VonJana Stäbenerschließen
Jede zweite Lehrkraft erlebt Gewalt an ihrer Schule. Doch nicht nur unter den Kindern und Jugendlichen kommt es zu Auseinandersetzungen.
Etwa die Hälfte (47 Prozent) aller Lehrkräfte in Deutschland beobachtet an der eigenen Schule psychische oder physische Gewalt unter Schülern und Schülerinnen, zeigt eine repräsentative Umfrage der Robert Bosch Stiftung.
Ella Paravyan ist Lehrerin an einer Schule in Berlin. Auch sie erlebt Gewalt unter ihren Schülern und Schülerinnen. „Aber das ist nichts gegen die Gewalt, die von Lehrern und Lehrerinnen ausgeht“, sagt die 26-Jährige BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.
Psychische Gewalt an Schulen: „Einige Lehrer lieben es, Kinder zu gaslighten“
Lehrkräfte würden einen Schüler als schlecht abstempeln und dieses Bild über Jahre hinweg aufrechterhalten. „Für die Kids bedeutet das völlige Überforderung, weil sie es aus diesem Muster nicht mehr herausschaffen“, sagt die junge Pädagogin, die auf TikTok gegen Vorurteile auf dem Schulhof kämpft. Sie habe es oft erlebt, dass sich neue Lehrkräfte im Lehrerzimmer umhören, welche Noten der oder die Schülerin vergangenes Jahr gehabt habe und diese einfach übernehmen. Für Paravyan auch eine Form von psychischer Gewalt.
Hinzukomme, dass viele Lehrkräfte die Ängste ihrer Schützlinge nicht ernst nehmen. „Einige Lehrer lieben es, Kinder zu gaslighten“, sagt Paravyan, die bereits an fünf Schulen tätig war. Sie werde nie vergessen, wie ihr einer ihrer ehemaligen Schüler verzweifelt auf Social Media geschrieben habe, weil ihm seine neue Lehrerin gesagt habe: „Frau Paravyan ist weg, die interessiert sich jetzt nicht mehr für dich. Das ist doch Psychoterror“, sagt die 26-Jährige BuzzFeed News Deutschland.
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25 Prozent aller Lehrer-Schüler-Interaktionen sind verletzend
Dass von Lehrkräften seelische Gewalt ausgeht, wissen auch Wissenschaftlerinnen. Bisher gibt es allerdings nur nicht-repräsentative Beobachtungen, wie die Intakt-Studien, geleitet von Annedore Prengel, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Potsdam und Frankfurt. Für die Studien haben Forschende seit über 20 Jahren etwa 34.000 Interaktionen zwischen Lehrern und Schülern in Lehrforschungs- und Dissertationsprojekten ausgewertet.
75 Prozent der Interaktionen werten sie als anerkennend oder neutral, 20 Prozent als verletzend und fünf Prozent als sehr verletzend. „Ein gravierendes Ergebnis“, sagt Prengel BuzzFeed News Deutschland. Verändert habe sich dieser Befund über die Jahre nicht, zumindest nicht laut ihrer Studien. Um die Entwicklung der Lehrkräftegewalt genauer zu beobachten, brauche es neue Untersuchungen mit mehr Methodenvarianz.
Abhilfe schaffen könnte hier eine erstmalige repräsentative Schüler-Befragung der Robert Bosch Stiftung. Im Schulbarometer, das im Herbst 2024 erscheine, solle auch Gewalt vonseiten der Lehrer und Lehrerinnen abgefragt werden, sagt Dagmar Wolf, Bereichsleiterin Bildung BuzzFeed News Deutschland.
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Erziehungswissenschaftlerin fordert Kunstfehler-Lehre in der Pädagogik, um Gewalt an Schulen zu verhindern
Warum werden Lehrkräfte verletzend? „Viele Lehrer haben nicht die Empathie, die es für den Job braucht“, sagt Paravyan BuzzFeed News Deutschland. Und: Sie bekommen keine Unterstützung. Laut Daten des Schulbarometers fühlen sich ein Drittel aller Lehrkräfte emotional erschöpft. Für Paravyan ganz klar der Grund für Gewalt: „Mit 26 war eine Lehrerin vielleicht noch super engagiert, aber mit 50 steht sie kurz vor dem Burn-out, will als Beamtin keine Therapie riskieren und dann dreht sie einfach durch.“
Stimmt das? Annedore Prengel verneint. „Alte und junge Lehrer verhalten sich sehr ähnlich schülerfeindlich und adultistisch*“, sagt sie. „Es ist eine lange Tradition, entwertend mit Schülern zu reden.“ Viele Menschen neigen zur Aggressivität, davon seien Lehrer nicht ausgenommen. „Das Problem ist, dass aggressive oder aversive** Lehrkräfte vermutlich oft glauben, sie machen alles richtig“, sagt Prengel.
Wie ethisch Lehrkräfte handeln, wie gut ihre Beziehungen zu den Schülern sind – all das werde in der Ausbildung selten besprochen. „In der Medizin gibt es etliche Studien zu Kunstfehlern wie falschen Operationen oder Hygienemängeln“, so die Professorin für Erziehungswissenschaft. „So etwas braucht es auch in der Pädagogik!“, findet Prengel.
Um Aufmerksamkeit darauf zu lenken, hat sie bereits vor 14 Jahren gemeinsam mit anderen Pädagogen und Pädagoginnen die „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ in Form von zehn Leitlinien entwickelt. Die gute Nachricht: Die Nachfrage daran wachse stetig.
*Adultismus = Diskriminierung von Kindern durch Erwachsene aufgrund deren niedrigeren Alters
** aversiv = ablehnend gegenüber einer Sache
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