Nebensaison-Reisen, Verbote und soziale Probleme

„Proteste sind ein Hilferuf“: Reise-Experte fordert härtere Maßnahmen gegen Massentourismus

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Der Massentourismus wird immer mehr zum Problem. Tourismus-Experte Moritz Lindner rät zu strikteren Maßnahmen und erklärt bei IPPEN.MEDIA den notwendigen Spagat.

München – Das Thema Massentourismus floriert mehr denn je. Für die Einheimischen steigen dadurch die Lebenshaltungskosten, Ressourcen werden verbraucht, Müll hinterlassen und Wohnraum in der Innenstadt knapper. So wurde in Amsterdam ein Baustopp für Hotels verhängt, in Venedig eine Tagesgebühr eingeführt, die kurz darauf erhöht wurde. An den Stränden von Italien werden Strafen für Urlauber eingeführt. In Barcelona müssen Selfie-Verbote eingeführt werden, um die Menschenströme an Hotspots nicht aufzuhalten – und auch Ferienwohnungen sollen verboten werden.

Doch funktionieren diese Maßnahmen wirklich? Moritz Lindner, CEO und Gründer von reisetopia, ist der Meinung: Das genügt noch nicht. Ein Gespräch über den Spagat zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und dem Leid der Einheimischen.

Sie sagen, dass Eintrittsgebühren nicht gegen Massentourismus helfen. Wieso?
Bisher geplante oder eingeführte Eintrittsgebühren sind im Verhältnis zu den Kosten für eine Reise nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Niemand wird die Reise zu einem beliebten Ziel nicht machen, nur weil zusätzlich wenige Euro hinzukommen. Das zeigt sich beispielsweise in Dubrovnik, wo die Zahl der Reisenden selbst bei einer mittleren zweistelligen Gebühr für die Stadtmauer keineswegs abgenommen hat.
Zwar würde ich erwarten, dass es ab einer gewissen Summe einen Einfluss auf das Reiseverhalten hat, dafür müssten die Eintrittsgebühren aber vermutlich im dreistelligen Bereich liegen, was sehr unwahrscheinlich erscheint. Solange bei Reisen, die durchschnittlich mehrere hundert oder gar tausend Euro kosten, Eintrittsgebühren von wenigen Euro im Gespräch sind, sehe ich schlicht und ergreifend keinen Effekt.
In Venedig zahlen Besucherinnen und Besucher derzeit fünf Euro. Sollte der Eintritt noch einmal deutlich angehoben werden?
Mit der Erhöhung der Eintrittsgebühr erhofft sich Venedig sicherlich eine stärkere Lenkungswirkung. Damit diese aber überhaupt greift, müsste meiner Meinung nach die Gebühr deutlich spürbarer angehoben werden. Das gilt insbesondere bei einer Stadt wie Venedig, wo auch die Kosten vor Ort sehr hoch sind. Möglicherweise kann man mit einer deutlich höheren Gebühr für einen minimalen Rückgang der Touristenzahlen sorgen, gerade bei Tagesreisenden. Allerdings erwarte ich einen größeren Effekt erst bei Eintrittsgebühren im dreistelligen Bereich.
Welche Maßnahmen wären in Venedig zudem sinnvoll?
Eine perfekte Lösung gibt es auch für Venedig leider nicht. Eine Idee wäre etwa, die Zahl der Flugbewegungen sowie alternativ auch der Bahnverbindungen in eine Stadt reduzieren, was sicherlich einen positiven Einfluss hinsichtlich eines Rückgangs der Touristenströme hätte. Gleichzeitig schadet man so allerdings auch den Einwohnern und insbesondere auch den lokalen Firmen.
Alternativ könnte man die Zahl der Übernachtungsmöglichkeiten reduzieren, etwa durch ein Verbot von Ferienvermietungen oder dem Verbot des Neubaus von Hotels. Dies wiederum führt allerdings dazu, dass die Preise weiter steigen. So sinkt zwar die Zahl der Touristen, man erschafft aber gewissermaßen ein „soziales“ Problem, weil sich irgendwann nur noch „reiche“ Reisende eine bestimmte Destination leisten können. Ebenfalls kann man auf diesem Wege die Zahl der Tagesbesucher nur schwerlich reduzieren. Am Ende bleibt für eine Stadt wie Venedig ein Dilemma, weil es kaum eine Maßnahme gibt, die gleichzeitig sozial fair ist und die zudem eine spürbare Wirkung auf die Touristenzahlen hat.

Zur Person

Moritz Lindner gründete 2016 das Berliner Start-up reisetopia mit dem Ziel, Luxusreisen für jedermann zugänglich zu machen. Heute bietet das Unternehmen reisefreudigen Menschen die Möglichkeit, weltweit Luxushotels zu attraktiven Preisen zu buchen.

