„Alles flog durch die Gegend“

Kreuzfahrtschiff gerät mitten in heftigen Orkan - Passagiere schildern Chaos-Szenen an Bord

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    Romina Kunze
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Sturmtief ‚Ciaran‘ fegt über Europa und trifft ein Kreuzfahrtschiff auf dem Weg in die Karibik. Die Passagiere erleben eine turbulente Fahrt.

München – Es ist sicherlich nicht die ideale Zeit für eine Seereise. Das mussten auch die Gäste auf der „Mein Schiff 3“ feststellen. Einige berichten auf Social Media von einer turbulenten Fahrt entlang der Atlantikküste von Frankreich und Spanien. Die Mehrheit der etwa 2500 Kreuzfahrt-Passagiere hatte wahrscheinlich eher auf einen Urlaub am Sonnendeck gehofft, doch es kam anders.

Mitte der Woche zeigte sich Sturmtief „Ciaran“ über Europa. Am Donnerstag (2. November) erreichte der heftige Sturm auch Deutschland. Fotos von meterhohen Wellen, die auf die Küsten prallen, und von Verwüstungen an Land verdeutlichen die Kraft, mit der das Tief über Europa zog und bisweilen noch zieht.

Sturmtief „Ciaran“ verwüstet Europa: Aufnahmen verdeutlichen die Wucht des Orkans

Vielerorts hat der Orkan „Ciaran“ an der Küste für Meter hohe Wellen gesorgt, die auf das Land geprallt sind.
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In der Region Asturien (Spanien) hat Sturmtief „Ciaran“ („Emir“) riesige Wellen verursacht.
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In Italien sorgte Sturmtief „Ciaran“ vielerorts für heftige Überschwemmungen.
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Sturmtief „Ciaran“ bringt heftige Unwetter in die Toskana (Italien).
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Ein Passagier der „Mein Schiff 3“ dokumentiert auf Facebook, wie Sturmtief „Ciaran“ über den Dampfer hinwegfegt. (Foto-Montage)
Ein Passagier der „Mein Schiff 3“ dokumentiert auf Facebook, wie Sturmtief „Ciaran“ über den Dampfer hinwegfegt. (Foto-Montage) © Facebook/Knud Jetten
Sturm-Gefahr auf dem Brocken: Windböen mit Spitzengeschwindigkeiten von über 100 Km/h machen es Wanderern schwer, sich auf dem Berg in Sachsen-Anhalt aufrecht zu halten.
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Die Dackelhündin Susi jagt am Strand nach umherfliegenden Gräsern. Der Deutsche Wetterdienst hat eine Sturmwarnung für Teile der Nordseeküste herausgegeben.
Die Dackelhündin Susi jagt am Strand nach umherfliegenden Gräsern. Der Deutsche Wetterdienst hat eine Sturmwarnung für Teile der Nordseeküste herausgegeben. © Sina Schuldt/dpa
Angeschwemmte Boote liegen am Strand in der Bretagne (Frankreich) im Sand.
Angeschwemmte Boote liegen am Strand in der Bretagne (Frankreich) im Sand. Das Orkantief „Ciaran“ bedroht Teile von Europa mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 180 Km/h, heftige Regenfälle und riesige Wellen trafen in der Nacht auf die französische Atlantikküste. © Jeremias Gonzalez/dpa
Schaum und Gischt fließen über eine Straße in Westfrankreich (2. November 2023), als der Sturm „Ciaran“ über die Region zieht.
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Ein Mann geht durch das Hochwasser in Nordirland, wo Sturmtief „Ciaran“ tagelange heftigen Regenfällen brachte.
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Sturm-Gefahr auf dem Brocken: Tief Emir hat den Harzerreicht.
Sturm-Gefahr auf dem Brocken: Tief Emir hat den Harzerreicht. Auf dem Brocken herrschen starke Windböen mit Spitzengeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometern. Wanderer hatten Mühe sich bei dem Wind aufrecht bau halten. © Matthias Bein/dpa

Orkan „Ciaran“ trifft Kreuzfahrtschiff – Verletzte gab es glücklicherweise nicht

Die „Mein Schiff 3“ hatte nur wenige Tage zuvor Bremerhaven in Richtung Karibik verlassen und war gerade auf dem Weg nach Teneriffa, als der Orkan aufkam und das riesige Schiff von TUI Cruises gewaltig durchrüttelte. Laut dem Branchenportal schiffe-und-kreuzfahrten.de sollen die Wellen bis zu acht Meter hoch gewesen sein, als das Schiff seine erste Etappe zur spanischen Insel antrat.

