VonRomina Kunzeschließen- Bettina Menzelschließen
Betrüger haben eine besonders perfide Masche entdeckt. Ihre Opfer sind pflegebedürftig. Am Ende tragen die Beitragszahler der Krankenkasse die Kosten.
Syke – Wer den Alltag gesundheitlich nicht mehr selbstständig bewältigen kann und auf Hilfe angewiesen ist, gilt als pflegebedürftig. Genau diese Menschen haben Kriminelle nun für eine neue Betrugsmasche ins Visier genommen: Unseriöse Firmen schwatzen den Betroffenen Abos für Einwegprodukte auf, die sie gar nicht brauchen. Die Rechnung bezahlt am Ende die Pflegekasse – und das geht unterm Strich auf Kosten der Beitragszahler.
Verbraucherzentralen warnen vor „riesigen Verschwendung“ auf Kosten der Beitragszahler
Verbraucherzentralen und Krankenkassen warnen vor Geschäftemacherei mit Pflegebedürftigen. Die Betrüger nutzen dabei eine Regelung für sich, die Pflegebedürftigen unbürokratisch den Bezug von Einwegartikeln wie Masken, Desinfektionsmittel oder Einmalhandschuhen erlaubt. 40 Euro sind dafür pro Person vorgesehen und ein Rezept vom Arzt oder eine Genehmigung der Kasse ist nicht nötig.
Die Masche funktioniert so: „Eine pflegebedürftige Person wird zu Hause angerufen und dazu gedrängt [...], einen Vertrag über die regelmäßige Lieferung abzuschließen“, teilte die AOK der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit. Oftmals lenken die Angerufenen ein, denn die Betrüger geben sich als Mitarbeiter der Krankenkasse aus. Teilweise gebe es auch Hausbesuche, bei denen die Menschen zu einer Unterschrift überredet würden. Die Betrüger würden laut Verbraucherzentrale immer dreister und gingen dazu über, Unterschriften auch einfach zu fälschen.
Zwar würden die Artikel tatsächlich geliefert. „Aber oft werden diese gar nicht benötigt, auch deren Qualität ist zuweilen fraglich“, so die AOK. Die Rechnung dafür erhalte die Krankenkassen, die finanziell ohnehin unter Druck stehen und ihre Zusatzbeiträge zuletzt bereits anhoben. Pflege-Expertin Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen sieht in der Betrugsmasche „eine riesige Verschwendung“ auf Kosten der Beitragszahler.
Kriminelle nutzen Notsituation der Betroffenen und Angehörige aus: Betrug auch übers Internet
Neben der AOK berichten auch die Krankenkassen DAK-Gesundheit und die Techniker Krankenkasse von solchen Fällen. Das Vorgehen hat also System. „Leider treffen Kriminelle auf ohnehin sehr belastete, ältere und kranke Menschen oder ihre Angehörigen und nutzen die Situation in den Familien dementsprechend aus“, sagte die Sprecherin der DAK-Gesundheit in Hessen, Sandra Scheuring der dpa. Oft sei den Betroffenen gar nicht bewusst, etwas beantragt oder eine Unterschrift bei einem Anbieter geleistet zu haben.
Die Betrugsfälle wurden bislang insbesondere aus Hessen gemeldet. Doch Gefahr besteht auch in anderen Bundesländern, weshalb die Verbraucherzentralen bundesweit das Thema auf dem Schirm haben. Teilweise finden die Kriminellen ihre Opfer übers Internet. Der Betrug fände auch auf Webseiten mit Informationen für Pflegebedürftige statt, erklärt DAK-Sprecherin Scheuring. Wer beispielsweise online nach Pflegeunterstützung suche, lande schnell auf einer der Seiten der Betrüger.
So können sich Pflegebedürftige und Angehörige schützen: Was Verbraucherzentralen raten
Sowohl Krankenkassen als auch die Verbraucherzentrale Hessen raten Pflegebedürftigen oder ihren Angehörigen dazu, auf keinen Fall Auskünfte über die Kranken- oder Pflegekasse, zu ihren finanziellen Verhältnissen, zu Pflegegraden oder Pflegegeldansprüchen zu geben. Am Telefon sollten Menschen im Verdachtsfall einfach auflegen. Niemand sollte etwas unterschreiben, ohne vorher mit seiner Krankenkasse Rücksprache gehalten zu haben.
Online weist die Techniker Krankenkasse in einer Warnung darauf hin, dass Werbeanrufe nach dem Gesetz nur mit der ausdrücklichen Einwilligung des Angerufenen erfolgen dürfen. Fehlverhalten könne bei der Bundesnetzagentur gemeldet werden. Wer bereits einen der betrügerischen Verträge unterzeichnet hat, kann Widerspruch einlegen und den Vorfall ebenfalls bei der Bundesnetzagentur oder der Polizei melden.
Anzeigen sind in Hessen laut Angaben des dortigen Landeskriminalamtes noch nicht eingegangen, wie es von der Pressestelle an die dpa hieß. Von Betrug will man dort nicht pauschal sprechen, denn vertraglich zugesicherte Leistung werde ja erbracht. Bei vielen Betrogenen gibt es womöglich gar kein Problembewusstsein. „Ich fürchte, bei vielen Leuten stapeln sich die Pakete, aber die denken sich: Das ist ja nett, dass die Kasse mir das schickt“, glaubt Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen (bme/dpa).
