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An der Brennerautobahn droht auf Jahre hinaus ein heftiges Nadelöhr auf österreichischer Seite: Die Gemeinde Gries klagt gegen den Neubau der baufälligen Luegbrücke – und fordert stattdessen einen Tunnel.
Gries am Brenner - Jeder, der auf der Brennerautobahn nach Italien gefahren ist, hat sie schon passiert: Die Luegbrücke. Das 1,8 Kilometer lange Viadukt auf der österreichischen Seite der Brennerachse. Die Megabrücke wurde 1968 fertiggestellt – und bröckelt unablässig vor sich hin. Um die Standfestigkeit zu garantieren, wurde sie bereits mit Stahlpfeilern auf neuen Fundamenten in den Felsen abgestützt.
Provisorische Stahlpfeiler gegen Einsturz der Brücke
Trotz ständiger Sanierungmaßnahmen, wie sie seit diesen Sonntag wieder bis 20. Oktober laufen, komme das Bauwerk „immer eindeutiger an das Ende ihrer Nutzungsdauer, das zeigen die laufenden Überwachungen des Tragwerkes“, sagt der Betreiber der österreichischen Brennerautobahn Asfinag.
Das staatliche Unternehmen plant einen Neubau, der eigentlich kommendes Jahr starten und 2030 beendet sein sollte. Doch die Gemeinde Gries am Brenner, in deren Gebiet die Brücke liegt, stellt sich quer. Denn das rund 1350 Einwohner zählende Dorf fürchtet, dass die neue Brücke breiter als bisher und damit noch mehr Verkehr anziehen wird.
Bürgermeister: Krebsrate im Tal schnellt in die Höhe
Schon jetzt leiden die Bewohner des Tales unter Lärm und Abgasen des Transitverkehrs: 2,48 Millionen Lastwagen wurden voriges Jahrs gezählt, das sind 283 Laster pro Stunde – Tendenz steigend. „Der Lärm rund um die Uhr ist immens, die Feinstaubbelastung wächst, nicht nur durch Abgase, sondern auch durch Gummiabrieb der Reifen und Bremsabrieb“, berichtet Bürgermeister Karl Mühlsteiger. „Die Anzahl schwerer Krebserkrankungen in unserer Gemeinde ist nach oben geschossen.“
Der Gemeindechef befürchtet, dass die neue Brücke viel mehr Verkehr auf die Brennerautobahn lenken werde. „Die neue Brücke soll insgesamt sechs Fahrspuren und zwei überbreite Standspuren bekommen“, so Mühlsteiger. Derzeit hat sie vier Fahrspuren und nur Richtung Norden einen schmalen Pannenstreifen. „Die breite Pannenspur kann dann auch freigegeben werden, dann haben wir acht Fahrspuren.“
Autobahn soll im Tunnel verschwinden, fordern die Bürger
Der Ortschef resümiert: „Für unsere Jugend würde mit der neuen Brücke der Lebensraum und die Lebensqualität auf Jahrzehnte weiter verbaut.“ Die neue Brücke würde laut Asfinag-Sprecher Alexander Holzedl nur vier Spuren haben, der Pannenstreifen dürfe nur während Baustellen für den Verkehr freigegeben werden. Die Grieser forderten darum, statt einer neuen Brücke einen Tunnel zu bauen. Damit wäre das zum Brenner führende Wipptal auch wieder so schön, wie vor dem Autobahnbau und auch der Tourismus hätte wieder Chancen.
Die Asfinag und der österreichische Staat lehnten die unterirdische Variante jedoch ab. 2020 wurde nach einem Sachverständigengutachten die Tunnelvariante begraben. Der Bau des Tunnels würde mindestens zehn Jahre dauern, hieß es. Doch der Grieser Bürgermeister Karl Mühlsteiger will sich nicht damit abfinden und hat am Freitag Beschwerde gegen den Bescheid des Verkehrsministeriums zur Generalsanierung der Autobahnbrücke Lueg erhoben.
Spatenstich wurde verschoben
Das heißt: Der für kommendes Jahr geplante erste Spatenstich kann nicht erfolgen, wie lange das jetzt ins Rollen kommende Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht dauern und wie es ausgehen wird, ist unkalkulierbar. Die Asfinag warnt: Ab 2025 werde man „mit Maßnahmen wie z.B. der Einspurigkeit“ rechnen müssen – bis wann, ist unklar. Das hieße: Tempo 40 – und die Brennerautobahn würde zum Dauer-Schleichweg.
Eine der Maßnahmen des Landes Österreichs, um den Verkehr an Tagen mit besonders hohen Lkw-Aufkommen zu dosieren, ist die Blockabfertigung für Lkw am Brenner und in Kufstein. Am Tag der Deutschen Einheit sorgte diese für einen 110-Kilometer-Stau an der Südseite des Brenners. Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega-Partei besuchte wie vorige Woche angekündigt am Montagnachmittag den Grenzübergang.
Italiens Minister Salvini tobt an der Grenze
Salvini tobte: „Die illegalen, ungerechten, ignoranten und arroganten Fahrverbote schaden der Umwelt und Wirtschaft.“ Nach „Jahren des Geschwätzes und von Verhandlungstischen“ und „nachdem viel Zeit verloren gegangen ist“, ist für Salvini klar, „dass Österreich das Problem nicht lösen will“. Hintergrund: Am 22. Oktober sind Landtagswahlen in Südtirol und dem Trentino, Salvini war auf Wahlkampftour.
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