„Ein echter Glückstreffer“

Bekannter Ostsee-Delfin „Delle“ begeistert Forscher mit ungewöhnlichem Verhalten

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Der Delfin „Delle“ ist kein gewöhnlicher Tümmler. So viel war spätestens mit seinen spektakulären Flugeinlagen vor der Ostsee-Küste klar. Jetzt verblüfft er erneut.

Travemünde – Rund um die Ostsee ist er eine kleine Sensation: Delfin „Delle“. Touristen steuern gezielt die Lübecker Bucht an, um ihn zu erspähen, Einheimische erfreuen sich ebenfalls über seine Anwesenheit. Und mindestens genauso gerne, wie sie ihn haben, scheint der Tümmler Menschen zu haben.

Immer wieder sucht er die Nähe zu den Zweibeinern, legt für sie spektakuläre Sprünge aus dem Wasser hin. In Dänemark, wo er lange lebte, soll er mit einem Wassersportler Freundschaft geschlossen haben. Nun stellte ein Forscher-Team ein weiteres bemerkenswertes Verhalten an ihm fest.

Delle zieht alleine durch die Ostsee – Forscher fangen Rufe ein

Immer häufiger sind Artverwandte der Delfine in der Weser und Elbe unterwegs. Der Ostsee-Liebling lebt aber alleine – das für sich genommen ist schon auffällig. Denn eigentlich sind Delfine Rudeltiere, mitunter können aber auch Einzelgänger unter ihnen sein. 114 solcher Solitärdelfine listet die britische Naturschutzorganisation Marine Connection in ihrem Bericht „Lone Rangers“ von 2019 auf.

Nun haben Wissenschaftler der University of Southern Denmark festgestellt, dass Delle Geräusche von sich gibt. Seit Jahren ist bekannt, dass Delfine miteinander „sprechen“, etwa um ihre Jungen zu erziehen, zu jagen oder Haie in die Flucht zu schlagen. Und dennoch stellt ihre Sprache die Wissenschaft vor Rätsel. „Wenn wir es schaffen würden, bestimmte Äußerungen mit konkreten Verhaltensweisen zu verbinden, wären wir einen großen Schritt weiter“, sagte Forscher Stan Kuczaj National Geographic in 2015.

Womöglich ist dem Team um Forscherin und Meeresschützerin Olga Filatova das mit Delle gelungen. In einer zweimonatigen Studie von Dezember 2022 bis Februar 2023 zeichneten sie im Hafen von Svendborg (Dänemark) Laute auf. Wie die Deutsche Stiftung Meeresschutz auf ihrer Facebook-Seite schreibt, habe das allein lebende Tier in rhythmischen Schüben impulsartige und tonale Töne von sich gegeben. Da aber keine Echo-Ortungslaute folgten, konnten die Forscher ausschließen, dass Delle sich auf der Jagd befunden hatte. Warum also hat das Tier gesprochen – und vor allem, mit wem?

„Ein echter Glückstreffer“: Ostsee-Forschern gelingt mit Delle seltene Delfin-Aufnahme

Diese Frage umtreibt und fasziniert gleichermaßen auch das Forschungsteam. „Für Forscherin Olga Filatova und ihr Team war das eine einmalige Gelegenheit, einen dieser rätselhaften Solitärdelfine zu belauschen“, schreibt die Stiftung. Und: „Solche Solitärdelfine sind sehr selten. Dass man die Chance bekommt, ihre Laute zu untersuchen, ist ein echter Glückstreffer“, zitiert die Bild sie.

Delfin Delle begeistert die Menschen in Travemünde, im Hintergrund der Strand auf dem Priwall Travemünde zu sehen. (Archivfoto, 2023)

Rief das Tier nach seinem Menschen-Freund, dem Wassersportler Jesper Stig Andersen, der ihm auch den Namen verlieh? „Delle“ ist, wie der Däne der Stiftung erklärte, lediglich die Abkürzung für „Dellefin“. Über drei Jahre kreuzten sich die Wege der beiden immer wieder in der dänischen Bucht. Der Kontakt bewegte Mensch und Tier offenbar so sehr, dass Andersen seinem Freund ein Buch widmete. Seit 2023 taucht „Delle“ vermehrt vor der deutschen Ostsee-Küste auf, besonders im Sommer 2024.

Ein ungewöhnlicher Umgang, und auch kein ganz ungefährlicher für Mensch und Tier. „Delfine gelten als freundlich, aber eigentlich sind sie wilde Tiere, denen man mit Vorsicht und Respekt begegnen sollte“, warnt die US-amerikanische Meeresbehörde NOAA Fisheries. Durch Interaktionen mit Menschen könne sich das Verhalten von Delfinen ändern. „Sie verlieren ihre natürliche Vorsicht, was sie zu leichten Zielen für Vandalismus und Haiangriffe macht.“ Die Deutsche Stiftung Meeresschutz rät, auch in eigenem Interesse Abstand zu dem Raubtier zu halten.

„Emotionale Laute“: Delle‘s Rufe werfen Fragen auf – und ein beklemmendes Gefühl

Die „Selbstgespräche“ des Tieres haben wohl aber einen eher traurigen Hintergrund, wie die Forscher vermuten – Einsamkeit. „Die Laute könnten als emotionale Signale unbeabsichtigt erfolgen oder anderen Funktionen als der direkten Kommunikation dienen“, ist eine These des Teams. Eine andere ist, dass das Team schlichtweg nach anderen Artgenossen rufe, um auf sich aufmerksam zu machen. Möglich sei auch eine einfache „Ersatzhandlung“, weil Delle sich nach sozialer Interaktion sehne.

Dass der 15-jährige Tümmler mit Menschen sprechen wollte, ist eher unwahrscheinlich. Wie die Stiftung schreibt, habe Delle auch nachts diese Töne ausgestoßen – „als weit und breit niemand in der Nähe war“. Rätsel wirft den Meeresforschern auch ein reihenweises Robbensterben auf Rügen. (rku)

Rubriklistenbild: © Susanne Hübner, Susanne Huebner/Imago

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