anspielung, als der verlorene Schuh bei potenziellen Täterinnen anprobiert wird. Andere Gags kommen eher mit dem Holzhammer daher – wie die Begrüßung „Ach, die Rosenheim-Cops“ am Telefon, mit denen gegen die Kommissare gefrotzelt wird, die es zu ihren Ermittlungen aufs Land verschlagen hat.
Tatort-Folge sorgt für viele positive Bewertungen – aber nicht nur
Wenig überraschend, dass die Tatort-Folge nicht auf ungeteilte Gegenliebe bei den Zuschauenden stößt. Bis Montag, 9.30 Uhr, haben sich 191 Bewertungen auf der offiziellen Sender-Seite gesammelt, mit einem Durchschnitt über 3,5 von 5 Sternen. „Witziger Tatort mit meinen Lieblingsschauspielern“, „So geht Tatort. Endlich einer, wie er sein muss und erwartet wird“, lauten zwei sehr positive Kommentare. Auch bei Facebook stapeln sich diese: „Hat mir sehr gut gefallen. Haben alle toll gespielt und ich musste einige Male auch herzlich lachen“ und „Klasse! Tolle Story, hervorragende Darsteller, glatte 1“ und „Mal was anderes“, heißt es dort. Ein paar hätten sich mehr Spannung gewünscht.
Ganz vereinzelt mischen sich auch kritische Stimmen in die Lobeshymnen. „Mei, war des fad! 4-“, heißt es. Oder auch: „Der war langweilig, keine Spannung. Echt schade. Bin eigentlich ein großer Fan von den Münchnern, aber das war diesmal leider gar nichts. Und diese ganzen ‚Königinnen‘ und ihr Gezicke … absolut nicht meins und an gutem Krimi weit vorbei. Sorry.“
Ich wart ja noch drauf, dass einer der Rosenheim Cops auftaucht. 😁 #Tatort
— Rainer Herda (@Jabba0718) October 29, 2023
Nach Wochen dümpelnder Reichweiten hat die Tatort-Folge mal wieder fast neun Millionen Menschen erreicht. Im Schnitt schalteten „Königinnen“ am Sonntag im Ersten ab etwa 20.30 Uhr 8,94 Millionen ein, was einer Einschaltquote von 31,1 Prozent entsprach. Laut Branchendienst DWDL.de war das „die beste Quote seit Ende März“ für einen Tatort. Der experimentelle Tatort mit Ulrich Tukur in der Vorwoche („Murot und das Paradies“) hatte keine 6 Millionen TV-Zuschauer am Bildschirm halten können.
Tatort „Königinnen“: Mancher Fan muss an Rosenheim-Cops denken
Auch die Dialoge wie jener mit den Rosenheim-Cops wurden im Netz breit getreten. „Jetzt werden auch noch die Rosenheim-Cops auf die Schaufel genommen!“, schreibt einer bei X (ehemals Twitter). „Die Rosenheim-Cops. Das nennt sich Cross Marketing“ ein weiterer. „Da schaue ich lieber eine Wiederholung der Rosenheim-Cops an“, zieht eine weitere Nutzerin von selbst den Vergleich und frotzelt gegen die Folge.
Generell entsteht beim Blick auf die Internet-Kommentare der Eindruck: Die Mehrzahl der Fans fand die Folge besser als manche Medienschaffende. So vergibt etwa der Spiegel nur 5 von 10 Punkten und resümiert: „Trotz starker Königinnen-Darstellerinnen: Dieser ‚Tatort‘ ist ein bissl zu zotig geraten für das schwierige Thema.“ Kino.de titelt gar: „Krise spitzt sich zu – jetzt schwächeln sogar die Münchner“. Und wie sahen die Kollegin und der Kollege aus unserer Mediengruppe die Tatort-Folge? Hier geht‘s zur Rezension der Frankfurter Rundschau und des Münchner Merkur. (lin mit dpa)
