VonJana Stäbenerschließen
Mehr als 30 Prozent aller Frauen mit Kindern oder zu pflegenden Angehörigen erwähnt diese in Bewerbungen nicht. „Das System zwingt sie dazu.“
Im Januar haben wir mit einer Mutter gesprochen, der eine Mitarbeiterin der Bundesarbeitsagentur geraten hat, ihre drei Kinder in Bewerbungen zu verschweigen. „Ich mache ihr keinen Vorwurf, sie wollte mir ja nur helfen. Aber das hat schon wehgetan“, erzählte sie BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Die 36-Jährige schickt daraufhin drei Bewerbungen ohne ihre Elternzeit im Lebenslauf raus. Eine BuzzFeed News-Recherche zeigt: Damit ist sie nicht die einzige.
Gemeinsam mit Franziska Büschelberger, der Gründerin von „Unpaid Care Work“, fragen wir Mitte Februar 2025 auf LinkedIn und Instagram, wer schon einmal Eltern- und Pflegschaft in seinen Bewerbungen verschwiegen hat. 325 Frauen nehmen teil. 102 (32 Prozent) von ihnen geben an, dass sie unbezahlte Care-Arbeit schon einmal verschwiegen haben. 36 (11 Prozent) haben Kinder oder zu pflegende Angehörige schon mal als „Auszeit“ oder Ähnliches getarnt. 187 (57 Prozent) geben an, Eltern- und Pflegschaft immer ehrlich benannt zu haben.
Auszeit wegen Kindern in Bewerbungen verschweigen: „Wir belügen uns“
Die Umfrageergebnisse sind zwar nicht repräsentativ, aber weisen trotzdem auf ein größeres Problem hin. „Das System zwingt Frauen dazu, ihr soziales Umfeld und gesellschaftliches Engagement zu verschweigen“, sagt Büschelberger BuzzFeed News Deutschland. Die HR-Datenanalystin hat schon mehrfach davon gehört, dass Mitarbeitende beim Jobcenter oder auch in Vermittlungsagenturen, Bewerbenden raten, Erwerbslosigkeit während der Elternschaft oder Pflegschaft lieber als „Findungsphase“ oder „Auszeit“ zu bezeichnen.
Dass Mutterschaft im beruflichen Umfeld solch einen „negativen Touch“ habe, werde sich nie ändern, wenn die Gesellschaft nicht offen mit ihr umgehe. „Kinder zu verschweigen ist meiner Meinung nach der falsche Ansatz, weil es dem bisherigen System in die Karten spielt“, sagt sie. „Wir belügen uns damit selbst.“
Väter, die keine Unpaid Care Work im Lebenslauf haben, „sollten schief angeschaut werden“
„Wir müssen das System ändern“, sagt Büschelberger. Dafür hat sie im April 2024 das fiktive Unternehmen „Unpaid Care Work“ gegründet, das unbezahlte Care-Arbeit und den „ungeheuren Erfahrungsschatz und Kompetenzen, die Eltern haben“ sichtbar machen soll. Unter anderem durch Zertifikate, aber auch einfach durch das gelbe „Unpaid Care Work“-Logo, das Menschen mit Kindern oder zu pflegenden Angehörigen in ihren Lebenslauf aufnehmen.
„Wenn das in fast jeder echten Bewerbung aufploppt, dann merken Unternehmen vielleicht endlich, dass Menschen mit Pflege- und Erziehungserfahrung nicht nur normal, sondern auch eine große Chance sind“, sagt Büschelberger BuzzFeed News Deutschland. „Väter, die keine Elternzeit und keine Unpaid Care Work im Lebenslauf haben, sollten schief von Arbeitgebern angeschaut werden, nicht andersherum.“
Letztes Jahr sei eine Mutter auf sie zugekommen und habe sie gefragt, ob sie ihr eine Bestätigung ausstellen könne, dass ihr Sohn den Boys’ Day zu Hause gemacht hat und dort ihre Unpaid Care Work kennengelernt habe. „Mich hat das total berührt, weil es genau den Punkt trifft, um den es mir geht: Care-Arbeit als echte, aber eben unbezahlte Arbeit sichtbar machen“, sagt Büschelberger. Beim diesjährigen Boys’ Day am 3. April 2025 ist „Unpaid Care Work“ nun offiziell dabei und zeigt Jungen, dass familiäre Arbeit mit Sorge- und Pflegeverantwortung genauso wichtig ist wie ein Job in einem großen Unternehmen.
Rubriklistenbild: © Depositphotos/IMAGO
