Wasserversorgung aus den Alpen

Gletscher-Szenario: Europa steuert laut Experten unaufhaltsam „Peak Water“-Moment entgegen

+
Blick in die Vergangenheit: Mittlerweile ist der südliche Schneeferner kein Gletscher mehr.
  • schließen

Die Gletscher in den Alpen spielen eine wichtige Rolle bei der Wasserversorgung in Europa. Doch weil sie immer weiter schmelzen, nähert sich der Kontinent mehr und mehr dem „Peak Water“-Moment.

München – Europa gleitet seine Zukunft davon. Denn die rund 5000 Gletscher in den Alpen schmelzen und schmelzen und schmelzen. Was für die Wasserversorgung zum großen Problem werden könnte, zumal drei Viertel der Süßwasserreserven aus Schnee und Eis bestehen. Der Kontinent steuert unaufhaltsam dem „Peak Water“-Moment entgegen.

Im vergangenen Jahr etwa verlor der „südliche Schneeferner“ an der Zugspitze seinen Status als Gletscher, womit Bayern nur noch über vier Exemplare verfügt: den nördlichen Schneeferner, den Höllentalferner, das Blaueis und den Watzmanngletscher. Und damit nicht genug: Wie Andreas Bauder von der ETH in Zürich Focus Online verriet, wurden die größten Verluste seit Beginn der Beobachtungen vor mehr als 100 Jahren zu verzeichnen.

„Vergangenes Jahr gingen 6,2 Prozent des verbliebenen Eises verloren, was 3,2 Kubikkilometern entspricht“, fasst der Glaziologe die dramatische Entwicklung zusammen und schließt daraus kurz und knapp: „Das Jahr 2022 war ein schlechtes für die Gletscher.“ Er verweist darauf, dass die Alpengletscher nicht nur Wasserkraftwerke, sondern auch den Rhein, die Rhone, die Donau und den Po versorgen.

Fast ausgetrocknet: So sah der Rhein im vergangenen Sommer zeitweise bei Köln aus.

Alpen und die Gletschergefahr: „In zehn bis 20 Jahren maximalen Wasseroutput erreicht“

Fragt sich nur, wie lange noch. In dem Bericht erklärt Bettina Schaefli, Hydrologin an der Universität Bern, die Gletscher würden im Sommer sehr viel Wasser zur Verfügung stellen. Davon würden große Verbraucher aktuell profitieren. Doch der Kipppunkt ist eben nicht mehr so fern: „In zehn oder 20 Jahren werden die meisten Gletscher ihren maximalen Wasseroutput erreicht haben und danach wird dieser zurückgehen.“

Der „Peak Water“-Moment also, „in dem die Gletscher noch ein gewisses Volumen haben, aber jeden Sommer viel Wasser verlieren und der Nettofluss damit am größten ist“. Schaefli zufolge drohen danach kleine Gletscher ganz zu verschwinden, die großen würden sich rarmachen: „Der Aletschgletscher beispielsweise wird sich auf eine Höhe zurückziehen, auf welcher er überleben kann, aber eben netto nicht mehr Wasser liefert.“

Wasserversorgung durch die Alpengletscher: Wird in Europa bald die Flüssigkeit knapp?

Folglich drohen künftig häufiger Bilder wie im vergangenen Sommer im Rhein. Der schrumpfte an einigen Stellen zu einem kleinen Rinnsal – eine Katastrophe für Flora, Fauna und auch die Schifffahrt. Schaefli gibt zwar zu bedenken, dass Gletscherwasser allein die großen Flüsse nicht schiffbar macht – hier spiele auch Schneeschmelzwasser eine Rolle.

Doch auch die Option verrinnt, wenn der Schneefall im Winter abnimmt. „Wie die Gletscher funktioniert auch die Schneedecke wie ein Reservoir“, erläutert die Expertin: „Außerdem gibt es an Orten, an denen Schnee und Gletscher liegen, auch weniger Wasserverlust durch Verdunstung.“

Video: Forscher befürchten - fast die Hälfte aller Gletscher wohl verloren

Gletscher vor dem Ende? „Lebensadern für Skifahrt- und Wandertourismus“

Zwar könne sich Europa auch abseits der Gletscher mit der natürlichen Flüssigkeit versorgen, schließlich seien die Alpenländer in der Lage, ersatzweise Seen oder Reservoirs anzulegen. Doch Schaefli befürchtet etwa, dass der Tourismus wegen des Gletscherschwunds leiden könnte: „Für einige Gemeinden sind die Gletscher Lebensadern, was den Skifahrt- aber auch den Wandertourismus angeht.“

Zugleich würden Naturkatastrophen realistischer werden. Hier nennt Bauder als Beispiele „Eismassen, die herabbrechen, die in Kombination mit Schneelawinen eine größere Reichweite haben und Täler, Siedlungen und Verkehrswege bedrohen“.

Alpen als „Trinkwasserschloss Europas“: Mehrzahl der Gletscher könnte verschwinden

Jüngsten Studien zufolge gehen Experten davon aus, dass bis ins Jahr 2100 zwei Drittel der Alpengletscher Geschichte wären – selbst wenn das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens aus dem Jahr 2015 eingehalten werden sollte. Gelingt Letzteres nicht, könnten sogar 90 Prozent der Gletscher bis dahin schmelzen. Mit verheerenden Folgen.

Der Bund Naturschutz spricht bei den Alpen vom „Trinkwasserschloss Europas“. Eis und Gletscher im gesamten Gebirgsraum würden ein Volumen von rund 100 Kubikkilometer Wasser umfassen, hinzu käme noch einmal die doppelte Menge in den Alpenseen. Auch München bezieht sein Trinkwasser aus dem Alpenvorland. (mg)

Kommentare