Verheerender Tsunami möglich

„Unterwassermonster ist aktiv“: Riesiger Meeres-Vulkan bedroht Italien – erst jetzt hat er gebebt

  • schließen

Europas größter Vulkan sind nicht die Phlegräischen Felder oder der Ätna: Es ist ein riesiger Feuer-Berg unter der Meeresoberfläche vor Italien.

Neapel – Kein Vulkan produziert derzeit so viele Schlagzeilen, wie der Supervulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel. Auch der Vesuv nahe der italienischen Hafenstadt oder der Ätna auf Sizilien sind berühmt. Doch tief unter der Wasseroberfläche schlummert im Tyrrhenischen Meer, etwa in der Mitte zwischen Neapel und der sizilianischen Hauptstadt Palermo, ein wahrer Vulkanriese – der Marsili.

Unterwasservulkan vor der Küste von Italien: Untersuchungen zeigen, dass Marsili aktiv ist

Der riesige Unterwasservulkan ist auf Sonaraufnahmen des Untergrundes zu sehen.

Der Unterwasservulkan erhebt sich rund 3000 Metern Höhe vom Grund des Mittelmeeres empor und damit ist der Marsili der höchste Unterwasservulkan Europas. Sein Gipfel liegt etwa 450 Meter unter der Wasseroberfläche. Der Marsili wurde erst 1920 entdeckt und zu Ehren des italienischen Naturwissenschaftlers Luigi Fernando Marsili (1658 - 1730) nach diesem benannt. Der Riesenvulkan ist 30 Kilometer breit und 70 Kilometer lang. Zum Vergleich: Der Ätna, Europas größter Festlandvulkan, hat einen Durchmesser von etwa 45 Kilometern.

Supervulkan sorgt für Angst und Schrecken – diese Bilder zeigen die spektakulärsten Vulkanausbrüche Italiens

