VonRichard Stroblschließen
Slowenien kämpft mit den Folgen heftiger Unwetter. Zwei Drittel des Landes sind betroffen. In Teilen Österreichs und Kroatiens werden weitere Überschwemmungen befürchtet.
Ljubljana/Klagenfurt – Heftige Unwetter haben Slowenien getroffen. Es gibt Überschwemmungen, Murenabgänge, isolierte Dörfer und Tote. Auch Teile Österreichs und Kroatiens sind betroffen.
Im seit zwei Tagen von schweren Überschwemmungen heimgesuchten Slowenien ist es am Samstagabend zu neuen Notfällen gekommen. Im Osten des Landes brach ein Damm zum Schutz vor Hochwasser am Fluss Mur. Rund 500 Menschen mussten eilig aus dem Dorf Dolnja Bistrica in Sicherheit gebracht werden, berichtete das staatliche Fernsehen RTV Slovenija.
Slowenien-Unwetter: Damm gebrochen - Mehrere Ortschaften gefährdet, verzweifelte Rettungsversuche
Auch in Österreich und Kroatien werden weitere Überschwemmungen befürchtet. Weitere neun Ortschaften seien wegen des Dammbruchs an der Mur gefährdet, sagte der Kommandant des Katastrophenschutzes, Srecko Sestan. Man versuche nun, per Hubschrauber das mehrere Meter breite Loch am Damm mit Betonblöcken abzudichten. Nach Angaben von Hydrologen steigt der Pegel der Mur an ihrem österreichischen Oberlauf bei Graz. Unterdessen dauerten in anderen Landesteilen Sloweniens die Rettungs- und Aufräumarbeiten an. „Wir haben den absolut notwendigen Schritt der Evakuierung unternommen, weil dies die einzige Maßnahme ist, um mögliche Opfer zu verhindern“, sagte der Katastrophenschutzkommandant Srecko Sestan. „Wenn das Wasser anfängt, den Boden wegzutragen, wird der Damm sofort einstürzen, und die Flutwelle wird neun oder zehn Dörfer erfassen.“
Schwere Unwetter treffen Slowenien, Österreich und Kroatien: Fotos zeigen massive Zerstörung




Im Norden Sloweniens sind etliche Erdrutsche abgegangen. Straßen, Brücken und Häuser wurden zerstört. „Wir erleben eine Apokalypse biblischen Ausmaßes. Wir haben keine Straßenverbindungen mit der Welt“, zitiert die kroatische Zeitung Dnevnik.hr den Präfekten der Gemeinde Dravograd, Anton Preksavec.
Unwetter treffen auch Österreich: „Bedingungen sind nicht vorhersehbar“
Am österreichischen Oberlauf der Mur, nahe Graz, steige der Pegelstand weiter an, sagte der Hydrologe Janez Polajnar nach Angaben von STA. „Die Bedingungen sind nicht vorhersehbar.“
Wegen eines befürchteten Erdrutschs in Crna na Koroskem nahe der österreichischen Grenze würden Bewohner in mehreren Orten am Fluss Meza vorsichtshalber in Sicherheit gebracht, berichtete die slowenische Nachrichtenagentur STA am Samstagabend. Mehrere Dörfer waren seit Freitag von der Außenwelt abgeschnitten. Die Bewohner wurden teils per Hubschrauber mit Trinkwasser und Lebensmitteln versorgt, teils versuchten Soldaten, zu Fuß in diese Orte zu gelangen. In der Gemeinde Ljubno ob Savinji an der österreichischen Grenze rissen Erdrutsche vier Häuser weg. An anderen Orten stürzten Brücken ein, Straßen und Bahnschienen standen unter Wasser.
Unwetter in Adria-Ländern: Fünf Touristen vermisst – mehrere Tote bestätigt
Bei den schweren Unwettern in Slowenien wurden mindestens fünf Niederländer vermisst. Das teilte das Außenministerium am Samstag dem Radiosender NOS mit. Zuvor war bekannt geworden, dass zwei Niederländer ums Leben gekommen sind. Weitere Einzelheiten wurden nicht mitgeteilt. 400 Niederländer mussten nach schweren Überschwemmungen einen Campingplatz verlassen. Mittlerweile sind alle fünf Vermissten nach Angaben der slowenischen Zeitung Delo unter Berufung auf das Außenministerium.
Am Freitag waren zwei niederländische Männer im Alter von 50 und 20 Jahren ums Leben gekommen. Sie kamen aus Gouda und waren nach Medienberichten auf einer Bergwanderung beim Berg Veliki Draski. Über die genauen Umstände des Todes wurde nichts mitgeteilt.
Unwetter trifft Slowenien: „Herzzerreißende“ Schäden in Adria-Land
Der Katastrophenschutz meldete am Samstag innerhalb von 36 Stunden landesweit mehr als 3700 Einsätze. Menschen wurden gerettet, die sich auf Bäumen oder Hausdächern in Sicherheit gebracht hatten. Die Regierung schätze den Gesamtschaden auf voraussichtlich mehr als 500 Millionen Euro. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sicherte Slowenien Hilfe zu.
Die Schäden in dem Adria-Land seien „herzzerreißend“, twitterte sie. Der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Janez Lenarcic, beriet am Samstag mit der Regierung in Ljubljana. Er nannte die drei wichtigsten EU-Fonds, bei denen Slowenien Hilfen beantragen könne: den europäischen Mechanismus zum Katastrophenschutz, den Europäischen Solidaritätsfonds sowie die europäische Krisenreserve für die Landwirtschaft.
Unwetter in Slowenien: Zweidrittel des Landes betroffen
Nach Angaben von Ministerpräsident Robert Golob sind zwei Drittel des Landes vom Hochwasser betroffen. Es seien die größten Schäden einer Naturkatastrophe seit mehr als drei Jahrzehnten im Adria-Land. Mindestens vier Menschen starben. Die Polizei prüfte, ob es einen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Unwetter gab.
Das südliche Nachbarland Kroatien blieb entgegen ersten Befürchtungen von größeren Überschwemmungen bewohnter Gebiete bis zum Samstagabend zunächst verschont. Eine klare Entwarnung gab es allerdings nicht. Wegen der erwarteten Flutwelle auf den Flüssen aus dem nördlichen Nachbarland Slowenien hatten Kroatiens Behörden mit Deichen aus Sandsäcken und stellenweiser Ableitung von Flusswasser vorgesorgt.
Im nördlichen Nachbarland Österreich blieb die Lage angespannt. In den südlichen österreichischen Bundesländern Kärnten und Steiermark hatten am Samstag nach neuen heftigen Regenfällen weitere Überschwemmungen gedroht. Mehr als 2500 Feuerwehrleute waren in jedem der Bundesländer im Einsatz, dazu Dutzende Soldaten. Weil Autobahnen und Ausweichstraßen teils wegen der Überschwemmungen gesperrt waren, kam es zu Staus auf den wichtigsten Transitrouten Richtung Kroatien. (dpa/rjs)
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