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Antibiotika-Resistenz: Gefahr durch resistente Keime – die nicht endende „Pandemie“

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Die Zahl der Todesfälle durch Antibiotika-Resistenzen steigt. Das liegt vor allem an der falschen Handhabung der Medikamente. Zu häufig verschrieben oder nicht ordnungsgemäß eingenommen – so haben Keime leichtes Spiel und mutieren oft zur multiresistenten Gefahr.

Berlin/Stockholm/Brüssel – Die Nase läuft, der Hals kratzt. Es hat einen erwischt. Ist es Omikron BQ.1.1? Die Grippe, bei der sich Symptome unterscheiden!? Oder gar eine Twindemie? Egal: Schnell ein Antibiotikum eingeworfen und schon ist man wieder fit! Doch das funktioniert leider in über 90 Prozent der Fälle nicht, denn die meisten Infekte sind durch Viren verursacht. Doch Antibiotika helfen nur bei bakteriellen Infektionen, nicht gegen Viren.

Laut einer Umfrage weiß das aber die Hälfte der Europäer nicht und greift deshalb zu oft zum Antibiotikum. Deren unnötiger Gebrauch kann allerdings zu Resistenzen führen – und das kann tödliche Folgen haben.

Antibiotika-Resistenz: RKI-Chef sieht eine „schleichende Pandemie“ – etwa 50.000 Menschen infizieren sich mit antibiotikaresistenten Erregern

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, spricht sogar von einer schleichenden Pandemie, wie die Bild-Zeitung schreibt. Laut RKI infizieren sich etwa 50.000 Menschen in Deutschland mit antibiotikaresistenten Erregern. Etwa 2.500 Menschen in Deutschland sterben jedes Jahr durch multiresistente Erreger. Oft stammen diese aus Krankenhäusern.

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Das Problem besteht in ganz Europa: Mehr als 35.000 Menschen im Europäischen Wirtschaftsraum sterben nach Schätzungen der EU-Gesundheitsbehörde ECDC jährlich aufgrund von Antibiotika-Resistenzen. Das sind 100 Tote täglich. Dabei gibt es große regionale Unterschiede: Im Norden Europas sind die Antibiotika-Resistenzen am geringsten ausgeprägt, in süd- und osteuropäischen Staaten hingegen am stärksten. Antibiotika hätten gesundheitliche Folgen, die vergleichbar mit denen von Influenza, Tuberkulose und HIV/Aids zusammen sind, lautet die alarmierende Bilanz im aktuellen ECDC-Bericht. Aber muss das so sein?

100 Tote täglich in Europa aufgrund von Antibiotikaresistenzen

Nein, denn die Resistenzen bilden sich vor allem deswegen, weil Antibiotika zu oft fälschlich eingesetzt werden, obwohl das medizinisch gar nicht nötig ist. Laut ECDC-Direktorin Andrea Ammon müsse deshalb ein Augenmerk darauf liegen, die unnötige Gabe solcher Medikamente zu vermeiden. Mehr Aufklärung zum richtigen Einsatz von Antibiotika fordert auch der Ärzteverband Marburger Bund. „Aufklärung und konsequente Einhaltung der Rezeptpflicht, die es aus guten Gründen gibt, müssen in ganz Europa gestärkt werden“, sagte die Vorsitzende Susanne Johna laut Deutscher Presseagentur (dpa).

Korrekte Einnahme von Antibiotika verhindert Resistenzen – nie ohne Rezept einnehmen

Um die Entstehung von Resistenzen zu vermeiden, ist es vor allem auch wichtig, dass Antibiotika korrekt eingenommen werden. Und dass deren Wirkung nicht falsch eingeschätzt beziehungsweise überschätzt wird. Gegen Viren helfen Antibiotika nämlich nicht. Bei einem viralen Infekt oder einer Grippe bringen sie also rein gar nichts. Da muss man dann wohl oder übel durch, indem man Tee trinkt und wartet, bis die triefende Nase oder die Halsschmerzen von alleine wieder verschwinden. Was sie in den meisten Fällen nach rund einer Woche tun. Es gibt allerdings ein paar Tricks, mit denen man die Erkältungszeit um ein paar Tage verkürzen kann.

