94 Männer verscharrt

Grusel-Fund in den Alpen: Forscher entdeckt Massengrab österreichischer Soldaten

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Der Berg- und Heimatforscher Sergio Boem will 82 Soldaten-Skelette vor Plünderern retten.
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Ein italienischer Heimatforscher hat in den Alpen ein Massengrab österreichischer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg gefunden. Die Front verlief auf 3800 Metern Höhe.

Trient – Vor über 100 Jahren tobte in den italienischen Alpen ein erbitterter Gebirgskrieg. Italien hatte im Ersten Weltkrieg das kaiserlich-königliche Österreich angegriffen, das in den Alpen damals noch Südtirol und das Trentino, Teile Friauls sowie das heutige Slowenien und Triest umfasste. Die Front erstarrte schnell entlang der damaligen Grenze zwischen Gipfeln des Ortlergebiets, dem nördlichen Gardasee, in den Dolomiten bis in das Isonzo-Tal im heutigen Slowenien.

Krieg in den Alpen: Grabenkämpfe auf 3800 Meter Höhe

Auch im Ortler- und Adamellogebiet wurde seit dem italienischen Kriegseintritt 1915 auf bis zu 3800 Metern Höhe im ewigen Eis erbittert gekämpft. Schon die Kälte und Lawinen forderten viele Tote. Am 13. Juni 1918 führten die Österreicher am Tonale-Pass an der Grenze zwischen dem heutigen Trentino und der Lombardei einen Scheinangriff Richtung Bormio durch - das Unternehmen Lawine. Sie wollten damit von dem Großangriff viel weiter im Osten am Piave ablenken. Der Angriff scheiterte bereits am ersten Tag an den gut befestigten italienischen Stellungen, die österreichischen Truppen erlitten herbe Verluste.

K.-u.-K.-Soldaten 1915 in einer Stellung an der Punta San Matteo nahe des Tonalepasses.

Auf italienischer Seite führte der Offizier des Valcamonica-Bataillons, Capitano Ubaldo Ingravalle, Tagebuch über die schrecklichen Ereignisse. Darin berichtet er auch über Massengräber für die K.-u-K.-Soldaten, die aus allen Teilen des Habsburger Reichs bis nach Bosnien und Montenegro stammten. Sein Urenkel, der Bergsteiger und Heimatforscher Sergio Boem (59), der am Gardasee lebt, hat das 1500 Seiten umfassenden Tagebuch gefunden, studiert und eines der Massengräber nach den Angaben seines Großvaters entdeckt. Die Skelette zwölf österreichischer Soldaten fand er im Sommer 2022 in einem Granattrichter auf der Cima Cady in über 2000 Metern Seehöhe, berichtet die österreichische Nachrichtenagentur apa.

Tagebuch des Großvaters führte Forscher zum Massengrab

„Das in den Aufzeichnungen beschriebene Massengrab existiert tatsächlich“, berichtet auch die Zeitung Ladige.it. Und die autonome Provinz Trient bestätigte die unglaubliche Entdeckung: „Zwölf skelettierte Leichen wurden in den letzten Tagen in einem Massengrab über dem Tonale-Pass vom Amt für archäologisches Erbe der Oberaufsicht für das Kulturerbe der autonomen Provinz Trient mit Zustimmung geborgen.“ Das Generalkommissariat für die Wahrung des Andenkens der Gefallenen des Verteidigungsministeriums, das ausschließlich für die Bergung menschlicher Überreste von Soldaten zuständig ist, übernahm die Leitung der Bergung.

Der Frontverlauf des Gebirgskrieges von 1915 bis 1917.

Am Wissenschaftsmuseum Muse in Trient untersuchen derzeit 15 britische Experten der forensischen Anthropologie der Universität Durham die Skelette. Neben ihnen wurden laut ORF auch Teile der persönlichen Ausrüstung wie Steigeisen, Stiefel, Gasmaskentaschen, Werkzeuge und andere teils persönliche Gegenstände der Soldaten gefunden. Deren Zustand lässt wenig Hoffnung, die Identität der Gefallenen ermitteln zu können. Sie weisen oft Schädelverletzungen durch Kugeln auf. Die Toten sollen nach den Untersuchungen auf einem Soldatenfriedhof bestattet werden.

Forscher will weitere Soldatengräber vor Plünderern retten

Boem zufolge befinden sich weitere 82 Skelette in einem Massengrab an der Grenze zwischen dem Trentino und der Provinz Lombardei auf lombardischem Boden. Der Forscher beklagt das geringe Interesse der lombardischen Behörden an der Suche nach dem Grab. „Ich empfinde es als moralische Pflicht, diesen Soldaten, die einst unsere Feinde waren, (...) einen Namen und ein würdiges Grab zu sichern. Das sehe ich als späte Wiedergutmachung, die wir diesen jungen Soldaten schuldig sind“, erklärt Boem gegenüber der apa. Er hofft, dass die zuständigen Behörden im kommenden Frühjahr die notwendigen Untersuchungen durchführen, um das Massengrab zu finden.

Ein Kreuz oberhalb des Tonalepasses erinnert an das Massengrab.

Boem: „Wir wollen verhindern, dass die sterblichen Überreste der Soldaten von Leuten entdeckt werden, die in den Bergen nach Ausrüstungsgegenständen aus dem Ersten Weltkrieg suchen, die bei Sammlern sehr begehrt sind.“ Mithilfe von zwei auf Militärrecht spezialisierten Anwälten bemüht sich Boem darum, dass die Suche nach dem großem Massengrab aufgenommen wird. Boem hat ein Buch über seine Forschungen geschrieben, „Sui prati del Tonale 94 stelle alpine“ (94 Edelweißblüten auf den Wiesen des Tonale 94).

Die italienischen Alpen sind übersät von Relikten aus dem 1. Weltkrieg

Die Region ist von Relikten des Gebirgskriegs von 1915 bis 1918 übersät. So steht an der Cresta Croce südlich des Tonalepasses auf 3236 Meter Höhe noch eine Kanone, die 1916 in Einzelteile zerlegt von Pferden ins ewige Eis gezogen wurde.

Diese italienische Kanone oberhalb des Tonalepasses erinnert an der Cresta Croce an den Gebirgskrieg von 1915 bis 1918.

Manchmal legen auch die sich zurückziehenden Gletscher Tote des Ersten Weltkrieges frei. Zuletzt sorgte in den italienischen Alpen auch eine Serie von Bergstürzen für Aufsehen, am Ledrosee wurde eine Straße verschüttet. Selbst die Brennerautobahn ist nicht mehr sicher.

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