Gebirge bröckelt

Ganze Berge brechen weg: Alpen-Phänomen nimmt bedrohlich zu

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Ein Felssturz bedroht ein Dorf in den Alpen. Fachleute sind besorgt. Die Anwohner wurden bereits evakuiert. Doch wie entstehen solche Phänomene?

Blatten – Eine gefährliche Kettenreaktion droht: Unter der enormen Last abgebrochener Felsmassen könnte der Birchgletscher nachgeben. Tonnen von Gestein könnten ins Tal stürzen. Diese bedrohliche Situation hat zur vorsorglichen Evakuierung der rund 300 Bewohner der Schweizer Gemeinde Blatten geführt.

Alpenregion in Alarmbereitschaft: Felssturz droht – Bewohner von Bergdorf bereits evakuiert

Bereits zwei bis drei Millionen Kubikmeter Fels sind vom Kleinen Nesthorn abgebrochen und auf den Birchgletscher gestürzt. Man könne hören, wie der etwa 3300 Meter hohe Berg „seine letzten Atemzüge“ mache, erklärte Geologe Fabian Reist während einer Pressekonferenz der Behörden im Kanton Wallis.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Die Behörden hoffen, dass der Berg in kleineren Mengen abbröckelt, statt in einem riesigen Block. Wann die Bewohner zurückkehren können, bleibt ungewiss. Ein Alpen-Hotel ist wegen der drohenden Gefahr bereits von der Außenwelt abgeschnitten.

Der Hochvogel an der bayerischen Grenze bereitet derzeit große Sorgen. Der Berg zerfällt. Und auch in Tirol sind solche Ereignisse keine Seltenheit. Bergstürze treten vor allem im Hochgebirge auf, „also ab einer Höhe von zirka 2500 Metern“, erklärte Tirols Landesgeologe Thomas Figl der Tiroler Tageszeitung. Statt ganze Bergdörfer wie in der Schweiz seien aber eher Berghütten betroffen.

Berge in Bewegung: Experten über Ursachen zu Felsstürzen in den Alpen

Doch wie entstehen solche bedrohlichen Szenarien? Gestein verwittert im Laufe der Zeit, erläuterte Geomorphologe Jan Blöthe von der Universität Freiburg dem SWR. Die daraus resultierenden Sturzbewegungen seien ein „ganz normaler Prozess“. Laut Figl gibt es meist mehrere Ursachen für Felsstürze. „Dazu gehören einerseits geologische Phänomene, andererseits, gerade in größeren Höhen, unter Umständen auch das Auftauen des Permafrosts.“ Dadurch wird das Gestein instabil: „Der Kleber ist weg“, so der Experte.

Steine eines Felssturzes vom Kleinen Nesthorn stürzen auf den Birchgletscher im Lötschental.

Am Kleinen Nesthorn könnte das Auftauen des Permafrostes „eventuell auch mit dieser Bewegung zusammenhängen“, meinte Blöthe. Eine genaue Aussage sei jedoch noch nicht möglich. Dennoch könnte es laut dem Experten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vermehrt zu Felsstürzen in den Alpen kommen, insbesondere dort, wo der Permafrost in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist. Ob solche drohenden Bergstürze wie in Blatten mit Millionen Kubikmetern Gestein häufiger werden, lasse sich derzeit schwer sagen, da sie nur alle paar Jahre beobachtet werden, so Blöthe.

Klar ist jedoch: Die Gletscher in den Alpen schmelzen aufgrund des Klimawandels rapide. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland berichtet, dass der Südliche Schneeferner seit 1945 um 94 Prozent seines Volumens geschrumpft ist. „Ist das Eis erst einmal geschmolzen, so ist das Wasserreservoir verloren, das zuvor in den Sommermonaten kontinuierlich die Alpenflüsse speiste“, heißt es. Eine gewaltige Steinlawine bedrohte bereits das Schweizer Bergdorf Brienz. (kas/dpa)

Rubriklistenbild: © Jean-Christophe Bott/dpa

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