Die Stadt Centuripe westlich von Catania wird vom Ätna überragt.
Der zur Zeit etwa 3357 Meter hohe Ätna bei Catania (hier mit der Stadt Centuripe im Vordergrund) ist der größte aktive Vulkan Europas. Er bricht gewöhnlich mehrmals in einem Jahr aus. Im Jahre 2021 spuckte er fünf Mal Lava, dieses Jahr (2023) bereits zwei Mal. Meistens ergießen sich die Lavaströme aber nicht in bewohntes Gebiet. © Imago/UIG
Eine Eruption des Ätnas
Lava fließt aus dem Krater des Ätna in Richtung Tal - hier im Jahre 2012. Wenn sich neue Spalten an den Flanken des Vulkans bilden, kann es vorkommen, dass der Lavastrom Straßen sich über Seilbahnstationen und Straßen ergießt.  © imago stock&people
Ätna-Ausbruch: Lava überquert eine Straße
Am 18. Juli 2001 ströme nach einem Ausbruch des Ätna aus einer Spalte ein Lavastrom auf die Kleinstadt Nicolosi zu, in der 1983 Lava 20 Häuser verschüttet hatte. Durch das Bespritzen der Lava mit Wasser und dem Bau eines Erdwalls gelang es, dieses Restaurant zu retten. Später brannte die Bergstation der Ätna-Seilbahn aus, als sie die Lava erreicht hatte. © epa ansa Scardino-Ragonese
Ein Deckenfresko zeigt den Lavafluss vom Ätna nach Catania im Jahr 1669.
Der schwerwiegendste Ausbruch des Ätna ereignete sich 1669, als die Lava sich bis in die Hafenstadt Catania ergoss. Sie schloss das zuvor an einer Bucht gelegene Castello Ursino wurde von der Lava umströmt und liegt seitdem mehrere hundert Meter landeinwärts. Gut zehn Ortschaften, darunter Nicolosi und Belpasso, wurden von der Lava verschlungen. Es gab aber keine Tote, da die Lava langsam floss. © wikipedia Fresko von Gioacinto Platania
Eine riesige Aschwolke steigt beim Ausbruch des Vesuv 1944 empor.
Weitaus gefährlicher als der Ätna ist der Vesuv bei Neapel, der meist sehr explosiv ausbricht und bis zu 7000 Grad heiße Gas- und Aschwolken ausstößt. Der letzte Ausbruch ereignete sich am 18. März 1944. Trotz Evakuierung von 12 000 Menschen fanden 26 Einwohner den Tod, die Städtchen Massa di Somma und San Sebastiano wurden nahezu vollständig unter Lava begraben. © Giovanni Manfredonia/Facebook
„Der letzte Tag von Pompeji“, gemalt von Karl Briullov zwischen 1830 und 1833.
Am 24. August 79 n. Chr. ereignete sich der wohl bekannteste Vulkanausbruch der Geschichte: Der Vesuv explodierte unter einer riesigen Pyroklastischen Wolke aus glühend heißem Gas und verschüttete die Städte Pompeji und Herculaneum unter einer meterhohen Schicht von Asche und Bimsstein. Ein Öl-Gemälde des russischen Malers Karl Briullov (1799 –1852) zeigt, wie er sich die Katastrophe vorstellte. © imago stock&people
Gipsabgüsse der Todesopfer des Vulkanausbruchs des Ätna von 79. n. Chr.
Beim Ausbruch des Vesuv 79. n. Chr. kamen schätzungsweise 5000 Menschen ums Leben. Alleine in Pompeji wurden die Überreste von 1150 Todesopfern ausgegraben. Nachdem sie durch die Gas- und Aschewolken erstickt und verbrannt waren, deckte sie der Ascheregen zu. In den Jahrhunderten danach bildeten sich Hohlräume, die in der Neuzeit durch Gips ausgefüllt wurden. © IMAGO/Vandeville Eric/ABACA
Der Stromboli ist ein Weltkulturerbe der UNESCO.
Der Vulkan Stromboli auf der gleichnamigen Insel ist der aktivste Vulkan der Welt. Im Abstand von wenigen Minuten ereignen sich im Gipfelkrater kleine Eruptionen, die durch Gasblasen verursacht werden, die nach oben steigen. Touristen können das Spektakel von einem Beobachtungspunkt aus betrachten. Doch ab und an gibt es auch aktivere Phasen und auch größere Ausbrüche. Zurzeit ist der Aussichtspunkt am Gipfel wegen einer aktiveren Phase gesperrt. © Imago Robert Francis
Die Raucwolke über dem Stromboli bei der Eruption am 3. Juli 2019
