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Bei Neapel erschüttert der Supervulkan rund 450 000 Anwohner mit neuen Bebenserien, ein Ausbruch ist jederzeit möglich. Ein Wissenschaftler veröffentlicht eine erschreckende Vision, wie dieser aussehen könnte.
Pozzuoli - Die Phlegräischen Felder sind wieder unruhig geworden. Der Supervulkan im Süden Italiens hat nach einer Pause im November und Dezember im neuen Jahr wieder Fahrt aufgenommen. Seit Jahresbeginn poltert er wieder, und die Beben werden allmählich stärker. Am Sonntag (10. März) schreckte ein Bebenschwarm mit neun Erdstößen mit einer Stärke von bis zu 2,3 die Bürger der Hafenstadt Pozzuoli und ihrer Nachbargemeinden auf. Am Freitag waren es sogar über 60 Erdstöße gewesen.
Florenzer Geologe warnt vor Schreckensszenario
Die Angst vor einem Ausbruch wächst also wieder. Der Florenzer Geologe Aldo Piombino hat jetzt ein beunruhigendes Szenario gezeichnet, wie die befürchtete Eruption vonstattengehen könnte. Er rechnet mit einer sogenannten phreatischen Eruption, einer gigantischen Wasserdampfexplosion, wie sie sich am 27. September 2014 am Ontake in Japan ereignete. Dabei kamen 63 Wanderer ums Leben.
Abgesehen von vulkanischem Tremor und Hebungen, die erst elf Minuten vor der Explosion einsetzten, gab es keinerlei Vorwarnung. Nach der Explosion stieg eine Aschewolke sieben bis zehn Kilometer hoch auf, nahe des Kraters fielen bis zu 50 Zentimeter Asche. Ein drei Kilometer langer tödlicher pyroklastischer Strom bewegte sich den Südhang des Vulkans hinab und überraschte die Touristen, die den Vulkan besteigen wollten. Ein Video hat den Ausbruch dokumentiert.
Ein Vulkanausbruch kann auch ohne Magma verheerend sein
„Die meisten Studien zur Vulkangefahr konzentrieren sich auf magmatische Eruptionen und die damit einhergehenden Phänomene“, warnt Piombino in seinem Blog. So hatten Forscher des Nationalen Geochemischen und Vulkanologischen Instituts INGV in einem Video eine plinianische Eruption simuliert, ähnlich der, die der 79 v. Chr. am Vesuv mit pyroklastischen Wolken, Asche und Lava die Städte Herculaneum und Pompeji verwüstete und verschüttete.
„Allerdings kann es auch ohne direktes Eingreifen von Magmen zu gefährlichen vulkanischen Ereignissen kommen“ berichtet Piombino. „...besonders phreatische Eruptionen, die typischerweise durch extrem schnelle Erwärmung und Verdampfung von Flüssigkeiten entstehen.“ Denn unter den phlegräischen Feldern sickert Grundwasser so tief ein, dass es auf die Magmablase in der Tiefe trifft.
„Ein tiefer gelegenes hydrothermales System, das von magmatischen Gasen gespeist wird, ist versiegelt und erzeugt genügend Überdruck, um explosive Eruptionen auszulösen“, erklärt Piombino weiter. „Dies ist bei den Phlegräischen Feldern der Fall, wo der geothermische Grundwasserleiter durch eine dicke Schicht aus darüber liegenden wasserdichten Materialien abgedichtet ist.“ In vielen Situationen könnten die heißen Flüssigkeiten nur durch Brüche aufsteigen. „In anderen Fällen können die Explosionen durch einen Überdruck aufgrund plötzlicher Einbrüche ausgelöst werden, der die Kanäle verschließt, die die Dämpfe an die Oberfläche befördern“, erklärt der Wissenschaftler.
Phreatischer Ausbruch forderte 1986 in Afrika 1700 Opfer
Bei einer Phreatischen Eruption blieben zwar die Auswürfe von Asche, Schlamm und Blöcke auf die unmittelbare Umgebung des Kraters im Umkreis einiger hundert Meter beschränkt. Und: „In seltenen Fällen können Blöcke bis zu einer Entfernung von ein bis eineinhalb Kilometern geschleudert werden und in einer begrenzten Anzahl von Fällen werden Ascheschauer bis zu einer Entfernung von fünf bis sieben Kilometern gemeldet“, so der Forscher weiter. Die größte Gefahr ginge aber von der Freisetzung giftiger oder lähmender Gase aus. Als Beispiele nennt Piombino phreatische Eruptionen in Dieng in Indonesien (1979, 149 Opfer) und Nyos in Kamerun (1986, über 1700 Opfer) und White Island (Neuseeland, 2019 – mindestens 22 Opfer).
Vor allem eines aber unterscheide den Phlegräischen Supervulkan von den genannten unbesiedelten Vulkanbergen wie den Ontake: „Unter normalen Umständen, also auf Vulkanen, die relativ weit von bewohnten Zentren entfernt sind, ist die Gefahr für Dinge und Menschen gering, während in dicht besiedelten Gebieten wie den Phlegräischen Feldern sowohl der Ausstoß von Gas als auch der Fall von Projektilen äußerst gefährliche Ereignisse darstellen können.“ Piombino warnt: „Der Eintritt eines solchen Ereignisses kann derzeit nicht ausgeschlossen werden.“
Dennoch resümiert Piombino: „Das Überwachungsnetz rund um Pozzuoli ist jedoch sicherlich viel umfangreicher als anderswo, und aus diesem Grund bleibe ich in dieser Hinsicht vorsichtig optimistisch, da es realistisch ist, davon auszugehen, dass sowohl Schwankungen im Druck und in der Durchflussrate der Fumarolen als auch im seismischen Band auftretende Signale erkannt werden.“
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