„Sämtliche Außenbereiche wurden bereits vorsorglich gesperrt“, berichtet ein Passagier der „Mein Schiff 3“ am Donnerstag (2. November) auf der Plattform und fügt seinem Bericht zahlreiche Fotos und Videos hinzu. In einem weiteren seiner Beiträge zeigt er, dass das Mobiliar des Bordrestaurants sturmsicher gemacht wurde. Stühle und Tische wurden mit Klarsichtfolie eingewickelt und fest verpackt. „Das Geschirr und alles, was nicht irgendwie gesichert war, flog durch die Gegend“, ist in weiteren Berichten von Passagieren zu lesen. „Selbst im Bett musste man sich festkrallen, um nicht herauszufallen.“

Die Veranstaltungen im Inneren konnten jedoch wie geplant durchgeführt werden. Niemand wurde verletzt, bestätigte eine Sprecherin von TUI Cruises gegenüber IPPEN.MEDIA.

Große Kreuzfahrtschiffe bieten mehr Angriffsfläche für Stürme – trotz Stabilisatoren

Hochsee-Dampfer sind normalerweise in der Lage, hohem Wellengang standzuhalten. Das liegt daran, dass moderne Kreuzfahrtschiffe mit fortschrittlichen Stabilisatoren ausgestattet sind, die für weitgehende Ruhe an Bord sorgen. Jedoch sind Kreuzfahrtschiffe anfälliger für Sturmtiefs, so die Kreuzfahrt-Zeitung. „Schiffe, die über dem Wasser eine große Fläche aufweisen, haben mehr Angriffsfläche für den Wind, während ein größerer Tiefgang für eine ruhigere Fahrt sorgt“, betont das Fachblatt.

„Ciaran“ erreichte in einigen Gebieten Spitzenwerte von bis zu 200 Kilometer pro Stunde und die höchste Windstärke 12, was auch in Deutschland Todesopfer forderte. Eine Routenänderung, die oft durchgeführt wird, um Stürme zu umgehen, war für die „Mein Schiff 3“ im Atlantik nicht machbar, so schiffe-und-kreuzfahrten.de. Dies war auch notwendig, um den Zeitplan nicht zu gefährden.

Hurrikan-Saison in der Karibik - neue Turbulenzen nicht auszuschließen

Der Sturm erlaubte dem Schiff nur eine reduzierte Geschwindigkeit von 12 Knoten (ca. 22 Km/h). Üblicherweise fahren die Dampfer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Knoten (46 Km/h). Die „Mein Schiff 3“ passte ihre Geschwindigkeit an und erhöhte sie dann nach Rücksprache mit der Flottenleitung offenbar deutlich, „um vor den stärksten Auswirkungen des Sturms die Unwetter-Region wieder zu verlassen“, bestätigte die Sprecherin des Unternehmens.

