„Alarm-Phase“

Italien fürchtet Supervulkan-Ausbruch – Region plant gigantische Evakuierung

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Die Erde bebt, der Supervulkan in Italien könnte ausbrechen. 500.000 Menschen sollen innerhalb von 72 Stunden evakuiert werden – eine Mammutaufgabe.

Pozzuoli – Seit Monaten häufen sich die Warnungen vor Italiens Supervulkan, der ständig in Bewegung ist. Fachleute befürchten einen Ausbruch und das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) vergleicht den brodelnden Koloss mit einem „Schnellkochtopf“, der jederzeit in die Luft gehen könnte.

Supervulkan in Italien: Schwarmbeben nähren Sorge vor Ausbruch – Region erarbeitet Notfallplan

In den phlegräischen Feldern nimmt das Phänomen des Bradyseismus zu und in Italien läuten die Alarmglocken. Erst am Montag (18. Juni) gab es erneute Erdbeben mit einer Stärke von über 3,0. Ein schier nicht enden wollender Albtraum für die Menschen in der Region, bereits Anfang Juni mussten sie die ersten Evakuierungen erleben. Aus Angst vor starken Beben verbrachten einige Familien die Nacht am Strand oder in Zelten.

Supervulkan in Italien: Erdbeben, Evakuierungen, Zeltstädte – Bilder zeigen „Schreckensherrschaft“

Es rumpelt gewaltig an Italiens Supervulkan: Die seismischen Aktivitäten nehmen in den vergangenen Wochen massiv zu – das mündete in einem starken Erdbeben, Evakuierungen und tausenden verängstigten Menschen.
Es rumpelt gewaltig an Italiens Supervulkan: Die seismischen Aktivitäten nehmen in den vergangenen Wochen massiv zu – das mündete in einem starken Erdbeben, Evakuierungen und tausenden verängstigten Menschen. © Napolipress/picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Es war das stärkste Beben seit 40 Jahren: Teile einer Straße sind nach heftigen Erdstößen am Montag mit herabgefallenen Steinen übersät und gesperrt.
Es war das stärkste Beben seit 40 Jahren: Teile einer Straße sind nach heftigen Erdstößen am Montag mit herabgefallenen Steinen übersät und gesperrt. © Napolipress/picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Pozzuoli wappnet sich momentan für den Ernstfall: Evakuierungspläne und Notfallszenarien werden durchgespielt – manche Fachleute würden die „Rote Zone“ am liebsten jetzt schon leeren, andere beruhigen.
Pozzuoli wappnet sich momentan für den Ernstfall: Evakuierungspläne und Notfallszenarien werden durchgespielt – manche Fachleute würden die „Rote Zone“ am liebsten jetzt schon leeren, andere beruhigen. © Salvatore Laporta/Kontrolab/picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Ratlosigkeit, Angst und Verunsicherung dominieren die Stimmungslage in den phlegräischen Feldern: Die Erdbeben nehmen zu, werden zu Dauerqual für die Bewohner.
Ratlosigkeit, Angst und Verunsicherung dominieren die Stimmungslage in den phlegräischen Feldern: Die Erdbeben nehmen zu, werden zur Dauerqual für die Bewohner. © Alessandro Garofalo/picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press
Volle Straßen nach dem Erdbeben am Montagabend: Menschen flüchteten ins Freie, kehrten großteils vorerst nicht in ihre Häuser zurück.
Volle Straßen nach dem Erdbeben am Montagabend: Menschen flüchteten ins Freie, kehrten großteils vorerst nicht in ihre Häuser zurück. © Alessandro Garofalo/picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press
Die Gefahrenlange in Pozzuoli hat neue Ausmaße erreicht: Das starke Erdbeben hinterließ große Schäden und noch mehr Verunsicherung – Feuerwehr und Statiker überprüfen die Wohnhäuser in der Region auf ihre Erdbebensicherheit.
Die Gefahrenlange in Pozzuoli hat neue Ausmaße erreicht: Das starke Erdbeben hinterließ große Schäden und noch mehr Verunsicherung – Feuerwehr und Statiker überprüfen die Wohnhäuser in der Region auf ihre Erdbebensicherheit. © Napolipress/picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Es raucht und dampft in den phlegräischen Feldern: Der Supervulkan in Italien zeigt sich zuletzt wieder verstärkt aktiv.
Es raucht und dampft in den phlegräischen Feldern: Der Supervulkan in Italien zeigt sich zuletzt wieder verstärkt aktiv. © stock&people/Imago
„Diesmal war es schwer, als würde es nie enden wollen“: Sagte ein Mann aus Bagnoli der Nachrichtenagentur Ansa nach dem Erdbeben mit einer Stärke von 4,4: Etliche Menschen verließen ihre Häuser, verbrachten die Nacht zur Sicherheit teils im Auto oder am Strand.
„Diesmal war es schwer, als würde es nie enden wollen“, sagte ein Mann aus Bagnoli der Nachrichtenagentur Ansa nach dem Erdbeben mit einer Stärke von 4,4. Etliche Menschen verließen ihre Häuser, verbrachten die Nacht zur Sicherheit teils im Auto oder am Strand. © Felice De Martino/Imago
Wie leben die Menschen mit der ständigen Furcht vor dem Supervulkan? Fernsehteams befragen Personen vor den Auffanglagern in Pozzuoli.
Wie leben die Menschen mit der ständigen Furcht vor dem Supervulkan? Fernsehteams befragen Personen vor den Auffanglagern in Pozzuoli. © Felice De Martino/Imago
46 Familien mussten in den letzten Tagen ihre Häuser aufgrund der Erdbebengefahr verlassen: Auffanglager mit Zelten und insgesamt 400 Feldbetten bieten Zuflucht für die Evakuierten.
46 Familien mussten in den letzten Tagen ihre Häuser aufgrund der Erdbebengefahr verlassen: Auffanglager mit Zelten und insgesamt 400 Feldbetten bieten Zuflucht für die Evakuierten. © R4924_italyphotopress/Imago
Tristesse im Notfallzelt: Zahlreiche Bewohner wurde sicherheitshalber in Zelten wie diesem untergebracht.
Tristesse im Notfallzelt: Zahlreiche Bewohner wurde sicherheitshalber in Zelten wie diesem untergebracht. © R4924_italyphotopress/Imago
76.952 Einwohner hat der Ort Pozzuoli, das wichtigste Zentrum der phlegräischen Felder direkt neben der Metropole Neapel: In der „Roten Zone“ leben insgesamt 360.000 Menschen.
76.952 Einwohner hat der Ort Pozzuoli, das wichtigste Zentrum der phlegräischen Felder direkt neben der Metropole Neapel: In der „Roten Zone“ leben insgesamt 360.000 Menschen. © R4924_italyphotopress/Imago
Die Menschen in der Region sprechen von einer „Schreckensherrschaft“ des Supervulkans: Seit Monaten leben sie unter ständiger Angst.
Die Menschen in der Region sprechen von einer „Schreckensherrschaft“ des Supervulkans: Seit Monaten leben sie unter ständiger Angst.  © R4924_italyphotopress/Imago
Nach dem starken Erdbeben wurde auch ein Frauengefängnis in Puuzuoli evakuiert: 147 weibliche Häftlinge wurden in Gefängnisse außerhalb verlegt.
Nach dem starken Erdbeben wurde auch ein Frauengefängnis in Puuzuoli evakuiert: 147 weibliche Häftlinge wurden in Gefängnisse außerhalb verlegt. © Antonio Balasco/Imago

