VonCarolin Gehrmannschließen
Sollte man sich zum vierten Mal gegen Corona impfen lassen oder nicht? Darüber herrscht derzeit viel Verunsicherung. Auch Experten vertreten unterschiedliche Meinungen und Argumentationen.
Bremen – Die Meinungen über den zweiten Corona-Booster gehen stark auseinander. Einige hätten die vierte Impfung gegen Corona gern so schnell wie möglich, da die Infektionszahlen zurzeit explodieren, die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung aber gleichzeitig wieder attraktiver werden – was meist mit vielen Kontakten einhergeht. Da soll es doch bitteschön der bestmögliche Schutz sein, oder?
Andere halten sich mit drei Impfungen und Genesenenstatus für ausreichend geschützt, um die Corona-Sommerwelle zu überstehen. Wieder andere pokern lieber und warten auf die Omikron-Impfung. Aber wer hat denn nun recht? Und was sagen Politik und Fachleute dazu?
Lauterbachs Haltung zur vierten Impfung ist klar: Zweiter Booster für alle
Fangen wir mal bei der Politik an. Der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) macht um seine Haltung zum zweiten Booster kein Geheimnis. Er rät ganz klar zur vierten Impfung – und zwar für alle. Auch auf der Kurznachrichtenplattform Twitter hatte er dazu aufgerufen. Wer den Sommer genießen wolle, ohne über das Risiko einer Erkrankung nachdenken zu müssen, der sollte die zweite Auffrischimpfung in Erwägung ziehen. In Absprache mit dem Hausarzt empfiehlt Lauterbach diese auch Jüngeren.
Mit der zweiten Booster-Impfung habe man laut dem Minister „eine ganz andere Sicherheit“ – zumindest für einige Monate. Außerdem könne man so das persönliche Risiko für Long Covid herabsenken, wie Lauterbach kürzlich dem Spiegel sagte.
Zweiter Booster: Stiko empfiehlt vierte Impfung derzeit nur für bestimmte Personen sinnvoll
Die Ständige Impfkommission ist dafür zuständig, auf wissenschaftlicher Grundlage allgemeine Empfehlungen für notwendige Schutzimpfungen in Deutschland auszusprechen. Das Expertengremium hält die zweite Auffrischimpfung gegen Corona bisher nur für Teile der Bevölkerung für sinnvoll: etwa für Menschen ab 70 Jahren, Vorerkrankte, Bewohner von Pflegeheimen und medizinisches Personal. So lautet die derzeit gültige offizielle Empfehlung des Gremiums zum 2. Booster.
Da sich viele niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte nach den Empfehlungen der Stiko richten, hatte Stiko-Chef Thomas Mertens kürzlich angekündigt, dass man sich „relativ bald“ zu einer möglichen Erweiterung der bestehenden Empfehlung äußern wolle.
Zweifel an der vierten Impfung für alle – auch bei Stiko-Mitgliedern
Gegenüber der Welt am Sonntag hatte sich Mertens allerdings eher kritisch gegenüber Lauterbachs Forderung nach einer vierten Impfung für alle geäußert. Er kenne keine Daten, die den Ratschlag des Gesundheitsministers rechtfertigten. Empfehlungen nach dem Motto „viel hilft viel“ ohne wissenschaftliche Grundlage auszusprechen, hält er für falsch.
Laut der Nachrichtenagentur dpa gehen viele Mediziner, darunter der Epidemiologe Hajo Zeeb, von einem nur geringen Vorteil der zweiten Booster-Impfung bei unter 60-Jährigen aus. Insbesondere, wenn diese Menschen zwischenzeitlich an Corona erkrankt waren. Bei jüngeren gesunden Erwachsenen reichten die bisher von der Stiko empfohlenen drei Corona-Impfungen aus, um ein stabiles immunologisches Gedächtnis aufzubauen. Vor schwerer Erkrankung, Krankenhaus und Tod sei man damit in der Regel ausreichend geschützt.
Prof. Andreas Radbruch, Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums in Berlin ist ähnlicher Auffassung. „Der Schutz vor schwerer Erkrankung und Tod ist bereits nach der dritten Impfung bei 94 Prozent – langfristig und auch gegen Omikron“, sagte er gegenüber der Berliner Morgenpost.
Die vierte Impfung bringe auch keinen absoluten, langanhaltenden Schutz vor einer Corona-Infektion. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, hält es laut dpa deshalb für sinnvoller, sich auch in diesem Sommer durch Maske, Abstand und Kontaktreduktion schützen.
Was spricht denn für den zweiten Booster für alle? Sollte man nicht alles ausschöpfen?
Die Entscheidung, ob man die vierte Impfung in Anspruch nimmt oder nicht, ist eine individuelle. Genau wie das Immunsystem auch individuell unterschiedlich ist. Nicht alle Menschen sprechen in gleicher Weise auf eine Impfung an. „Das bedeutet aber auch, dass es inzwischen sehr schwierig ist, generelle Aussagen zu machen“, sagt Prof. Christine Falk, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie gegenüber der Berliner Morgenpost.
