Pandemielage bis zum Jahresende

Corona-Auffrischungsimpfung? RKI und Lauterbach befürworten neue Kampagne

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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will mit einem neuen Gesetz die Fragen der Corona-Pandemie bis 2023 regeln.
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Bundesgesundheitsminister Lauterbach feilt bereits an Corona-Maßnahmen für den kommenden Herbst. RKI und Stiko äußern sich insbesondere zur Thematik „Auffrischungsimpfung“ deutlich.

München — Es ist Sommer, allerdings immer noch inmitten der Corona-Pandemie. Während die Virusvariante BA.5 bereits jetzt für Aufmerksamkeit sorgt, hat sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nun zu dem Vorgehen in der kommenden Jahreszeit geäußert.

„Wir dürfen und wir können es uns nicht leisten, ein drittes Mal nicht gut vorbereitet in den Herbst hineinzugehen,“ so der Politiker dpa zufolge. Die Ampel-Koalition brachte daher jetzt einen ersten Gesetzentwurf mit Vorkehrungen für den zu erwartenden Anstieg der Infektionszahlen ins Parlament ein, der die Rechtsgrundlagen für Impfungen bis 31. Dezember 2022 verlängern soll.

Corona im Herbst: Lauterbach will Impfkampagne – „Lockt sicher niemanden hinter dem Ofen hervor“

Der Entwurf soll, so Lauterbach, eine Impfkampagne gezielt an Menschen über 60 Jahre ermöglichen. „Bei all den Diskussionen um das Für und Wider einzelner Maßnahmen darf nicht vergessen werden, dass die wichtigste und wirkungsvollste Maßnahme die Impfung ist und bleibt“, betonte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, gegenüber den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). Er bekräftigte zudem die Notwendigkeit einer „positive Impfkampagne nicht nur für die vierte Impfung, sondern auch um die Impflücken bei der ersten und der dritten Impfung zu schließen.“

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) sieht, dem neuen Monatsbericht zu Covid-19-Impfungen vom 07. Juli 2022 zufolge, deutlichen Impfbedarf, um einer Einweisung ins Krankenhaus wegen Corona wirksam entgegenzusteuern. Laut des aktuellen Monitorings (Stand Anfang Juli 2022) seien etwa 85 Prozent der erwachsenen Bevölkerung grundimmunisiert, knapp 72 Prozent haben eine erste Auffrischimpfung bekommen, gut acht Prozent eine zweite. „So müssten noch ca. 1,3 Mio. Personen im Alter ab 60 Jahren und ca. 7,9 Mio. Personen im Alter von 18-59 Jahren ihren Impfschutz mit mindestens einer Impfung auffrischen.“

Im Video: Aktuelle Corona-Zahlen in Deutschland

Die Ständige Impfkommission (Stiko) sieht eine solche, zweite Auffrischimpfung für einige Gruppen, darunter Menschen mit unterdrücktem Immunsystem, Pflegeheimbewohnern, Menschen ab 70 Jahren und Personal medizinischer Einrichtungen, als besonders sinnvoll an. Die Kampagne „Deutschland krempelt die Ärmel hoch“, sei Weigeldt zufolge hierbei allerdings nicht geeignet, „hinter dem Ofen hervorlocken“.

Vielmehr brauche man eine „proaktive Ansprache von Menschen, die über die üblichen Kommunikationskanäle nicht erreicht“ werden könnten. Ein Einsatz von „Impfteams, die gezielt Bezirke und Regionen mit niedrigen Impfquoten aufsuchen“ und “die Kooperation mit lokalen Akteuren“ hält der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands für vielversprechender.

Corona: Ungeimpfte besonders gefährdet – Lauterbach will Paxolovid noch im Sommer den Weg frei machen

Laut RKI ist die Anzahl der Klinikeinweisungen wegen einer Corona-Infektion zuletzt in der ungeimpften Bevölkerung am höchsten gewesen und das in jeder Altersgruppe. Für einen mehrwöchigen Zeitraum im April und Mai 2022 sei etwa für ungeimpfte Menschen das Risiko, aufgrund Covid-19 in einem Krankenhaus behandelt zu werden, bei 12- bis 17-Jährigen fast siebenfach, bei 18- bis 59-Jährigen fast vierfach und bei Menschen über 60 neunfach erhöht gewesen.

Diese Zahlen, die im Vergleich zu Menschen ohne Auffrischungsimpfung stehen, lassen auf die potenzielle Quote der Klinikeinweisungen der rund 7,3 Millionen Erwachsenen unter und 1,9 Millionen ab 60 Jahren schließen, die gar keine Impfung erhalten haben.

Lauterbach zufolge soll noch im Sommer ein schnellerer Einsatz des Medikaments Paxlovid geregelt werden, das die Sterblichkeit und die Wahrscheinlichkeit von Klinikeinweisungen bei Infizierten deutlich senken könne. Von rund einer Million gekauften Dosen seien noch keine 30.000 eingesetzt worden, so der Bundesgesundheitsminister.

Coronaimpfung: AfD propagiert immense Nebenwirkungsfälle – KVB „distanziert sich auf Schärfste“

Die Sorge vor möglichen Nebenwirkungen der Impfung, die mutmaßlich viele Menschen davon abhält, sich eines der gängigen Vakzine verabreichen zu lassen, schürt derweil einen aktuellen Antrag der AfD-Bundestagsfraktion mit Verweis auf neue Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die selbige auf Anfrage der Fraktion zusammengestellt hatte.

Die AfD propagiert darin, Ausmaß und Risiko von Impfnebenwirkungen seien in der Vergangenheit „marginalisiert und bagatellisiert“ worden. Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Martin Sichert, nannte die KBV-Zahlen bereits Ende Juni „beängstigend“.

Von diesen „Aussagen und Interpretationen“, so teilte die KBV umgehend mit, „distanziert sich [der Vorstand] aufs Schärfste“. Die „rund 2,5 Millionen Patienten mit Impfnebenwirkungen, die 2021 von ihren Vertragsärzten behandelt worden seien“, seien „keineswegs unerwartet und dramatisch“, denn unter Impfnebenwirkungen versteht die KBV auch typische, harmlose Impfreaktionen, die ein bis drei Tage anhalten: etwa Hautausschlag, Rötungen und Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber oder Müdigkeit. „Sie bilden den mit Abstand größten Anteil der registrierten Unverträglichkeiten und Komplikationen“, so die Vereinigung.

Lauterbach: Corona soll ab Herbst mit „Pandemie-Radar“ begegnet werden

Um eine verlässliche Datenlage zu schaffen, will Lauterbach zusätzlich ab September 2022 ein „Pandemie-Radar“ initialisieren, mittels dem Krankenhäuser neben denen auf Intensivstationen auch freie und belegte Betten auf Normalstationen zentral melden sollen. Angestrebt wird zudem eine aktuelle „Vollerfassung“ von PCR-Tests – also aller Ergebnisse, auch der negativen. Die Länder sollen dem geplanten Gesetz nach zudem den Einsatz von Hygienebeauftragten in Pflegeheimen regeln können.

Eine Anschlussregelung für die Corona-Bestimmungen im Infektionsschutzgesetz, die zum Frühjahr deutlich zurückgefahren wurden und zum 23. September auslaufen, beinhaltet der Entwurf bis dato allerdings nicht. Lauterbach zufolge sollten in jedem Fall für unterschiedliche Stufen der Infektionslage die erforderlichen Schutzmaßnahmen am Platz und auch eine gute Vorbereitung auf den Winter gewährleistet sein. (askl)

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