„Unterwassermonster ist aktiv“: Riesiger Meeres-Vulkan bedroht Italien – erst jetzt hat er gebebt
VonJohannes Welte
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Europas größter Vulkan sind nicht die Phlegräischen Felder oder der Ätna: Es ist ein riesiger Feuer-Berg unter der Meeresoberfläche vor Italien.
Neapel – Kein Vulkan produziert derzeit so viele Schlagzeilen, wie der Supervulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel. Auch der Vesuv nahe der italienischen Hafenstadt oder der Ätna auf Sizilien sind berühmt. Doch tief unter der Wasseroberfläche schlummert im Tyrrhenischen Meer, etwa in der Mitte zwischen Neapel und der sizilianischen Hauptstadt Palermo, ein wahrer Vulkanriese – der Marsili.
Unterwasservulkan vor der Küste von Italien: Untersuchungen zeigen, dass Marsili aktiv ist
Der Unterwasservulkan erhebt sich rund 3000 Metern Höhe vom Grund des Mittelmeeres empor und damit ist der Marsili der höchste Unterwasservulkan Europas. Sein Gipfel liegt etwa 450 Meter unter der Wasseroberfläche. Der Marsili wurde erst 1920 entdeckt und zu Ehren des italienischen Naturwissenschaftlers Luigi Fernando Marsili (1658 - 1730) nach diesem benannt. Der Riesenvulkan ist 30 Kilometer breit und 70 Kilometer lang. Zum Vergleich: Der Ätna, Europas größter Festlandvulkan, hat einen Durchmesser von etwa 45 Kilometern.
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Laut dem Geophysikalischen und vulkanologischen Institut (INGV) in Rom hat der vor rund einer Million Jahren entstandene Marsili zentrale Spalten und 80 kleineren Nebenkrater. Die letzten Ausbrüche des Marsili fanden vor etwa 2100 und 3000 Jahren statt. „Ereignisse mit einem geringen Explosionsindex, die insbesondere im zentralen Bereich des Gebäudes zwischen 800 und 1000 m Tiefe auftraten“, erklärt INGV-Forscher Guido Ventura. „Untersuchungen zeigen, dass das Unterwassermonster noch aktiv ist“, heißt es beim INGV. Derzeit stellen die Forscher allerdings nur ein unterseeisches Entweichen von Gas und kleinere Seebeben fest. Doch es gibt ein wahrhaft katastrophales Szenario für den Giganten.
Italiens Monstervulkan könnte eine riesige Katastrophe auslösen
Geologen vermuten, dass die steilen Flanken des Marsili-Vulkans einsturzgefährdet sind, ein Ausbruch könnte die Ursache dafür sein. INGV-Präsident Enzo Boschi sagte dem Corriere della Sera: „Für die Küsten im Süden Italiens besteht deshalb erhöhte Tsunami-Gefahr.“ Ein Bruch der Vulkanwände würde den schnellen Einsturz einer großen Menge Materialsverursachen. Dadurch würde eine Flutwelle ausgelöst, die die Küsten von Kampanien, Kalabrien und Sizilien erreichen könnte. „Das könnte schon morgen passieren“, sagte Boschi. Ein YouTube-Video zeigt dieses Szenario.
Genaue Vorhersagen sind dem Experten zufolge nicht möglich. Die große Magma-Menge in der Magmakammer des Vulkans und seine instabile Struktur könnten laut Boschi darauf hindeuten, „dass der Vulkan aktiv ist und jederzeit ausbrechen könnte.“ Ein Tsunami könnte Großstädte wie Neapel, Palermo oder auch Cagliari auf Sardinien verwüsten, ebenso Hunderte kleiner Küstenstädte und Orte. Selbst nur das Eindringen großer Magma-Mengen ohne Ausbruch könnte die Flanken des Vulkans destabilisieren.
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Der unterseeische Lava-Gigant wird über die Tiefseestation Geostar (Geophysical and Oceanographic Station for Abyssal Research) rund um die Uhr vollautomatisch überwacht. Die Seismografen am Marsili haben in den vergangenen Monaten verstärkte Aktivitäten registriert: Im Dezember wurden zehn Seebeben innerhalb von zwölf Stunden rund um den Marsili gemessen, zwei davon mit der Stärke 4,0 bzw. 4,1. Zuletzt gab es am 28. September 2023 erneut einen Erdstoß am Rand des Meeres-Vulkans, dieses Mal mit der Magnitude 3,2.
Zwar halten die INGV-Forscher die Wahrscheinlichkeit eines Tsunamis für gering, dennoch soll mit einer vertieften Untersuchung das Risiko solch einer vom Marsili verursachten Monsterwelle eingehend untersucht werden.
Vulkan Marsili ist aktiv: Video zeigt, wie Unterwasserausbruch aussehen könnte
Ein Ausbruch könnte auch recht harmlos sein, falls die Hänge stabil bleiben. Laut INGV-Forscher Ventura wäre dann „das einzige Anzeichen an der Oberfläche kochendes Wasser, das mit der Entgasung und dem Aufschwimmen des darin verbliebenen vulkanischen Materials wie Bimsstein verbunden wäre.“ Das dürfte für die Einstellung Aussetzung des Schiffsverkehrs für einige Wochen wie 2011 beim Ausbruch eines Unterwasservulkans vor der Insel El Hierro auf den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln führen, der damals auf Video festgehalten wurde.
Der Marsili ist einer von Dutzenden Unterwasservulkanen, die sich in einem Bogen entlang der Küste Siziliens und der Westküste Süditaliens gebildet haben. Hier treffen die eurasische und die afrikanische Kontinentalplatte zusammen. Das führte zum Entstehen vieler Vulkaninseln wie Lipari oder dem aktiven Vulkan Stromboli.