Ab und an gibt es am Stromboli auch schwerere Ausbrüche, wie am 3. Juli 2019. Dabei kam ein Tourist ums Leben, der am Gipfel oberhalb des Kraters den Vulkan beobachtete. Am 11. September 1930 starben drei Inselbewohner durch einen pyroklastischen Strom aus Aschen, Schlacken, Steinen und heißen Gasen. 2002 rutschte bei einer Eruption ein Teil des Gipfels ins Meer, ein Tsunami beschädigte einige Häuser am Ufer, Lavabomben schlugen in den Dörfern ein.  © Mapsism/Facebook
Der Krater des Vullans der Insekl Vulcano
Die Insel Vulcano ist eine Nachbarinsel des Stromboli nördlich von Sizilien. Die Römer glaubten, dass hier der Gott Vulcanus, der Gott des Feuers lebt. Im 5. Jahrhundert v. Chr. hat sich wahrscheinlich ein heftiger Ausbruch ereignet, dessen Donnern in weiten Teilen Siziliens hörbar war. Im 19. Jahrhundert mussten im Krater Sträflinge Schwefel abbauen. Heute ist Vulcano ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Am Ufer gibt es heiße Quellen, in einem Mini-Krater kann man baden. © Wikipedia/Geak
Die Explosion des Vulcani im Jahr 1888.
Am 3. August 1888 begann der bislang letzte Ausbruch auf Vulcano mit einer Explosion, der rasch weitere und immer heftigere folgten. Lavabomben schlugen drei Kilometer auf den bewohnten Nordteil der Insel ein. Sie durchschlugen die Dächer der Fabrik- und Wohngebäude und setzten die Schwefelvorräte sowie einige an der Mole liegende Schiffe in Brand. Die wenigen Bewohner von Vulcano hatten sich mit Booten gerettet. Die Sträflinge, die zuvor im Krater Schwefel abbauen mussten, flüchteten in Höhlen. Die Aktivität hielt bis 1890 an. © ResearchGate
Die Insel Ferdinandea in einer zeitgenössischen Darstellung von Camillo de Vito (1790-1835).
Im Sommer 1831 tauchte mitten im Meer 60 Kilometer südlich von Sizilien plötzlich eine Vulkaninsel aus dem Meer auf. Die Insel war der Gipfel eines Unterwasservulkans, der damals ausbrach. Der deutsche Forscher Friedrich Hoffmann benannte sie nach dem sizialinischen König Ferdinand II Ferdinandea. Der britischen Kapitän Senhouse beanspruchte das rund 63 Meter hohe und 800 Meter breite Eiland als Graham Island für das britische Empire. Bis zum Winter verschwand die Insel wieder: Durch die Eruption war die Magmakammer leer und der Krater sackte ab. ©  Camillo De Vito/Wikipedia
Der Solfatara-Krater bei Pozzuoli
Der Super-Vulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel brach in vorgeschichtlicher Zeit mindestens der Mal verheerend aus: Bei einem einzigen Ausbruch vor 39 280 Jahren löschten die Feuerströme alles Leben im Umkreis von gut 100 Kilometern aus. Rund 10 000 Quadratkilometer Land (etwa die Fläche Niederbayerns) versanken unter einer bis zu 100 Meter dicken Schicht aus Asche. Der Krater mit einem Durchmesser von 16 Kilometer brach ein. Heiße Quellen und Dampfwolken am Solfatara zeugen noch heute von dem Mega-Ausbruch. © IMAGO/Antonio Balasco
Eruption de Monte Nuovo, Illustration of the eruption of Monte Nuovo in the year 1538 from the 18th century,
Der letzte Ausbruch der Phlegräischen Felder ereignete sich 1538. Hier ein Kupferstich, der den Ausbruch zeigt. Damals erstand aus dem Nichts ein neuer Vulkan westlich der Hafenstadt Pozzuolo, der das Dorf Tripergle, die Villa des römischen Staatsmanns Cicero und antike Bäder verschüttete. Es gab 24 Tote. Es waren Schaulustige, die am Kraterrand bei einer Explosion ums Leben kamen. Die Einheimischen waren durch Erdbeben und den Rückzug des Meeres gewarnt worden. ©  via www.imago-images.de
Der Krater des Monte Nuovo ist aus der Luft am besten als erloschener Vulkan zu erkennen.
Der Monte Nuovo ist ein kleiner Vulkan nahe der Küste bei Pozzuoli. Insgesamt sind die Phlegräischen Felder von rund 40 Vulkankratern übersät, 20 davon sind deutlich erkennbar. Einige sind mit Wasser gefüllt und sind idyllische Seen. Schon in der Antike wurden die heißen Quellen als Thermalbäder genutzt, noch heute kann man in mehreren Thermen sich in vom Vulkanismus erhitzten Wasser erholen. © IMAGO/Pond5 Images

