Gesundheitsminister spricht Klartext

Corona in Deutschland: 2. Booster für alle? Stiko-Chef widerspricht Lauterbach

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Karl Lauterbach (SPD) spricht von „schwerem Corona-Herbst“. Hilft nur die 2. Boosterimpfung? Er sagt ja. Stiko-Chef Mertens gibt Lauterbach Gegenwind.

Update von Freitag, 15. Juli, 16:15 Uhr: Für Karl Lauterbach ist alles klar: Der Bundesgesundheitsminister fordert die vierte Impfung gegen das Coronavirus und damit den zweiten Booster für alle. Ihm macht der Blick auf den, wie er sagt, „schweren Corona-Herbst“ Angst. Zumindest aber hinterlässt das mögliche Szenario ein ungutes Gefühl bei Karl Lauterbach. Doch der Minister bekommt Gegenwind. Vom Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (Stiko). Denn: Thomas Mertens spricht sich gegen eine sofortige vierte Impfung für jüngere Bürgerinnen und Bürger aus. Wie Mertens der Welt am Sonntag sagt, gebe es keine Daten, die den Ratschlag Lauterbachs in irgendeiner Form rechtfertigen

Corona in Deutschland: Lauterbach empfiehlt vierte Impfung für alle – Stiko-Chef Mertens widerspricht

Zumindest, so Martens weiter, kenne er keine solchen Daten. „Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto ,Viel hilft viel´ auszusprechen“, erklärt der Stiko-Chef gegenüber der Welt am Sonntag. Im Gegensatz zu Karl Lauterbach, der via spiegel.de, eine vierte Impfung – in Absprache mit dem Hausarzt – auch für Menschen unter 60 Jahren empfohlen hat, hält Mertens hingegen hält nach wie vor die Stiko-Empfehlung, dass Menschen über 70, Vorerkrankte und Pflegepersonal eine vierte Dosis bekommen, für richtig. Aus Mertens Sicht sollte klar sein, „dass wir nicht jedes Jahr ständig die gesamte Bevölkerung – also auch jüngere, gesunde Menschen – impfen können.“

Lauterbach hatte zuletzt selbst generelle Kritik an Mertens geäußert und konstatiert: „Ich glaube, dass wir uns Gedanken machen müssen, wie wir in der Arbeit der Stiko mehr Dynamik bekommen.“

Corona in Deutschland: Lauterbach für 2. Booster für alle – „sehr schwerer Herbst“

Erstmeldung vom 15. Juli 2022:

Berlin – Mit Blick auf wieder frei zugängliche Restaurants, Kneipen, aber auch Festivals sollte man meinen, es herrsche Friede, Freude, Eierkuchen in Bezug auf Corona. Das entspricht natürlich nicht der Wahrheit. Wenn Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zum wiederholten Male den Pandemie-Mahner gibt, tut er das nicht ohne guten Grund. Sein Blick ist bereits auf den „schweren Corona-Herbst“ gerichtet, doch schon im Sommer 2022 ist keine Entspannung der Corona-Lage in Sicht.

Corona in Deutschland: Karl Lauterbach (SPD) spricht sich für zweite Boosterimpfung für alle aus

Spätestens seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 sollte nahezu jedem Bundesbürger bewusst sein, wer Karl Lauterbach ist. Ein Epidemiologe, der unbequeme Wahrheiten ausspricht und den Finger in die oftmals noch offene Wunde legt. So auch im Gespräch mit dem Spiegel vom Donnerstag, 14. Juli 2022. Karl Lauterbach macht sich in diesem für die nunmehr vierte Corona-Impfung und damit für die zweite Boosterimpfung stark. Und das auch für alle Menschen unter 60 Jahren.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) blickt auf den „sehr schweren Corona-Herbst“ und empfiehlt die zweite Boosterimpfung – für alle.

„Wenn jemand den Sommer genießen will und kein Risiko eingehen will zu erkranken [...] dann würde ich in Absprache natürlich mit dem Hausarzt auch Jüngeren die Impfung empfehlen“, heißt es von Gesundheitsminister Karl Lauterbach gegenüber dem Spiegel. Denn mit der zweiten Boosterimpfung hätte man seiner Ansicht nach „eine ganz andere Sicherheit“.

Corona in Deutschland: Karl Lauterbach warnt vor „schwerem Herbst“ – und wirbt für 2. Booster

Das weiß Karl Lauterbach, der unlängst vor einem „schweren Corona-Herbst“ gewarnt hatte, auch näher zu erläutern. Durch den zweiten Booster sei nämlich das Risiko von Long Covid und entsprechenden Symptomen „deutlich reduziert für ein paar Monate“. Dasselbe gelte für das Infektionsrisiko an sich. Und einen an Omikron und damit auch an Omikron BA.5 angepassten Impfstoff könnten die Menschen auch nach ihrer zweiten Boosterimpfung noch zu sich nehmen.

Die Europäische Kommission ist der Empfehlung, die ich schon seit zwei Monaten ausspreche, gefolgt. Ich bin ziemlich sicher, dass das auch die Stiko machen wird.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) empfiehlt im Gespräch mit dem „Spiegel“ die zweite Boosterimpfung für alle Menschen in Deutschland

Einen solchen Impfstoff könnte es laut dem Gesundheitsminister bereits Ende August oder Anfang September geben. Das würde aber von der Zulassung abhängen. Damit geht Karl Lauterbach über die Empfehlungen der Europäischen Union (EU) und der Ständigen Impfkommission (Stiko) hinaus.

Corona in Deutschland: Infektionsdruck bleibt laut RKI in allen Altersgruppen hoch

Erst am Montag, 11. Juli, hatte die EU die zweite Boosterimpfung für Menschen ab einem Alter von 60 Jahren empfohlen. Von einer erneuten Spritze für alle Altersgruppen war nicht die Rede. Derzeit empfiehlt die Stiko in Deutschland die zweite Boosterimpfung für folgende Personengruppen: für Menschen ab 70 Jahren, Risikopatienten sowie Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen und Beschäftigte im medizinischen Bereich und in Pflegeeinrichtungen.

Von einem „sehr schweren Herbst“ spricht Karl Lauterbach im Gespräch mit dem Spiegel aber erneut. Dabei wird auch der Gesundheitsminister wissen, dass sich schon der Sommer 2022 alles anders als leicht gestaltet. In seinem Wochenbericht vom 14. Juli schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) von einem Infektionsdruck, der in allen Altersgruppen hoch bleibe.

Corona in Deutschland: Bundesweite Inzidenz explodiert in nur einem Monat – mehr Intensivpatienten

Tags darauf gibt das RKI die bundesweite Inzidenz mit 719,2 an. Am Vortag lag dieser Wert bei 720,4. Was jedoch alarmierend ist: In der Vorwoche lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche noch bei 699,5, im Vormonat sogar „nur“ bei 472,4. Und Experten gehen seit geraumer Zeit von einer noch höheren Zahl aus, das RKI würde nicht alle Fälle erfassen können. Das liege vor allem daran, dass nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Zumal sind Corona-Bürgertests nicht mehr kostenlos.

Zudem ist erneut auch die Zahl der Patienten, die auf einer Intensivstation mit einer Covid-19-Diagnose behandelt werden müssen, angestiegen. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) verweist auf 1243 Patienten am 14. Juli. Zum Vergleich: Eine Woche zuvor belief sich dieser Wert noch auf 1047 Patienten.

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann/dpa/imago/Montage

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