VonYannick Hankeschließen
Wissenschaftler aus den Niederlanden haben die Ursache für Long Covid erforscht. Ihre Ergebnisse stellen sie in einer Studie vor. Doch sind diese auch valide?
Amsterdam/Essen – Statistiken und Studien sind gemeinhin mit Vorsicht zu genießen und bedürfen einer genauen Überprüfung. Schließlich müssen die Ergebnisse, sollen sie einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden, valide sein. An ihrer Aussagekraft darf kein Zweifel bestehen. Das gilt nicht zuletzt für Untersuchungen im medizinischen Bereich.
Konkret haben sich Wissenschaftler aus den Niederlanden damit auseinandergesetzt, wie die verschiedenen Symptome einer Long-Covid-Erkrankung zustande kommen. Gemeint sind hiermit unter anderem Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit und Herzbeschwerden, aber auch Müdigkeit und anhaltende Muskelschmerzen.
Neue Studie liefert Ergebnis zum Grund für Long Covid – und lässt Probanden dafür Fahrrad fahren
Ihre Studie haben die Forscher in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht. Hier heißt es, dass biologische Veränderungen in den Muskelzellen der Grund für die Beschwerden sein sollen. Unter der Leitung von Studienautor Brent Appelman untersuchte das Forschungsteam insgesamt 25 Menschen, die unter Long Covid leiden sowie 21 gesunde Menschen als Kontrollgruppe.
Beiden wurde eine konkrete Aufgabe gestellt: 15 Minuten Fahrrad zu fahren. Laut der Studie hätte diese Übung die Long-Covid-Symptome bei den Menschen verschlimmert, die unter Long Covid leiden. Dieses Phänomen wird als Belastungsintoleranz bezeichnet.
Sowohl eine Woche vor dem Radfahren als auch einen Tag nach war es am Forschungsteam, das Blut sowie das Muskelgewebe der Teilnehmer zu analysieren. Auffälligkeiten hätten sich bei den Long-Covid-Patienten zu beiden Zeitpunkten gezeigt. Und: nach dem Sport hätten sich diese verschärft.
Grund für Long Covid endlich bekannt? Mediziner hinterfragt Ergebnisse der Studie
Mit diesem Wissen der Studie könne laut den Forschern an neuen Therapien gearbeitet werden, um Long-Covid-Patienten zu behandeln. Doch gelte es, die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen – sagt Christoph Kleinschnitz. Er arbeitet an der Klink für Neurologie Essen und ist selbst im Bereich der Long-Covid-Forschung aktiv. „Ich halte die Ergebnisse der Studie für überbewertet und die Aussagekraft für sehr begrenzt“, legt sich Kleinschnitz gegenüber bild.de fest.
Das sind die Symptome einer Long-Covid-Erkrankung
- eingeschränkte Belastbarkeit (Belastungsintoleranz)
- Kurzatmigkeit
- anhaltender Husten
- Muskelschwäche
- Muskelschmerzen
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme (brain fog)
- Schlafstörungen
- psychische Probleme (depressive Symptome/Ängstlichkeit; hierauf verweist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)
Dies weiß der Mediziner auch zu begründen. Er spricht unter anderem von der falschen Kontrollgruppe. „Man hätte eine inaktiviere Gruppe nehmen müssen, z.B. bettlägrige Personen. Es ist bekannt, dass Inaktivität schnell zu Veränderungen im Körper und Muskeluntergang führt. Mit gesunden Menschen kann man die Long-Covid-Patienten nicht vergleichen“, ordnet Kleinschnitz ein.
Long-Covid-Studie hat laut Experten „keine Bedeutung“ im klinischen Alltag
Doch damit nicht genug der Kritik an der Studie aus den Niederlanden. Nach Ansicht des Mediziners gebe es auch zu wenige Probanden. Dies hätte zur Folge, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ seien. Gab es bei den Patienten zudem schon vor ihrer Long-Covid-Erkrankung, dessen Risiko durch eine Impfung nachweislich um 40 Prozent gesenkt wird, eine Stoffwechsel-Muskel-Erkrankung? Dies sei nicht klar, so Kleinschnitz.
Zudem spricht er davon, dass die Studie Zelluntergänge bei Long-Covid-Patienten thematisiert. Dies hätte zur Folge, „dass die Betroffenen Lähmungen haben“. Dementsprechend steht er der medizinischen Erhebung kritisch gegenüber. Und ist der Ansicht, dass sie im klinischen Alltag „keine Bedeutung“ habe. (han)
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