„Könnten Luft zum Atmen finden“

„Bayesian“-Passagiere nach Untergang vor Sizilien am Leben? Experte erklärt Theorie

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Eine Luftblasen-Theorie schürt minimale Hoffnung, Insassen könnten den Untergang der „Bayesian“ in Italien überlebt haben. Das steckt hinter dem Szenario.

Palermo – Innerhalb von Augenblicken sank die „Bayesian“ vor der Küste von Italien. Sechs Menschen werden seit dem Bootsunglück vor Sizilien vermisst. Sie wurden im Schlaf von einem Unwetter überrascht und auf den Grund des Meeres gezogen, vermutlich eingeschlossen in ihre Kajüten.

Bootsunglück vor Sizilien: „Bayesian“ sank innerhalb einer Minute – Tiefsee-Experte beschreibt Untergangs-Szenario

Zwischenzeitlich ist ein Video aufgetaucht, dass den Untergang der Luxusyacht zeigt. Bilder des schweren Unwetters in der Unglücksnacht waren bereits zuvor bekannt. Gerade einmal 60 Sekunden dauert es, bis das Schiff vom Wasser geschluckt wurde. „Durchaus möglich, dass ein Boot in so schneller Zeit sinkt. Etwa wenn eine große Welle über das Schiff schlägt oder Türen geöffnet sind“, erklärt Philippe Epelbaum bei IPPEN.MEDIA. Der Schweizer betreibt mit seiner Firma „Subspirit“ ein U-Boot, kennt sich dementsprechend gut mit Bedingungen bei Wassereintritten aus.

Italienische Rettungskräfte haben nach vier Tagen Suche nun auch den Leichnam der 18 Jahre alten Tochter des britischen Milliardärs Mike Lynch geborgen.

„Wenn das Verhältnis von Wasser im Boot zur verdrängten Masse kippt, geht es schnell. Dann gibt es kein Zurück mehr“, betont Epelbaum. Sobald das Schiff zu weit vollgelaufen ist, sinkt es unaufhaltsam.

Haben Passagiere das Yacht-Unglück in Italien überlebt? Luftblasen-Theorie schürt minimale Hoffnung für Vermisste

Aber wie sollen die „Bayesian“-Passagiere so ein Blitz-Unglück überlebt haben? Tatsächlich gibt es weiterhin eine kleine Hoffnung für die Vermissten um den Tech-Milliardär Mike Lynch. Beim Untergang der Yacht vor Sizilien könnte sich eine Luftblase im Inneren des Segelboots gebildet haben.

Wenn ein Schiff seitlich kippt, bildet sich so eine Luftblase üblicherweise auf der nach oben gerichteten Seite. Das kann man sich vorstellen, wie wenn man ein leeres Glas gerade unter Wasser drückt.

„Und wenn die Personen Glück hatten, in so einem Raum waren, könnten sie da Luft zum Atmen finden – auch am Grund“, erklärt Epelbaum.

Das letzte Foto der „Bayesian“ – Bilder des tragischen Yacht-Unglücks vor Italien

