Mit Brei oder ohne?

„Hat fast mein Leben ruiniert“: Mutter testet eine umstrittene Erziehungsmethode

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Mein Sohn „würgte so heftig, dass er sich übergab“, erzählt eine Mutter, die Baby Led Weaning ausprobiert hat.

Säuglinge saugen, Babys mampfen Brei und Kleinkinder knabbern Kekse – oder? Nicht, wenn sich ihre Eltern für die „Baby Led Weaning“-Methode (BLW) entscheiden. Bei der wird der Brei übersprungen. Sobald der Zungenstreckreflex (feste Nahrung wird automatisch wieder aus dem Mund befördert) mit etwa sechs Monaten verschwunden ist, dürfen sie bereits gekochte Karottenschnitze oder Fleischstücke ansabbern.

Bei dieser „breifreien Beikosteinführung“ ernähren sich Babys immer noch hauptsächlich vom Stillen, betonen Befürworter der Fütter-Methode. Durch die feste Beikost, die sie nur angeboten, nie aufgezwungen bekommen, lernen sie bis zum Abstillen (mit etwa zwei Jahren) verschiedene Geschmäcker kennen und selbstbestimmt zu essen.

Angeblich bewirke dies, dass die Kinder später mal nicht übergewichtig werden, behauptete 2008 die britische Krankenschwester Gill Rapley, die Erfinderin des Baby Led Weanings. All diese Vorteile sah auch die Atlantic-Redakteurin Olga Khazan und testet die Erziehungsmethode, die ähnlich umstritten ist wie die Kuss-Fütterung, bei ihrem sechs Monate alten Sohn. „Es hat fast mein Leben ruiniert“, schreibt sie danach.

Bei der „breifreien Beikosteinführung“ (auch „Baby Led Weaning“ genannt) ernähren sich Babys bis zum Abstillen selbst mit fester Beikost, die sie nur angeboten, aber nie aufgezwungen bekommen. Ist das sinnvoll? (Symbolbild)

Mutter testet Baby Led Weaning: Mein Sohn „würgte so heftig, dass er sich übergab“

„Ich mischte Putenhackfleisch mit Süßkartoffeln und legte es meinem Sohn hin. Zögernd steckte er den Klumpen in den Mund. Innerhalb weniger Sekunden würgte er so heftig, dass er sich übergab“, schreibt Khazan. Dieses Würgen sei normal, sagen Baby-Wed-Leaning-Befürworter. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hingegen befürchtet bei der Welt, dass sich Kinder verschlucken. 

Ein Kinderernährungsexperte warnt Khazan, dass viel Würgen zu einer Aversion gegen jegliche Nahrung führen könne, egal ob vom Löffel oder als feste Beikost. Ihr Sohn habe immer wieder gewürgt, irgendwann kleine Bissen genommen und sie sofort wieder ausgespuckt. Mit fast einem Jahr, wo er eigentlich keine Säuglingsnahrung mehr brauchen müsste, habe er täglich nur 50 Kalorien feste Nahrung zu sich genommen. „Wir wussten nicht, was wir tun sollten“, schreibt die Journalistin.

Im Internet stößt sie auf den Tipp, das Kind mit zerdrückter oder pürierter Nahrung (also Brei) zu füttern, wenn Baby Led Weaning nicht funktioniere. Auch eine Kinderärztin habe ihr das empfohlen. „Ich bekam das Gefühl, dass es weniger wissenschaftliche Belege gibt, als Befürworter behaupten.“ Der Ernährungspsychologe Thomas Ellrott bestätigt bei BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA: „Die wissenschaftliche Bewertung von möglichen Vor- und Nachteilen ist beim Baby Led Weaning noch nicht mit der nötigen Sicherheit möglich.“

Bei manchen Kindern funktioniert Baby Led Weaning besser als bei anderen. (Symbolbild)

Baby Led Weaning: „Mein Baby ist nicht besonders schlau“

Khazan spricht für ihren Text zu Baby Led Weaning mit einigen Experten und Expertinnen und stellt fest, dass es zwar für manche Babys gut ist, für manche aber auch das Füttern mit dem Löffel mehr Sinn ergibt. „Grundsätzlich sollte Baby Led Weaning funktionieren können, da unsere fernen Vorfahren wahrscheinlich nicht immer Breikost zur Verfügung stellen konnten“, sagt Ellrott BuzzFeed News Deutschland.

Doch das System und auch die Beratung in der Baby-Ernährung seien auf den „Übergang mit einer Breikost-Phase optimiert“, ergänzt der Ernährungspsychologe, der an der Georg-August-Universität Göttingen lehrt. „Das funktioniert in den meisten Fällen auch gut.“ Besonders bei Eltern wie Khazan, die feststellt, dass sie zu Hause eigentlich nie etwas koche, das ihr Baby auch essen dürfe: salzige und scharfe Soßen etwa, Salate mit Nüssen, Fertiggerichte und vieles mehr.

Selbstbestimmtheit hin oder her: „Mein Baby ist nicht besonders schlau“, schreibt die Mutter. „Leider versteht es nicht instinktiv, wie man sich reich an verschiedenen Makronährstoffen ernährt, um die Säuglingsnahrung altersgerecht zu ergänzen.“ Das sei ihr Job und sie werde ihren Sohn dabei anleiten – wo nötig eben mit Babybrei.

Rubriklistenbild: © Pond5 Images/IMAGO

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