Neben Bundesgesundheitsminister Lauterbach gibt es aber auch noch andere Experten, die zum zweiten Booster für alle raten. Einer davon ist Prof. Andreas Thiel von der Berliner Charité. Seine Argumentation: Auch bei Jüngeren würde dadurch das Long-Covid-Risiko noch einmal gesenkt.
„Für die vierte Impfung gibt es Studienergebnisse, die zumindest mehrmonatige starke Effekte demonstrieren“, sagte er auf Anfrage der Zeitung im Hinblick auf die Wirksamkeit. Grundsätzlich befürworte er daher die Linie des Gesundheitsministeriums, auch unter 60-Jährige erneut zu impfen.
Stiko: Richtiger Zeitpunkt der vierten Impfung wichtig für die Wirksamkeit
Wichtig für die Wirksamkeit der Auffrischungsimpfung ist allerdings, wenn man sich dafür entscheidet, dass diese zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Darauf weist auch Stiko-Mitglied Christian Bogdan gegenüber der dpa hin. Beim zweiten Booster gelte dasselbe wie beim ersten: Für eine ideale Immunantwort sollte ein Abstand von mindestens sechs Monaten zwischen den einzelnen Impfungen eingehalten werden. Impfe man zu früh, wenn das Immunsystem noch mit der Verarbeitung der vorherigen Impfung beschäftigt ist, sei der Effekt stark abgeschwächt.
Kann mir der zweite Booster schaden? Ist es nicht sinnvoller, auf die Omikron-Impfung zu warten?
Darauf, dass die vierte Impfdosis in irgendeiner Form kontraproduktiv für die Gesundheit ist, weist derzeit aus wissenschaftlicher Sicht nichts hin. Laut Stiko-Mitglied Bogdan liegen noch keine umfassenden immunologischen Untersuchungen zur Frage eines möglichen Schadens durch zusätzlichen, medizinisch nicht unbedingt notwendige Covid-Impfungen vor, wie dpa meldet.
Laut mehrerer Experten hätten wiederholte Impfungen gegen Pocken oder Influenza keine negativen Effekte nach sich gezogen. Genauso hätte es sich bei den Einzelfällen verhalten, in denen sich Menschen teil etliche Male gegen Corona hatten impfen lassen.
An Impfstoffen, die auf die besonders ansteckende Omikron-Variante des Coronavirus angepasst sind, hängen im Hinblick auf den kommenden Winter viele Hoffnungen, sowohl bei der Politik als auch bei der Bevölkerung. Der Bundesgesundheitsminister rechnet damit, dass zum Herbst entsprechende Impfstoffe von bekannten Herstellern vorliegen. Wann genau es so weit sein wird, steht derzeit aber noch nicht fest.
Fachleute hoffen auf beschleunigte Zulassung von Omikron-Impfstoffen – wenn sie einmal vorliegen
Laut tagesschau.de seien die Ergebnisse aus Laborstudien, bei denen die Wirksamkeit der neuen Impfstoffe getestet wurde, zwar durchaus vielversprechend. Da sich aber niemand in der Branche auf ein konkretes Datum festlegen wolle, ab wann die Stoffe tatsächlich verfügbar sein könnten, sei es schwer abzuschätzen, ob sich das Warten lohnt.
Nach den klinischen Studien müssen die Impfstoffe außerdem noch das Zulassungsverfahren durchlaufen, was ebenfalls dauert. Fachleute hoffen aus diesem Grund, dass die Zulassungen in Zukunft in beschleunigtem Verfahren erteilt werden können.
Fazit: Die Entscheidung über die vierte Impfung muss jeder selbst treffen
Die Frage nach der Wirksamkeit der vierten Impfung ist also auch unter Experten weiterhin umstritten. Während der zweite Booster für Risikogruppen wie Ältere und Vorerkrankte durchaus sinnvoll ist, lässt sich für alle anderen kein Pauschalurteil treffen. Auch wenn Gesundheitsminister Karl Lauterbach bei Omikron BA.5 über die zunehmenden Impfdurchbrüche alarmiert ist.
Das Fazit von Andreas Thiel von der Berliner Charité gegenüber dpa lautet daher am Ende auch: „Jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten.“
Noch wichtiger ist nach Auffassung der Stiko und des Bundesgesundheitsministers ohnehin, zunächst die Impflücke bei den Erst-, Zweit- und Drittimpfungen zu schließen. Laut RKI müssten etwa 1,3 Millionen Menschen ab 60 Jahren und rund 7,9 Millionen Erwachsene unter 60 ihren Impfschutz mit mindestens einer Impfung auffrischen lassen. Noch gar keine Impfung erhalten hätten rund 1,9 Millionen Menschen ab 60 und rund 7,3 Millionen Erwachsene unter 60 Jahre.
Durch den mangelnden Impfschutz komme es immer wieder dazu, dass sich auch Risiko-Patienten mit Corona infizieren, wie der Hamburger Intensivmediziner Stefan Kluge auf Twitter berichtet. Schwere Verläufe könnten dann die Folge sein.
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