Wie können beliebte Urlaubsorte insgesamt den Touristenstrom Ihrer Meinung nach noch effektiver lenken?
Es gibt offen gesagt keine Maßnahme, die man universell empfehlen kann. Das liegt daran, dass jede Option auch Nachteile aufweist. Den Fokus würde ich allerdings insbesondere auf einen Ausgleich der Saisonalität legen. Zwar ist es auch heute schon so, dass besonders beliebte Destinationen in der absoluten Hochsaison auch besonders teuer sind, doch die Unterschiede zwischen der Haupt- und Nebensaison sind oftmals nicht Argument genug, um Reisende davon zu überzeugen, zu einer weniger belebten Zeit zu kommen.
Das gilt selbst für Städte, in denen das Wetter allein nicht zwingend das Argument ist. Vor allem gilt es für populäre Ziele in Europa Wege zu finden, um Reisende – vornehmlich aus den USA – zu überzeugen, auch außerhalb der Sommermonate zu kommen. Zwar ist es in Städten wie Amsterdam, Barcelona oder Venedig auch in Monaten wie März oder Oktober nicht unbedingt leer, allerdings sind die Touristenzahlen hier deutlich weniger hoch. Eine bessere Verteilung würde auch zu einer größeren Akzeptanz in der lokalen Bevölkerung führen, weil die Touristenmassen weniger stark auffallen.
Quasi eine Verlängerung der Saison?
Genau. Auf Santorini erwartet einen oft auch schon im März oder April schönes Wetter, allerdings fliegen viele Fluggesellschaften erst ab Mai auf die Insel und auch viele Unterkünfte sind erst ab diesem Monat buchbar. Die Gesamtzahl der Touristen sinkt durch diese Maßnahme zwar nicht, aber durch die bessere Verteilung profitieren alle Beteiligten.
Wie können Anreize geschaffen werden, um Besucherinnen und Besucher auf weniger frequentierte Urlaubsziele zu lenken?
Es gibt kaum Möglichkeiten, um Reisende davon abzubringen, ein bestimmtes Ziel anzusteuern. Vielmehr sollte der Plan darin bestehen, Touristen auch von anderen Orten zu überzeugen. Das kann für populäre Ziele etwa durch eine Kooperation mit Nachbarregionen oder eine bewusste Steuerung von Marketingkampagnen sein, welche die Schönheit anderer Ziele zeigen. Selbst populäre Ziele können Touristenströme entsprechend lenken, denn wenngleich viele Orte auch generell von vielen Touristen besucht werden, ballen sich diese doch meist an denselben Sehenswürdigkeiten.
Welche noch etwas unbekannteren Ziele empfehlen Sie?
Destinationen, um den Touristenströmen zu entfliehen, gibt es viele. In Indonesien gibt es etwa Dutzende Inseln, die eine vergleichbare Schönheit zu Bali aufweisen, die aber deutlich weniger bekannt sind. Wer nicht unbedingt gemeinsam mit den Massen durch Barcelona ziehen möchte, findet auch in Valencia eine tolle Alternative.
Können Sie die vielen Proteste von Einheimischen gegen Massentourismus nachvollziehen?
Meiner Meinung nach sind friedliche Proteste immer eine legitime Art der Meinungsäußerung und in diesem Kontext gewissermaßen auch ein Hilferuf. In vielen touristischen Regionen lag der Fokus in den letzten Jahrzehnten oft nur auf einem ungebremsten Wachstum – die Schattenseiten hat man dabei außen vor gelassen. Durch die nun stärker werdende Kritik der Bevölkerung findet ein stärkerer Ausgleich statt. Allein die Debatte zum Thema Massentourismus ist schon ein guter Start. Nur durch den Diskurs kann überhaupt an möglichen Lösungen gearbeitet werden, die langfristig auch für die lokale Bevölkerung positiv sind.
Wenn ich an überlaufene Orte denke, denke ich sofort auch an die vielen Influencerinnen und Influencer, die bestimmte Hotspots für Fotos belagern. Wie sehen Sie den Einfluss von Social Media beim Reisegeschehen?
Social Media hat ohne Frage dazu geführt, dass beliebte Orte noch stärker besucht werden. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass auch Reiseführer – wenngleich mit geringerer Reichweite – auch in der Vergangenheit schon ähnliche Einflüsse hatten. War ein Ort in einem beliebten Reiseführer aufgeführt, wurde er auch automatisch deutlich mehr besucht. Social Media verstärkt diesen Effekt aber natürlich enorm, weil die Reichweite nicht nur allgemein deutlich größer ist, sondern sich auch noch selbst verstärkt. Kommt ein Post zu einem Ort besonders gut an, spielt der Algorithmus ihn noch weiter nach oben, womit ihn dann noch mehr Personen sehen und der Effekt noch stärker wird.

Im Jahr 2022 waren der am häufigsten besuchte Ort in der EU die Kanaren. Dort waren es etwa 89,3 Millionen Übernachtungen, was täglich rund 245.000 Menschen entspricht. Auch hier gab es zuletzt Proteste gegen Massentourismus.

Auf jeden Bewohner der griechischen Inseln wie Santorini oder Mykonos kamen dagegen durchschnittlich 110 Übernachtungen. So kommt es auch zu überteuerte Getränken in Bars, um überhaupt noch einen Platz für den Sonnenuntergang zu ergattern. 2023 landete die Stadt Dubrovnik in Kroatien auf Platz Eins der überfülltesten Urlaubsziele, gefolgt von Venedig in Italien und Brügge in Belgien. 2024 stehen auch Fuji in Japan, Athen in Griechenland und das San Gabriel Mountains National Monument in den USA auf der Liste der überlaufenen Urlaubsziele. (jh)

Rubriklistenbild: © Moritz Lindner/reisetopia; Arnulf Hettrich/IMAGO

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