Spielplatz-Verbot

Warum Cannabis-Patienten seit dem 1. April tiefer in der „Kifferschublade“ landen

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Die Stigmatisierung von Menschen, die medizinisches Cannabis zu sich nehmen, nimmt zu – und zwar nicht nur im Gesundheitssystem. Ein Betroffener erzählt.

„Ich hatte viele Ärzte durch, bis einer mein Problem ernstgenommen hat“, sagt Marc Ziemann über seine Cannabis-Therapie. Der 50-Jährige hat ADHS, wird aber erst seit zehn Jahren mit Cannabis behandelt. Wie viele andere Cannabis-Patienten erlebte er viele Jahre Zurückweisung von Ärzten, wie er BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA erzählt. Seit dem 1. April könnte man meinen, dass sich seine Situation verbessert hat. Immerhin ist Cannabis jetzt keine illegale Droge mehr. Die Realität sieht anders aus.

Was ändert sich durch die Teil-Legalisierung für Cannabis-Patienten?

Seit dem 1. April zählt Cannabis nicht mehr als Betäubungsmittel, sondern als verschreibungspflichtiges Medikament. Es fällt also aus dem BtMG, dem Gesetz über den Verkehr mit Betäubungsmitteln, heraus. Stattdessen gibt es für den Umgang mit medizinischem Cannabis nun das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG). Für Ärzte bedeutet das, dass sie medizinisches Cannabis leichter verschreiben können. Genau wie Apotheken haben sie damit erheblich weniger administrativen Aufwand.

Apothekerin: Ärzte verweisen Cannabis-Patienten auf den Eigenbau

Ziemann, der auch Mitgründer des Bunds deutscher Cannabis-Patienten (BDCan) ist, glaubt nicht, dass die Stigmatisierung durch die Teil-Legalisierung weniger wird: „Ich habe oft von Ärzten gehört: Holen Sie sich Cannabis doch vom Schwarzmarkt. Bald können Ärzte sagen: Holen Sie sich das doch von einem Cannabis-Club.“ Schon jetzt berichten Patienten, dass der behandelnde Arzt sie auf die Möglichkeit des Eigenanbaus verwiesen habe, teilt der Verband der Cannabis versorgenden Apotheken (VCA) BuzzFeed News Deutschland mit.

„Diese Art der Selbstmedikation kann nicht der richtige Weg sein für die Therapie mit Medizinalcannabis“, sagt Christiane Neubaur, Geschäftsführerin des Verbands. „Vor allem darf es nicht zu einer Vermischung von Patienten und Konsumenten kommen.“ Medizinisches Cannabis unterliegt bestimmten Standards und kann nicht einfach zu Hause hergestellt werden. Bei einem Dealer, der bei BuzzFeed News über die Cannabis-Teillegalisierung spricht, kann man es nicht kaufen.

Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschand.

Cannabis-Patient: „Unser Problem ist die Kifferschublade“

Die potenzielle Vermischung von Patient und Konsument kritisiert auch Ziemann als Betroffener. „Unser Problem bei Ärzten und medizinischem Personal ist die sogenannte Kifferschublade. Wer nach medizinischem Cannabis fragt, muss direkt in diese Schmuddelecke reingehen – jetzt noch mehr, als vor dem 1. April.“ Verstärkt werde dieses Phänomen durch diverse neue telemedizinischen Angebote, durch die sich vermeintlich auch Nicht-Patienten Privatrezepte besorgen.

Wer als Cannabis-Patient dagegen auf die Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkasse angewiesen ist, steht weiterhin vor Hindernissen: Um medizinischen Cannabis bezahlt zu bekommen, braucht es einen gesonderten Antrag bei der gesetzlichen Krankenkasse.

Links: Eine Cannabis-Pflanze. Rechts: Ein Cannabis-Patient mit einem Vaporizer.

Echte Cannabis-Patienten haben nur wenig mit einem Kiffer zu tun

Aber nicht nur im Gesundheitssystem könnte eine Vermischung von Cannabis-Patient und normalem Konsument problematisch sein. Denn die „Kifferschublade“ haben auch Menschen im Umfeld oder etwa Arbeitgeber, erzählt Ziemann. Dabei hat ein echter Cannabis-Patient wenig mit einem Kiffer zu tun, der dabei Spaß hat: „Es ist etwas völlig anderes, Cannabis zu sich zu nehmen, weil man es möchte oder es muss“, sagt Ziemann. Für ihn ist ein Gramm Cannabis seine tägliche Medizin, wie andere Schmerzmittel nehmen.

Zuvor habe er bereits diverse Psychopharmaka ausprobiert, keines habe ihm geholfen – außer Cannabis. „Seitdem bin ich viel ausgeglichener und ruhiger.“ Nur durch die Therapie habe Ziemann letztendlich eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann abschließen können.

Wie viele andere Patienten raucht er Cannabis über einen sogenannten Vaporizer, um keine Gerüche zu verbreiten. Er wolle an seine Lunge und seinen Körper denken, sagt Ziemann. Ein Vaprozier gilt als gesünder als ein Joint, weil darin Cannabis erhitzt wird, ohne zu verbrennen.

Es ist etwas völlig anderes, Cannabis zu sich zu nehmen, weil man es möchte oder es muss.

Marc Ziemann, Cannabis-Patient und Mitgründer des Bunds deutscher Cannabis-Patienten (BDCan)

Cannabis-Patienten müssen von Spielplätzen und Schulen Abstand halten

Wer eine Cannabis-Therapie macht, kann sich ein ärztliches Gutachten ausstellen lassen, um sich als Patient ausweisen zu können. Als Cannabis noch illegal war, hatte man im Gegensatz zu gewöhnlichen Kiffern damit die Möglichkeit, öffentlich Cannabis konsumieren. Nach der Teil-Legalisierung ist Kiffen in der Öffentlichkeit für alle erlaubt – aber mit erheblichen Einschränkungen.

Denn seit der Einführung des Cannabis-Gesetzes (CanG) am 1. April gibt es genaue Regeln, wo und wie man Cannabis konsumieren darf. An folgenden Orten und in deren Sichtweite ist der Konsum demnach verboten:

  • Schulen
  • Kinderspielplätzen
  • Kinder- und Jugendeinrichtungen
  • Öffentlich zugängliche Sportstätten
  • Fußgängerzonen zwischen 7 und 20 Uhr

Was viele nicht wissen: Am 1. April trat auch das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) in Kraft, das unter anderem regelt, dass diese Abstandsregeln auch für medizinisches Cannabis gelten.

Der BDCan sieht hier eine Diskriminierung von Cannabis-Patienten: Was machen zum Beispiel Eltern, die Patient sind und mit ihrem Kind auf den Spielplatz wollen? Aber auch beim Reisen könne es zu Problemen kommen, heißt es vom Verband. Wenn ein Cannabis-Patient in eine fremde Stadt reist, kann er dort etwa vor 20 Uhr keine Fußgängerzonen besuchen. Michael Kambeck, politischer Sprecher des BDCan, kritsiert: „Dank der Regierung müssen Patientinnen und Patienten sich jetzt bei der Behandlung genauso verstecken wie Kiffer.“

Rubriklistenbild: © IMAGO / CHROMORANGE/ ANP

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