Antibiotika: Gegen Viren helfen sie nicht – auch nicht gegen Corona

Gegen Viren sind Antibiotika also machtlos – auch gegen das Coronavirus. Das wissen viele Menschen allerdings nicht und pochen deshalb oft zu Unrecht darauf, ein Antibiotikum verschrieben zu bekommen – was manche Ärzte dann tun, ohne dass eine gesicherte bakterielle Infektion festgestellt wurde. Denn nur dagegen helfen Antibiotika – und auch nur in diesem Fall ist deren Gabe notwendig und sinnvoll.

Wer ein Antibiotikum erhält, muss es dann auch unbedingt exakt nach Verschreibung einnehmen, und zwar über den gesamten vorgegebenen Zeitraum, auch wenn die Symptome schon nach kurzer Zeit nachlassen, was meistens der Fall ist. Ohne Rezept sollte man grundsätzlich nie ein Antibiotikum einnehmen.

Viel hilft viel? Bei Antibiotika stimmt das nicht, denn die unnötige Gabe führt dazu, dass Keime resistent werden. Das wird zunehmend zum Problem.

Entstehung von Antibiotika-Resistenzen – einige Keime sind von Natur aus resistent

Keime reagieren sehr unterschiedlich auf die Behandlung mit Antibiotika. Und manche sind sozusagen von Natur aus aufgrund ihrer genetischen Information resistent, wie die Fachapothekerin Dr. Anka Röhr gegenüber der Bild-Zeitung erklärt. Prinzipiell sei ein Keim mit Resistenzen nicht krankmachender als einer ohne, es gebe jedoch weniger Therapiemöglichkeiten gegen sie. Diesen Keimen kommt eine besondere Rolle in der Entstehung von Antibiotika-Resistenzen zu.

Denn diese von Natur aus resistenten Keime bleiben bei der Gabe eines Antibiotikums im Körper übrig, während die anderen durch das Medikament abgetötet werden. Dazu gehören auch die Bakterien, die natürlicherweise in unserem Körper vorkommen: das sogenannte Mikrobiom. Es besteht aus rund 30 Billionen Zellen, wie Dr. Röhr erklärt. Sterben viele Keime des Mikrobioms ab, können sich die resistenten Bakterien ungehindert im Mikrobiom ausbreiten und vermehren. In einigen Fällen mutieren sie und geben ihre Erbinformation an die anderen Bakterien weiter, die dann ebenfalls resistent werden. Das Antibiotikum wirkt dann nicht mehr.

Je öfter Antibiotika gegeben werden, desto mehr Resistenzen bilden sich

Oft wird dann ein weiteres Antibiotikum gegeben und das Spiel wiederholt sich. Auch dieses Mittel wird dann in der Folge wirkungslos, weil es nichts mehr gegen die Keime ausrichten kann. Je öfter man Antibiotika gibt, desto weniger nicht-resistente Keime verbleiben. Bakterielle Infektionen können so immer schwerer behandelt werden. Das ist laut Röhr vor allem für ältere oder kranke Menschen ein Problem, die oft Antibiotika nehmen müssen.

Antibiotika helfen nicht immer: Es gibt 100 Tote täglich in Europa aufgrund von Antibiotikaresistenzen.

Die Resistenz ist allerdings häufig nicht von Dauer. Die unempfindlichen Bakterien werden nach sechs bis zwölf Monaten wieder weniger, da die Vermehrung sie viel Energie kostet. Das können sie nicht ununterbrochen aufrechterhalten. Und dann siedeln sich auch wieder andere Keime im Mikrobiom an.

Antibiotika-Resistenz: Bis auf zwei resistente Erreger steigen die Resistenzen nicht an

Deutschland steht laut dpa zurzeit gut da. Bis auf zwei resistente Erreger, die sogenannten Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) und Pseudomonas, steigen die Resistenzen nicht an. Pseudomonas wohnen laut Röhr nicht in unserem Mikrobiom, verursachen aber verschiedene Infektionen, unter anderem schwere Lungenentzündungen. Mit entsprechenden Hygienemaßnahmen und dem umsichtigen Einsatz von Antibiotika lässt sich das Risiko eindämmen.

Rubriklistenbild: © Yay Images/imago

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