VonSophia Sichtermannschließen
Viele Erwachsene, die unter Burnout leiden, teilen Kindheitserfahrungen von Leistungsdruck. Eine Expertin erklärt, wie Eltern dem entgegenwirken können.
Lange Arbeitstage, Kinder erziehen, Freundschaften und Hobbys nicht vernachlässigen: Viele denken, dass ein Burnout durch Stress im Job und Mehrfachbelastung im Leben entsteht. Die Wurzeln können allerdings oft viel weiter zurückreichen. „Burnout entsteht nicht einfach nur durch eine zu lange To-do-Liste“, sagt die Arbeitspsychologin und Systemische Therapeutin Ann-Katharin Lorenzen BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Bestimmte Kindheitserfahrungen könnten dazu beitragen, dass man als Erwachsener potenziell gefährderter ist, ein Burnout zu entwickeln.
Als „Burnout“ wird eine Reihe von Merkmalen bezeichnet, darunter ein Gefühl der seelischen Erschöpfung sowie eine zynische Einstellung zur eigenen Arbeit. Die Therapeutin zählt in einem Beitrag auf LinkedIn typische Kindheitserfahrungen von späteren Burnout-Betroffenen auf: Leistungsdruck im Kindesalter könne ein späteres Risiko erhöhen. Was sollten Eltern also bei der Erziehung beachten, damit ihre Kinder später besser vor Burnout geschützt sind?
Eltern sollten sich selbst Hilfe holen – mit Therapie und Coaching
„Je leistungsorientierter man selbst ist, je perfektionistischer man denkt, desto mehr überträgt sich das auf das Kind“, erklärt Lorenzen. Dies passiere häufig transgenerational: „Unsere Eltern haben es von ihren Eltern übernommen, nicht absichtlich, sondern unbewusst.“ Es sei demnach wichtig, dass sich Eltern zunächst mit sich selbst und ihren eigenen Werten und Problemen auseinandersetzten, da sie ihre eigenen „Glaubenssätze, Muster und Prägungen“ weitergeben.
Die Expertin rät: „Menschen, die ein Kind bekommen wollen oder bereits haben, sollten in die Selbstreflexion gehen, ob durch Coaching, Therapie oder Psychotherapie.“ Es gebe zwar auch hilfreiche Bücher und Podcasts, für nachhaltige Veränderung brauche es jedoch oft externe, professionelle Unterstützung für Eltern. „Es ist nichts Schlimmes, es hilft, bringt Klarheit und bringt einen weiter“, sagt die Psychologin.
Eltern sollten bei auffälligem Verhalten ihrer Kinder genau hinsehen
Eltern sollten die richtige Balance finden, mit Kindern über Leistung zu sprechen: „Wenn ein Kind ständig gute Noten schreibt, wäre es seltsam, nicht darauf einzugehen. Die Kombination aus Anerkennung für Leistung und Persönlichkeit ist der Schlüssel“, sagt die Expertin. Ein Kind „darf gelobt werden“, auch für das, was es tue. Doch als Eltern dürfe man auch Feedback geben. Lob und Kritik gehörten zusammen, denn nur so lernten Kinder einen gesunden Umgang damit. „Feedback ist heute in unserer Gesellschaft fast wie ein rotes Tuch“, – und das sei problematisch, sagt Lorenzen: „Viele haben nicht gelernt, ein Nein zu hören und deshalb auch nicht, selbst Nein zu sagen.“
In der Kindheit können auch andere Erfahrungen das Verhältnis zu Leistung und äußeren Erwartungen prägen: „Wenn man in Systemen denkt, kann auch das System Schule großen Einfluss darauf haben, dass Erwachsene ab einem bestimmten Alter Burnout-Symptome entwickeln“, erklärt Lorenzen BuzzFeed News Deutschland. Wenn ein Kind Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation zeige, nach einer Klassenarbeit nur noch weint oder beim Tennis nach einem Punktverlust ausrastet, sollten Eltern aufmerksam werden: „Sobald Verhaltensauffälligkeiten auftreten, die zeigen, dass das Kind keinen gesunden Umgang findet, sollte man genauer hinsehen.“
Eltern könnten mit Selbstreflexion und einer Balance aus Lob und Kritik ihren Kindern also helfen, mit Leistungserwartungen richtig umzugehen. „Leistung und Bewertung sind nicht per se schlecht – im richtigen Moment können sie gut sein“, erklärt die Therapeutin. Oft brauche es eine gesunde Leistungsmotivation, um im Sport oder später im Beruf erfolgreich zu sein. Aber: In unserer Gesellschaft werde Leistung auf viele Lebensbereiche übertragen, „und da dürfen wir reflektieren und daran arbeiten. Leistung ist wichtig, aber eben nicht immer.“
Rubriklistenbild: © IMAGO / Dreamstime

