„Lebensverändernd“

„Wie eine Sekte“ – Lehrerin gibt freiwillig ihren Beamtenstatus auf

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Verbeamtet zu sein, hat einige Vorteile. Aber auch Nachteile, sagt eine Beamtin, die keine mehr ist und „nicht wieder zurück will“.

„Danke an alle, die mich nicht für verrückt erklärt und mich bei diesem lebensverändernden Schritt von Anfang an unterstützt und angefeuert haben“, schreibt Afua Agyin Ende April 2025 auf Linkedin. Nach zwölf Jahren als verbeamtete Lehrerin wurde sie im März 2025 aus dem Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) entlassen – und zwar auf eigenen Wunsch. „Ich wusste schon nach ein paar Jahren im Beruf, dass ich in diesem Job nicht alt werden würde“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.

Nach einer Depression habe sie im Sommer 2024 gemerkt: „Ich will nicht zurück in dieses System Schule. Will nicht wieder verbeamtete Lehrerin sein“, sagt Agyin. Deswegen hat sie den Beamten-Status, um den sie wahrscheinlich viele beneiden würden, freiwillig aufgegeben. „Als ich das Kündigungsschreiben in der Hand hielt, habe ich gestrahlt. Ich glaube, ich habe ein paar Mal ‚Fuck yes!‘ gesagt. Ich wusste, ich habe die richtige Entscheidung getroffen.“

Beamte gibt Beamtenstatus auf: „Hat sich immer wie ein goldener Käfig angefühlt“

2023 gab es laut Mikrozensus knapp 1.085.000 Lehrkräfte für allgemeinbildende und berufsbildende Fächer. Knapp ein Drittel aller Lehrkräfte in diesen Schularten arbeitet als Angestellte, gut zwei Drittel sind verbeamtet. Sie verdienen teilweise um die 600 Euro netto mehr als nicht verbeamtete Lehrkräfte, bekommen Zuschläge und später hohe Pensionen, die vom Staat getragen werden.

Aus all diesen Gründen ziehe das Beamtentum „sicherheitsfanatische Menschen“ an, sagt die ehemalige Lehrerin aus NRW. Sie sei 2015 verbeamtet worden. „Eigentlich der Traum, aber ich war nie jemand, der das Beamtentum toll fand“, sagt sie. „Der Beamtenstatus hat sich für mich immer wie ein goldener Käfig angefühlt. Es gibt diesen regelrechten ‚Beamtenkult‘, der alles andere überstrahlt.“

Afua Agyin aus Nordrhein-Westfalen gibt ihren Lehrerinnen-Job und Beamtenstatus auf und verlässt das System Schule mit seinen, wie sie sagt, „toxischen Strukturen“.

Beamtin zu sein bedeute, immer wieder Glaubenssätze darüber zu hören, dass ein Ausstieg aus dem Job nicht möglich sei, erzählt sie. „Beamtentum ist wie eine Sekte. Wenn du aussteigst, landest du direkt im Bürgergeld, weil Beamte nicht in die Sozialkassen einzahlen. Bis vor ein paar Jahren haben wir sogar unsere Pensionsansprüche komplett verloren, wenn wir den Dienst verlassen haben“, erzählt Agyin BuzzFeed News Deutschland. Zum Glück habe sich das mit dem Altersgeld geändert.

Trotzdem fühle es sich an, als gäbe es „keinen Weg raus“, sagt sie. Ihrer Meinung nach sollte der Beamtenstatus, der oft mit mehr Geld im Alter einhergeht, zwar nicht abgeschafft, aber „reformiert werden“. Zum Beispiel auf systemrelevante Berufe wie Erzieherinnen und Erzieher oder Pflegekräfte ausgeweitet werden. „Diese Menschen halten den Laden am Laufen, aber sie verdienen ja viel weniger und bräuchten noch mehr Anreize als Lehrer und Lehrerinnen.“

Lehrerin über Rassismus an deutschen Schulen: „Die lernen das zu Hause nicht“

Nachdem sie ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben hat, baut sich Agyin eine Selbstständigkeit in der Vermögensberatung auf und arbeitet als pädagogische Fachkraft. Ihr geht es nun so viel besser, sagt sie uns. „Der zwischenmenschliche Umgang an Schulen, diese toxischen Strukturen machen einen kaputt.“ Schulleitungen seien wegen des Beamtentums quasi „unantastbar“. Für sie eines der Hauptprobleme unseres Bildungssystems. Die meisten Lehrkräfte würden sich bei Fehlverhalten von Schulleitungen nicht trauen, etwas zu sagen. „Es ist so paradox: Wir sind quasi unkündbar, aber trotzdem sind die meisten von uns so ängstlich“, sagt die ehemalige Lehrerin BuzzFeed News Deutschland.

Afua Agyin baut sich nach dem Ende ihrer verbeamteten Lehrertätigkeit eine Selbstständigkeit in der Vermögensberatung auf, arbeitet als pädagogische Fachkraft und ist offen für freiberufliche Tätigkeiten in der Projektarbeit.

Ein weiterer Grund, warum sie nicht mehr verbeamtete Lehrerin sein wolle: „Ich will Kindern außerhalb der Schule begegnen – ohne sie bewerten zu müssen. Ich möchte sie wirklich fördern.“ Nicht nur der Rechtsextremismus an deutschen Schulen, sondern auch der Rassismus habe sie „sehr belastet“. Vor allem die „Schule ohne Rassismus“-Plaketten. „Da muss man nur einmal im Jahr ein Projekt dazu machen und schon hat man die Auszeichnung. Aber im Alltag passiert nichts. Das ist ekelhaft“, findet Agyin. Sie ist selbst Schwarz und weiß, dass Rassismus viel subtiler ist. „Es sind Sätze wie: ‚Die können das ja nicht, die lernen das zu Hause nicht.‘ Das ist schon eine Form von Rassismus, weil man die Kinder von vornherein unterschätzt.“

Sie habe mal an einer Brennpunktschule unterrichtet, an der sehr viele engagierte Menschen waren. „Aber gleichzeitig war ich oft eine der wenigen Lehrkräfte, die die Lebensrealität der Kinder wirklich verstanden hat“, sagt sie. Sie habe einen ähnlichen familiären Hintergrund gehabt, hatte deswegen den Respekt der Schüler. „Das zeigt, dass migrantische Kinder Lehrkräfte brauchen, die ihre Erfahrungen teilen können. Wir brauchen deshalb mehr Anreize für BIPOC-Lehrkräfte. Nur so entsteht ein sicherer Raum, in dem sich Schüler verstanden fühlen.“

Rubriklistenbild: © Imago/Pond5 Images

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