Yacht-Drama vor Sizilien. 22 Urlauber waren an Bord des Luxus-Segelboots, das am Montagmorgen (19. August) bei einem schweren Unwetter in Italien sank.
Yacht-Drama vor Sizilien. 22 Urlauber waren an Bord des Luxus-Segelboots, das am Montagmorgen (19. August) bei einem schweren Unwetter in Italien sank. © Vigili del Fuoco
„Das Boot ist einfach verschwunden“, berichten Fischer aus Palermo. Die „Bayesian“ sank gegen 4 Uhr morgens, am Tag darauf suchen Boote, Taucher und Helikopter nach Überlebenden.
„Das Boot ist einfach verschwunden“, berichten Fischer aus Palermo. Die „Bayesian“ sank gegen 4 Uhr morgens, am Tag darauf suchen Boote, Taucher und Helikopter nach Überlebenden. © Lucio Ganci/picture aliiance/dpa/AP
Tische, Schirme, Stühle und Blumentöpfe fliegen beim Unwetter in Palermo durch die Luft. Auf dem Wasser verursachte der Sturm wohl einen Tornado.
Tische, Schirme, Stühle und Blumentöpfe fliegen beim Unwetter in Palermo durch die Luft. Auf dem Wasser verursachte der Sturm wohl einen Tornado. © BAIA Santa Nicolicchia
Etliche Rettungskräfte sind am Einsatz in Italien beteiligt. Ambulanz und Polizei stehen am Ufer von Porticello bereit.
Etliche Rettungskräfte sind am Einsatz in Italien beteiligt. Ambulanz und Polizei stehen am Ufer von Porticello bereit.  © Igor Petyx/Imago
Rettungskräfte bergen die Leiche eines der Opfer des unter britischer Flagge fahrenden Schiffes „Bayesan“. Es handelt sich laut Medienberichten um den Koch des Urlauberschiffs. Sechs weitere Menschen bleiben vermisst.
Rettungskräfte bergen die Leiche eines der Opfer des unter britischer Flagge fahrenden Schiffes „Bayesan“. Es handelt sich laut Medienberichten um den Koch des Urlauberschiffs. Sechs weitere Menschen bleiben vermisst. © Lucio Ganci/picture alliance/dpa/AP
Unter den Vermissten ist laut britischen Medien der Tech-Milliardär Mike Lynch, auch bekannt als „englischer Bill Gates“. Ihm soll die gesunkene Yacht gehört haben.
Unter den Vermissten ist laut britischen Medien der Tech-Milliardär Mike Lynch, auch bekannt als „englischer Bill Gates“. Ihm soll die gesunkene Yacht gehört haben. © BEN GURR/ POOL/AFP
Tauchteams suchen nach der versunkenen Yacht. Laut Feuerwehr liegt sie in rund 50 Metern Tiefe. Es wird befürchtet, dass Passagiere während des Unwetters in den Kabinen waren und von den Wassermassen eingeschlossen wurden, als die „Bayesian“ sank.
Tauchteams suchen nach der versunkenen Yacht. Laut Feuerwehr liegt sie in rund 50 Metern Tiefe. Es wird befürchtet, dass Passagiere während des Unwetters in den Kabinen waren und von den Wassermassen eingeschlossen wurden, als die „Bayesian“ sank. © Vigili del Fuoco
Überlebende schildern dramatische Szenen vom Kentern der Luxus-Yacht. Eine Frau berichtet, ihre Tochter sei ihr in den Fluten erst entglitten, doch dann habe sie sie „fest umarmt“ und schließlich wurden beide gerettet. Insgesamt 15 Personen wurden am Morgen von der Küstenwache und freiwilligen Helfern an Land gebracht.
Überlebende schildern dramatische Szenen vom Kentern der Luxus-Yacht. Eine Frau berichtet, ihre Tochter sei ihr in den Fluten erst entglitten, doch dann habe sie sie „fest umarmt“ und schließlich wurden beide gerettet. Insgesamt 15 Personen wurden am Morgen von der Küstenwache und freiwilligen Helfern an Land gebracht.  © Vigili del Fuoco
Die Staatsanwaltschaft von Termini Imerese leitete noch am Montag Untersuchungen zum Bootsunglück vor Palermo ein. Unter anderem wurden die Überlebenden, darunter der Kapitän, vernommen.
Die Staatsanwaltschaft von Termini Imerese leitete noch am Montag Untersuchungen zum Bootsunglück vor Palermo ein. Unter anderem wurden die Überlebenden, darunter der Kapitän, vernommen.  © Vigili del Fuoco
Derweil geht die Suche nach den Vermissten weiter. Mit jeder Stunde schrumpft allerdings die Hoffnung der Feuerwehr, Menschen lebend zu finden. Es bleibt, auf kleine Wunder zu hoffen.
Derweil geht die Suche nach den Vermissten weiter. Mit jeder Stunde schrumpft allerdings die Hoffnung der Feuerwehr, Menschen lebend zu finden. Es bleibt, auf kleine Wunder zu hoffen. © Vigili del Fuoco
Das ist das letzte Foto der „Bayesian“, bevor sie am Montagmorgen bei einem Unwetter vor Sizilien versank. Am Abend zuvor hatte die Urlaubsgruppe an Bord noch eine Party gefeiert. Ein Barkeeper aus Bagheria fotografierte das hell erleuchtete Schiff am Sonntagabend gegen 22 Uhr.
Das ist das letzte Foto der „Bayesian“, bevor sie am Montagmorgen bei einem Unwetter vor Sizilien versank. Am Abend zuvor hatte die Urlaubsgruppe an Bord noch eine Party gefeiert. Ein Barkeeper aus Bagheria fotografierte das hell erleuchtete Schiff am Sonntagabend gegen 22 Uhr. © Fabio la Bianca
Die Suche nach dem britischen Technologiemagnaten Mike Lynch geht weiter, nachdem die „Bayesian“ vor Sizilien gesunken ist. Italienische Rettungskräfte, die Feuerwehr und die Küstenwache sind im Einsatz. Hubschrauber unterstützen die Suche auf Hochtouren.
Die Suche nach dem britischen Technologiemagnaten Mike Lynch geht weiter, nachdem die „Bayesian“ vor Sizilien gesunken ist. Italienische Rettungskräfte, die Feuerwehr und die Küstenwache sind im Einsatz. Auch Hubschrauber unterstützen die Suche. © Fotogramma/IPA/ABACAPRESS/IMAGO
Die Leichen von fünf der bislang sechs Vermissten nach dem Yacht-Unglück wurden im Wrack entdeckt. Vier Körper konnten am Mittwoch (21. August) geborgen werden. Dabei handelt es sich um zwei Ehepaare.
Die Leichen von fünf der bislang sechs Vermissten nach dem Yacht-Unglück wurden im Wrack entdeckt. Vier Körper konnten am Mittwoch (21. August) geborgen werden. Dabei handelt es sich um zwei Ehepaare. © Jonathan Brady/dpa
Der fünfte Leichensack wird im Hafen von Porticello von Rettungskräften an Land gebracht, die nach den sechs Touristen suchen, die vermisst werden, nachdem die Luxusyacht Bayesian am Montag in einem Sturm gesunken war, während sie etwa eine halbe Meile vor der sizilianischen Küste festgemacht hatte.
479004340.jpg © Jonathan Brady/picture alliance/dpa
Das Aufgebot der Einsatzkräfte vor der Küste von Palermo war enorm. Die Bergungsarbeiten gestalteten sich unter anderem so schwierig, weil den Tauchern am Grund nach dem Abtauchen in 50 Meter Tiefe nur zehn Minuten zum Arbeiten blieben. Ein Tauchroboter unterstützte.
479037496.jpg © Salvatore Cavalli/picture alliance/dpa/AP
Ein Boot mit einem Tauchteam macht sich am vierten Tag der Such- und Bergungsaktion auf den Weg zur Bayesian. Eine weitere Leiche wurde geborgen. Vermutlich handelt es sich um den britischen Milliardär Mike Lynch oder dessen 18-jährige Tochter.
Ein Boot mit einem Tauchteam machte sich am vierten Tag der Such- und Bergungsaktion auf den Weg zur Bayesian. Eine weitere Leiche wurde geborgen. Vermutlich handelt es sich um den britischen Milliardär Mike Lynch oder dessen 18-jährige Tochter. © Jonathan Brady/dpa

