Abenteuer wird zur Notlage

Alpen-Drama in Italien: Wanderer geraten in Not – Retter warnen vor verbreitetem Fehler

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Neun Wanderer verkennen die Adamello-Nordwand. Eine Großaktion rettet sie, Alpen-Kenner warnen vor den Gefahren unvorbereiteter Bergwanderungen.

Valcamonica – Der Adamello in den italienischen Alpen zählt zu den anspruchsvollsten Bergregionen Europas. Am 1. Dezember wurde diese Herausforderung für neun unerfahrene Wanderer aus Venetien zum Verhängnis. Die Gruppe versuchte, laut quibrescia.it, die Nordwand zu erklimmen. Dabei geriet sie jedoch bei einbrechender Dunkelheit in eine gefährliche Lage auf etwa 2.800 Metern Höhe. Ohne ausreichende Ausrüstung und Erfahrung war der Rückweg unmöglich. Die fallenden Temperaturen unter den Gefrierpunkt drohten zur lebensbedrohlichen Falle zu werden.

Kurz nach 17.15 Uhr alarmierten die Wanderer die alpine Rettungszentrale. Der Rettungseinsatz gestaltete sich schwierig und dauerte mehrere Stunden. Laut bresciatoday.it waren gleich mehrere Hubschrauber der Areu und des Unternehmens Elimast sowie Polizeikräfte der Guardia di Finanza im Einsatz. Mehrmals pendelten die Rettungsteams zwischen dem Tal und dem Einsatzort. Erst gegen 21.00 Uhr gelang es, alle neun Personen unverletzt ins Tal zu bringen.

In den Alpen unterschätzen Wintersportler und Wanderer häufig das anspruchsvolle Terrain und die rasch wechselnden Wetterverhältnisse. Jährlich fliegt die Bergrettung Hunderte von Einsätzen. (Symbolbild)

Dramatischer Rettungseinsatz bei Einbruch der Dunkelheit: Statistiken und Hintergründe zu Alpinunfällen

Solche Vorfälle sind keine Seltenheit. Laut Bergwelten.com ereigneten sich allein 2023 in Österreich 9.583 Alpinunfälle – das sind im Durchschnitt 26 pro Tag. Von diesen endeten 266 tödlich. Die Zahlen verdeutlichen das Risiko: Viele Unfälle passieren nicht nur Anfängern, sondern auch erfahrenen Bergsteigern. Peter Plattner, Experte für alpine Sicherheit, erklärt im Bergwelten-Podcast: „Man kann alles richtig machen und dennoch verunglücken – oft ist es eine Frage des Timings und der äußeren Bedingungen.“

Der jüngste Vorfall am Adamello zeigt, wie schnell sich eine Bergtour zur Notlage entwickeln kann. In den sozialen Medien werden Betroffene oft vorschnell verurteilt. Plattner warnt davor vorschnell zu urteilen. In solchen Situationen sollte man Empathie zeigen: „Einfach einmal sagen: Der ist jetzt schwer verletzt, es gibt da Angehörige. Und wer jetzt genau warum Schuld war, ist gar nicht so wichtig. Zum Glück ist mir das nicht passiert. Und wenn mir etwas passiert, dann will ich auch, dass entsprechend mit dem Unfall umgegangen wird“, so der Experte gegenüber Bergwelten. Viele unterschätzen die Herausforderungen des Gebirges, besonders im Winter, wenn die Tage kürzer sind und das Wetter unberechenbarer ist.

Wandertouren im Alpengebiet: Vorbereitung als Lebensversicherung

Auch im Wintersportbereich häufen sich erste Berichte über verunglückte Skifahrer und Tourengeher. Die aktuelle Statistik der Auswertungsstelle für Skiunfälle (ASU) zeigt für die Saison 2022/2023 einen Anstieg der verletzten Skifahrer auf etwa 42.000 bis 44.000. Der Zuwachs in dieser Saison wird laut Analyse auf die gestiegene Zahl an Skifahrern nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen zurückgeführt.

Alpine Rettungskräfte leisten Schwerstarbeit, oft unter extremen Bedingungen. Sie trainieren regelmäßig für den Ernstfall, wie auch in simulierten Einsätzen dokumentiert wird. Über 25.000 Ehrenamtliche sind, laut Bergwelten, in der Bergrettung in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig. René Sendlhofer-Schag vom österreichischen Alpenverein erinnert daran, dass selbst erfahrene Bergsportler wie er gerettet werden mussten. Er sieht Eigenverantwortung als Schlüssel: „Es wird niemand auf die Idee kommen, ohne entsprechende Ausbildung Paragleiten oder Tauchen zu gehen. Sogar beim Golf gibt es eine Platzreife, für die man eine Prüfung ablegen muss. Beim Bergsteigen gibt es das nicht“.

Um Unfälle zu vermeiden, betonen Experten die Bedeutung von guter Planung und realistischer Selbsteinschätzung. Dazu gehört nicht nur das Studium der Wettervorhersage, sondern auch das Verständnis für die gewählte Route und deren Anforderungen. In den Bergen kann ein Moment der Unachtsamkeit ausreichen, um in eine lebensbedrohliche Situation zu geraten. Wer ins Hochgebirge geht, sollte daher nicht nur körperlich fit sein, sondern, neben dem nötigen Know-how, auch die nötige Ausrüstung mitbringen und im Zweifelsfall erfahrene Bergführer hinzuziehen. Im April 2024 verunglückte ein 19-jähriger Alpin-Wanderer durch eine Lawine tödlich. (ls)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Frank Sorge

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