Fachleute und Politik fordern, dass die Region für den Notfall gerüstet sein muss. Die Behörden haben nun einen umfangreichen Evakuierungsplan vorgelegt, der nicht für starke Erdbeben, sondern für den Super-GAU gilt – einen Ausbruch des Supervulkans.

Zwei Notfall-Phasen an Italiens Supervulkan: Bei Ausbruch müssen 500.000 Menschen in 72 Stunden fliehen

Der Plan besteht aus zwei Phasen: Einem „Vor-Alarm“, bei dem die Einheimischen gewarnt und dazu aufgefordert werden, ihre Häuser freiwillig zu verlassen. Und einer „Alarm-Phase“, in der alle Menschen aus der Roten Zone fliehen müssen.

Wenn die Alarmstufe auf Rot (derzeit Gelb) springt, sollen innerhalb von 72 Stunden 500.000 Menschen evakuiert werden. Eine gewaltige Aufgabe für die Behörden. Daher wird der Evakuierungsplan im Oktober geübt. Der Zivilschutz wird dann Zelte aufstellen und Menschen in Notunterkünfte bringen.

Evakuierungen in den phlegräischen Feldern: Italien probte Ausbruch-Szenario zuletzt vor fünf Jahren

Das letzte Mal wurde dieses Szenario vor fünf Jahren durchgespielt. Der Bürgermeister von Bacoli, Josi Della Ragione, erinnert sich bei Ansa enttäuscht: „An der Übung 2019 haben nicht viele Menschen teilgenommen. Ich hoffe, dass es im Oktober noch viel mehr sein werden.“ Damals transportierte der Zivilschutz freiwillige Teilnehmende entlang der Evakuierungsrouten.

Seit Monaten beschäftigt sich Italien mit dem drohenden Ernstfall am Supervulkan: Hier spricht Neapels Bürgermeister Gaetano Manfredi über die Folgen eines seismischen Schwarms von Ende Mai.

Supervulkan in Italien: Kosten für Evakuierung wären enorm – Fluchtwege aktuell teils unfertig

Im Ernstfall wäre der Aufwand für eine Evakuierung enorm. Das ganze Land müsste die von dem Vulkan Vertriebenen aufnehmen, sie sollen in 14 verschiedenen Regionen untergebracht werden. Italien rechnet mit Kosten von 150 Millionen Euro pro Monat für Gesundheitsversorgung, Unterkünfte und Dienstleistungen. Pro Person wären das 65 Euro pro Tag.

Zwei Probleme stehen derzeit im Vordergrund. Zum einen ist die Finanzierung für die gigantische Evakuierung noch nicht gesichert. Der Ministerrat will das Dekret bis Ende Juni prüfen. Zum anderen bereitet die Infrastruktur in der Region große Sorgen. Im Notfall sollen die Betroffenen mit Bussen, Schiffen und Zügen transportiert werden. Aufgrund der Bodenhebungen laufen jedoch bereits jetzt Fähren auf Grund. Einige Fluchtwege vom Supervulkan müssen noch verbreitert oder sogar erst gebaut werden. Die Übung im Oktober soll zeigen, ob die Flucht aus dem „Schnellkochtopf“ möglich ist. (moe)

Rubriklistenbild: © stock&people/Imago/Ciro Fusco/Imago

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