Laut dem Geophysikalischen und vulkanologischen Institut (INGV) in Rom hat der vor rund einer Million Jahren entstandene Marsili zentrale Spalten und 80 kleineren Nebenkrater. Die letzten Ausbrüche des Marsili fanden vor etwa 2100 und 3000 Jahren statt. „Ereignisse mit einem geringen Explosionsindex, die insbesondere im zentralen Bereich des Gebäudes zwischen 800 und 1000 m Tiefe auftraten“, erklärt INGV-Forscher Guido Ventura. „Untersuchungen zeigen, dass das Unterwassermonster noch aktiv ist“, heißt es beim INGV. Derzeit stellen die Forscher allerdings nur ein unterseeisches Entweichen von Gas und kleinere Seebeben fest. Doch es gibt ein wahrhaft katastrophales Szenario für den Giganten.

Ein Unterwasservulkan spuckt Lava – hier nahe der Insel Kilauea (Hawaii).

Italiens Monstervulkan könnte eine riesige Katastrophe auslösen

Geologen vermuten, dass die steilen Flanken des Marsili-Vulkans einsturzgefährdet sind, ein Ausbruch könnte die Ursache dafür sein. INGV-Präsident Enzo Boschi sagte dem Corriere della Sera: „Für die Küsten im Süden Italiens besteht deshalb erhöhte Tsunami-Gefahr.“ Ein Bruch der Vulkanwände würde den schnellen Einsturz einer großen Menge Materials verursachen. Dadurch würde eine Flutwelle ausgelöst, die die Küsten von Kampanien, Kalabrien und Sizilien erreichen könnte. Das könnte schon morgen passieren“sagte Boschi. Ein YouTube-Video zeigt dieses Szenario.

Genaue Vorhersagen sind dem Experten zufolge nicht möglich. Die große Magma-Menge in der Magmakammer des Vulkans und seine instabile Struktur könnten laut Boschi darauf hindeuten, „dass der Vulkan aktiv ist und jederzeit ausbrechen könnte.“ Ein Tsunami könnte Großstädte wie Neapel, Palermo oder auch Cagliari auf Sardinien verwüsten, ebenso Hunderte kleiner Küstenstädte und Orte. Selbst nur das Eindringen großer Magma-Mengen ohne Ausbruch könnte die Flanken des Vulkans destabilisieren.

Italien droht ein Tsunami: Neue Seebeben am Marsili lassen die Forscher aufhorchen

Der unterseeische Lava-Gigant wird über die Tiefseestation Geostar (Geophysical and Oceanographic Station for Abyssal Research) rund um die Uhr vollautomatisch überwacht. Die Seismografen am Marsili haben in den vergangenen Monaten verstärkte Aktivitäten registriert: Im Dezember wurden zehn Seebeben innerhalb von zwölf Stunden rund um den Marsili gemessen, zwei davon mit der Stärke 4,0 bzw. 4,1. Zuletzt gab es am 28. September 2023 erneut einen Erdstoß am Rand des Meeres-Vulkans, dieses Mal mit der Magnitude 3,2.

Ein Ausbruch des Marsili könnte einen Tsunami auslösen.

Zwar halten die INGV-Forscher die Wahrscheinlichkeit eines Tsunamis für gering, dennoch soll mit einer vertieften Untersuchung das Risiko solch einer vom Marsili verursachten Monsterwelle eingehend untersucht werden.

Vulkan Marsili ist aktiv: Video zeigt, wie Unterwasserausbruch aussehen könnte

Ein Ausbruch könnte auch recht harmlos sein, falls die Hänge stabil bleiben. Laut INGV-Forscher Ventura wäre dann „das einzige Anzeichen an der Oberfläche kochendes Wasser, das mit der Entgasung und dem Aufschwimmen des darin verbliebenen vulkanischen Materials wie Bimsstein verbunden wäre.“ Das dürfte für die Einstellung Aussetzung des Schiffsverkehrs für einige Wochen wie 2011 beim Ausbruch eines Unterwasservulkans vor der Insel El Hierro auf den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln führen, der damals auf Video festgehalten wurde.

Der Marsili ist einer von Dutzenden Unterwasservulkanen, die sich in einem Bogen entlang der Küste Siziliens und der Westküste Süditaliens gebildet haben. Hier treffen die eurasische und die afrikanische Kontinentalplatte zusammen. Das führte zum Entstehen vieler Vulkaninseln wie Lipari oder dem aktiven Vulkan Stromboli.

Rubriklistenbild: © Divulgazione Scientifica / youtube

Kommentare