VonSophia Sichtermannschließen
Die Herausforderungen im Lehrberuf können für einige Lehrkräfte zu Burnout führen. Eine frühere Lehrerin erklärt, weshalb gerade Frauen gefährdet sind.
Das Klassenzimmer ist nicht nur ein Ort, an dem unterrichtet wird. Dort gibt es auch rund 30 Kinder, die laut sind, durcheinanderreden und verschiedene Bedürfnisse haben. Für den Lehrer oder die Lehrerin hört die Arbeit mit dem Schultag auch nicht auf – Unterricht muss vor- und nachbereitet, Verwaltungsaufgaben abgearbeitet werden. „Schule ist ein Arbeitsumfeld, in dem täglich hunderte Menschen Ansprüche an eine Lehrkraft stellen. Man ist ständig im Reaktions- und Entscheidungsmodus“, sagt die ehemalige Lehrerin Isabell Probst BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Sie berät Lehrkräfte, die sich beruflich umorientieren wollen.
Und das sind viele: Die Ergebnisse einer Studie des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) zeigen, dass im Schuljahr 2023/24 bundesweit rund 70.000 Lehrkräfte den Schuldienst verlassen haben, rund 37.000 von ihnen dauerhaft. Von ihnen gingen jedoch nur rund 10.200 altersbedingt. Hochgerechnet bedeutet das, dass fast drei von vier Lehrkräften nicht bis zur Rente durchhalten.
„Eine Lehrkraft steht alle 45 Minuten vor 30 oder mehr Kindern mit sehr unterschiedlichen Bindungen zur Lehrperson“, berichtet Probst. Zur Arbeit mit Kindern gehöre es auch, Grenzen zu setzen, „Nein“ zu sagen und auch mal energischer zu werden oder dirigierend einzugreifen. Das koste viel Energie, sagt die Ex-Lehrerin: „Dieses ständige Verteidigen der eigenen Grenzen ist zermürbend.“ Wer Schwierigkeiten habe, Grenzen zu setzen, erlebe im Schulalltag auch ständig Grenzüberschreitungen. Dies könne zu Selbstvorwürfen und Erschöpfung führen.
Ex-Lehrerin: Burnout bei Lehrkräften trifft besonders Frauen
Von dem Gefühl der Überforderung seien besonders viele Frauen betroffen. Das habe verschiedene Gründe. Zum einen sei der Lehrberuf vor allem ein Frauenberuf: Rund 75 Prozent der Lehrkräfte sind weiblich. Zum anderen würden Frauen und somit Lehrerinnen noch immer „in ein Rollenbild sozialisiert, in dem Fürsorglichkeit und Mütterlichkeit über Grenzsetzung steht. Laut zu sein oder klare Ansagen zu machen, gilt für viele als unweiblich“, sagt Probst. Dies führe dazu, dass eigene Bedürfnisse immer weiter hintangestellt werden.
„Viele Lehrerinnen haben keine hilfreichen Strategien zur Abgrenzung oder Psychohygiene“, sagt die ehemalige Studienrätin Probst BuzzFeed News Deutschland. Stattdessen würden Selbstzweifel und Gedanken aufkommen wie: „Ich bin hier falsch, ich kann das nicht, ich bin überfordert“. Daraus könne sich schrittweise ein Burnout entwickeln. Isabell Probst bietet Coachings für Lehrkräfte an, die aus dem Beruf aussteigen wollen. Rund 85 Prozent der Teilnehmenden seien Frauen, berichtet sie.
Ehemalige Lehrerin: „Man gerät in eine Depression“
Die Belastung, die viele Lehrkräfte im Beruf verspüren, gehe nicht nur vom Verhalten der Schüler aus. Probst sagt: „Viele Lehrkräfte überschreiten auch freiwillig ihre eigenen Grenzen – aus ihrem starken Berufsethos“. Lehrerinnen und Lehrer haben oft eine starke Identifikation mit ihrem Beruf. „Man will es gut machen – sogar perfekt. Doch man merkt, dass sich der Einsatz nicht in der gewünschten Wirkung niederschlägt“, berichtet Probst auch aus eigener Erfahrung. Es werde zum „Teufelskreis“: „Man verdrängt Konflikte und Bedürfnisse, zieht sich zurück, verliert Lebensfreude, entwickelt Zynismus und eine innere Leere, entfremdet sich zunehmend von sich selbst und gerät in eine Depression“.
Probst kritisiert, dass das Schulsystem ohne „permanente Selbstausbeutung“ nicht funktionieren würde: „Das ist das Herz von Schule. Lehrkräfte leisten unbezahlte Mehrarbeit, weil sie wissen: ‚Wenn ich es nicht mache, macht es niemand‘“. Viele formale Aufgaben seien zudem außerhalb der Unterrichtszeit zu erlegen, diese Arbeit werde allerdings weder entlohnt noch erfasst. „Kultusministerien haben kein Interesse an einer transparenten Arbeitszeiterfassung. Denn dann würde deutlich, wie unattraktiv der Beruf tatsächlich ist“, sagt Probst. Im aktuellen System könne es Lehrkräften schnell passieren, eigene Grenzen zu verlieren „und daran zu zerbrechen“
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