Kreuzfahrt-Urlaub: Unschöne Wahrheiten, die alle kennen sollten

Es ist der Qualm eines Kreuzfahrtschiffs zu sehen.
Auf den Meeren gelten andere Schadstoff-Regelungen als an Land. Doch warum ist das so? Bisher gibt es keine gesetzlichen Vorschriften für Rußpartikelfilter im Schiffsbetrieb. Kreuz- und Frachtschiffe können daher ohne Einschränkungen auf den Meeren umherfahren. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) fordert die Kreuzfahrtreedereien daher auf, auf Schiffsdiesel für Kreuzfahrten umzusteigen sowie flächendeckend Rußpartikelfilter und Stickoxidkatalysatoren an Bord einzusetzen. © Frank Bienewald/Imago
Kreusfahrtschiff „Mein Schiff 2“ von Tui Cruises.
Der Energieverbrauch eines Kreuzfahrtschiffes ist nicht auf die Fahrten auf dem Meer begrenzt. Auch bei Landgängen sowie dem Ein- und Auschecken müssen wird Energie benötigt. Gastronomie, Klimaanlagen und Licht laufen in dieser Zeit weiter, obwohl keine Passagiere an Bord sind.  © imago
Umweltverschmutzung in Form von Qualm am Himmel verursacht durch ein Kreuzfahrtschiff.
Kreuzfahrtschiffe schaden der Umwelt auch durch enormen Ausstoß von Treibhausgasen. Bei jeder Fahrt fallen Umwengen CO2- Feinstaub- und Stickoxid-Emissionen an. Dem Umweltbundesamt (UBA) zu Folge verbraucht eine Person bei einer einwöchigen Mittelmeerkreuzfahrt rund 1,9 Tonnen CO2-Äquivalent – An- und Abreise sind dabei nicht mit einberechnet. Zum Vergleich: Ein Mensch in Deutschland verbraucht jährlich 1,5 Tonnen CO2-Äquivalent.  © Katrin May/Imago
Abstrakte Deckansicht eines luxuriösen Passagierkreuzfahrtschiffs und Reling.
Die meisten Kreuzfahrtschiffe werden immer größer. Sie können mehr Touristen aufnehmen, und sind länger auf den Meeren unterwegs – davon profitieren vor allem die Reedereien. Denn je mehr Menschen verpflegt werden können, umso mehr Geld wird an Bord verdient.  © Andy Dean/Imago
Rialto Brücke in Venedig.
Angefahrene Urlaubsorte profitieren kaum von Landgängen. Die Urlaubsströme belasten dagegen vielmehr beliebte Reiseziele wie Barcelona und Venedig. Denn wenn sich plötzlich bis zu 6.000 Kreuzfahrer durch die engen Gassen der Städte zwängen, bleibt von der entspannten Urlaubs-Athmosphäre nicht mehr viel übrig. Die gute Nachricht: Venedig verbannt die Schiffsriesen in Zukunft vor die Stadt, um die einzigartigen Gebäude und Grachten zu schützen.  © Frank Bienewald/Imago
Ein rotes Schiff auf schwarzem Hintergrund.
Schlechte Arbeitsverhältnisse auf dem Schiff: Viele Beschäftigte, die auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten, verdienen lediglich 450 bis 700 Euro pro Monat - und das bei einem Arbeitspensum von bis zu 70 Stunden pro Woche.  © maxkabakov/Imago
Vendig riesiges Kreuzfahrtschiff
Schiffsabgase belasten nicht nur die Meere. Auch die angefahrenen Hafenstädte leiden unter der von den Schiffen verursachten Luftverschmutzung. Die ultrafeinen Partikel sorgen insbesondere an den Kreuzfahrt- und Fährterminals für eine Überschreitung der empfohlenen Grenzwerte. Dies stellt eine Gefährdung für die dort arbeitenden Menschen dar, denn Feinstaub kann im schlimmsten Fall zu Herz-Kreislauf-Beschwerden und Atemwegserkrankungen führen.  © viennaslide/Imago
Es ist Wasser hinter einem Kreuzfahrtschiff zu sehen.
Die meisten Kreuzfahrtschiffe werden immer noch mit Schweröl betrieben. Der Kraftstoff muss nicht nur energieintensiv aufbereitet werden. Das umwelt- und gesundheitsschädliche Schweröl ist zudem mit besonders vielen Schadstoffen belastet. Das durch die Destillation von Erdöl entstehende Schweröl ist auf dem Land verboten. Auf See hat es jedoch gravierende Auswirkungen: Kommt es zu einem Unfall, verteilt sich das Öl im Meer und schadet so Tieren und dem Ökosystem nachhaltig.  © Roshchyn/Imago
Eine Malteser Flagge auf einem Kreuzfahrtschiff.
Um Steuern zu sparen, fahren viele Kreuzfahrtschiffe unter „fremden“ Flaggen. Kreuzfahrtschiffe werden nicht selten „ausgeflaggt“ in Steuerparadiese wie Malta, Bahamas oder Liberia. Unter „Ausflaggung“ versteht man dabei die Registrierung des Schiffs in einem vom Land des Schiffseigentümers abweichenden Land.  © xhansennx/Imago
Korallen die während des El Niño 2015 auf Hawaii, USA durch warme Meerestemperaturen gebleicht wurden.
Obwohl Umweltzonen helfen, die Auswirkungen des Schweröls einzudämmen, gibt es immer noch zu wenige schadstofffreie Zonen in den Weltmeeren. In sogenannten Emissionskontrollgebieten ist der Einsatz von Schweröl verboten. Es darf also nur der schwefelarmer Schiffsdiesel verwendet werden. Dazu zählen in Europa der Ärmelkanal, Nord- und Ostsee. Saubere Kraftstoffe sowie Kraftstoffe auf Basis erneuerbarer Energien könnten die Verschmutzungen verringern.  © Nature Picture Library/IMAGO

„Es wird ruhiger“, schreibt ein „Mein Schiff“-Passagier am Donnerstagabend. Die Wellen im beigefügten Video sind deutlich kleiner. Doch es ist nicht auszuschließen, dass die Passagiere erneut in stürmische See geraten. Von Juli bis November ist in der angesteuerten Karibik Hurrikan-Saison.

Von ganz anderen Problemen berichtete im Sommer noch ein Rentner-Ehepaar auf ihrer Kreuzfahrt. Sie wurden bitter enttäuscht zurückgelassen.

Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteur Maximilian Kettenbach sorgfältig überprüft.

Rubriklistenbild: © Facebook/Knud Jetten

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