„Bayesian“-Theorie erinnert an „Wunder von Jascon 4“: Schiffkoch überlebte drei Tage in gesunkenem Schlepper

Die Theorie über das Bootsunglück in italien stammt nicht vom Tiefsee-Experten selbst, er erinnert an das als „Wunder von Jascon 4“ bekannt gewordene Überleben eines Schiffkochs bei einem Schlepper-Unglück aus dem Jahr 2013. Der Frachter war vor der Küste von Nigeria auf 30 Meter Tiefe gesunken. Schiffkoch Harrison Odjegba Okene überlebte drei Tage lang im Wrack auf dem Meeresgrund, bevor er plötzlich wieder auftauchte.

Epelbaum betont im Fall der „Bayesian“ allerdings: „Ob es so eine Blase gegeben hat, ist nur eine theoretische Möglichkeit. Wenn das wirklich passiert sein sollte, haben die Passagiere eine kleine Chance.“ Diese Chance dürfte jedoch deutlich kleiner sein als die in der „Jascon 4“. Hauptsächlich, weil das Schiff auch kleiner ist. Im Schlepper herrschten ganz andere Größenverhältnisse, die mehr Raum für größere Lufteinschlüsse bilden.

Bedrückendes Szenario zu Yacht-Unglück in Italien: „Mit jedem Atemzug wird der Sauerstoff geringer“

Denn: Unter Wasser geht zwangsläufig irgendwann die Atemluft zur Neige. „Mit jedem Atemzug wird der Sauerstoff geringer“, führt Epelbaum über die Verhältnisse in der Yacht nach dem Bootsunglück in Italien aus. Mann könne sich das vorstellen, als wenn man sich eine Plastiktüte über den Kopf gezogen hat. Nach kurzer Zeit ist die Luft verbraucht. Für 24 bis 36 Stunden könnte sie in der 50 Meter langen Yacht aber vielleicht reichen.

Leider gestalten sich die Rettungsarbeiten vor Sizilien aber momentan schwierig. Möbel und Schrott versperren den Tauchern den Weg in die „Bayesian“. Am Dienstag haben Einsatzkräfte erstmals ein Loch in den Rumpf geschnitten, in der Hoffnung, Zugang zu den Kajüten zu bekommen. Gelungen ist das bislang nicht – und mit jeder Stunde wird die Hoffnung auf weitere Überlebende des Bootsunglücks vor Sizilien noch kleiner. (moe)

Rubriklistenbild: © Jonathan Brady/PA Wire/dpa

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