VonCarolin Gehrmannschließen
Die Waldbrände in Kanada haben auch Folgen für Europa: Fachleute rechnen durch den Rauch mit erhöhter Feinstaubbelastung und trübem Himmel – aber auch mit mehr Wolken.
Montreal/Leipzig – Die Waldbrände in Kanada sind zum großen Teil außer Kontrolle. Mehr als 450 aktive Flächenbrände wüten derzeit in dem nordamerikanischen Land. Für Montreal und viele andere Regionen gab die kanadische Umweltbehörde Smog-Warnungen heraus. Doch die Rauchwolke, welche die Feuer bei der Zerstörung der Waldflächen produzieren, erreicht in diesen Tagen auch Europa.
Auf dieser Seite des Atlantiks werden die Folgen der Brände also in Kürze offenbar ebenfalls zu spüren sein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland bemerken sie allerdings schon seit längerem. „Wir messen über Leipzig bereits seit Mitte Mai solche Rauchfahnen!“, sagt Dr. Albert Ansmann vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.
Waldbrände in Kanada wüten weiter – Aschewolke trifft in diesen Tagen auf Europa
Und auch Messungen des EU-Erdbeobachtungsprogramms Copernicus zeigen deutlich: Eine große Aschewolke bewegt sich über den Atlantik und auf Europa zu. Im Laufe der Woche – voraussichtlich Mittwoch – wird sie auf das Festland treffen. Fachleuten zufolge wird die Feinstaubbelastung in Europa also durch die Brände in Kanada steigen.
Copious amounts of smoke from wildfires raging throughout Quebec, Canada will reach Western Europe in the next few hours. pic.twitter.com/Uxx402al87
— Nahel Belgherze (@WxNB_) June 25, 2023
Waldbrände in Kanada: In Europa bald so dicker Nebel wie in New York?
Den größten Anteil mit den dichtesten Schwaden werden den Modellierungen zufolge die nordwestliche Iberische Halbinsel und Irland abbekommen. Doch die Ausläufer der Wolke können auch bis nach Deutschland reichen. Wird es auch hier bald zu Bildern wie zuletzt aus New York kommen? Der Himmel in der Metropole hatte sich durch die Feuer zeitweise orange verfärbt, was in der Stadt für eine beklemmende Atmosphäre sorgte.
Warnung vor gesundheitliche Konsequenzen der Rauchwolke aus Kanada für Europa
Die Menschen in New York waren angehalten, ihre Häuser nicht zu verlassen und die Fenster geschlossen zu halten. Einige trugen aus Angst um ihre Gesundheit auch wieder Schutzmasken. Feinstaub belastet erwiesenermaßen die Gesundheit. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) warnte daher auf Twitter vor möglichen Konsequenzen durch die Schadstoffe aus Kanada, die durch den Jetstream über den Atlantik zu uns transportiert werden.
Waldbrände in Kanada: Experte hält Smogalarm in Europa für unwahrscheinlich
Müssen wir uns auch hier in Europa auf Smog-Alarm wegen der Rauchwolke aus Kanada einstellen? Der Experte Ansmann gibt in dieser Hinsicht Entwarnung: „Gesundheitliche Konsequenzen – also wie in New York vor ein paar Wochen – kann man über Europa ausschließen“. Denn: „Der Rauch befindet sich vor allem oberhalb der Grenzschicht, also oberhalb von 1500 m Höhe. Auf dem Weg über den Atlantik wird die Luft unterhalb von 1500 m gereinigt – durch Wolken und Niederschlagsbildung“, wie er gegenüber IPPEN.MEDIA erklärte.
Himmel in Europa kann durch Waldbrände in Kanada trüber und diesiger sein als sonst
„Oberhalb davon kommt allerdings eine Menge des Rauchs an. Der wurde dann also nicht durch Wolken und Niederschlag ‚ausgewaschen‘“, sagt Ansmann. Zu leichten Eintrübungen des Himmels könne es teilweise aber kommen. Der Himmel könne vorübergehend etwas diesiger aussehen, erklärt Frederik Raff vom ARD-Wetterkompetenzzentrum am Montagnachmittag (26. Juni) dem Westdeutschen Rundfunk (WDR). Aber diese Trübung wird bei Weitem nicht so stark ausfallen wie zuletzt in den USA.
Rauch aus Kanada steigt ungewöhnlich hoch
Ein neuer Aspekt sei allerdings, dass der Rauch aus Kanada teilweise auch in zehn bis zwölf Kilometern Höhe zu finden ist, sagt Ansmann. Dadurch könnte noch ein weiteres Phänomen am Himmel verstärkt auftreten: Zirrus-Wolken. Denn die durch Waldbrände ausgelösten Aerosole in der Atmosphäre begünstigen offenbar deren Entstehung, da die Partikel wie eine Art „Kern“ wirken, um den herum sich die Wolken aufbauen.
Diesen Zusammenhang stellt Ansmann mit einem Team aus weiteren Forschenden in einer Studie her, die im Mai veröffentlicht wurde.
Wissenschaftler entdeckt neuen Zusammenhang: Rauch begünstigt offenbar Wolkenbildung
Das heißt: Mehr Rauchpartikel in der Luft führen zu mehr Wolken. Und je nachdem, wie diese ausfallen, haben sie auch Auswirkungen auf die Temperaturen bei uns. Denn sie können in ihrer typischen Form einen kühlenden Effekt haben, da sie das Sonnenlicht reflektieren. Sie können aber auch, wenn sie sehr dünn und kaum sichtbar sind, einen wärmenden Effekt haben, da sie die Sonnenstrahlung näher an der Erdoberfläche halten.
Welche klimatischen Folgen die Waldbrände und der Rauch haben, bleibt abzuwarten
Wie sich das klimatisch genau auswirkt, ist noch nicht klar. „Im Grunde sollten die rauchinduzierten Zirren eher abkühlen“, vermutet Ansmann. „Aber das ist alles Neuland.“
Ein weiterer interessanter Aspekt ist, wie sich die Feinstaubbelastung entwickelt, wenn es auch in Deutschland zu größeren Waldbränden kommt, die ebenfalls Rußpartikel ausstoßen, und diese zu den aus Kanada stammenden hinzukommen. Dann könnte es zu einer gegenseitigen Verstärkung der Belastung kommen. Doch das bleibt ebenfalls abzuwarten.
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