Schwarmbeben direkt unter Wohngebiet: Angst vor Ausbruch des Supervulkans in Italien wächst
VonJohannes Welte
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Ein Schwarmbeben lässt die Anwohner des Supervulkans bei Neapel zittern. Erdstöße, die Vorboten eines Ausbruchs sein könnten, ereignen sich direkt unter Wohngebieten.
Pozzuoli – Die Lage im Supervulkan der phlegräischen Felder im Süden Italiens spitzt sich wieder zu. Am Donnerstagabend (8. März) begann es eine schier nicht enden wollenden Kette von Erdstößen. Bis Freitagabend um 22.51 Uhr wurden vom nationalen Institut für Geochemie und Vulkanforschung (INGV) über 60 Beben registriert. Dann stoppte der Bebenschwarm vorerst, wie von Geisterhand gesteuert.
Das erste Beben hatte eine Stärke von 1,5. In der Nacht auf Freitag und auch tagsüber wurden die Stöße stärker, sie erreichten die Magnitude von 2,3. Teilweise wackelte der Boden dreimal pro Minute. Die Epizentren lagen zwischen drei Kilometer und 200 Meter tief, manchmal bebte es sogar an der Oberfläche.
Supervulkan in Italien brodelt: Das Bodenniveau wölbt sich immer weiter nach oben
Einzeln gesehen sind die Erdstöße nicht heftig, doch sie bezeugen, dass sich der Boden über dem Supervulkan immer mehr aufwölbt. Seit November 2005 ist das Niveau der Hafenstadt Pozzuoli laut INGV um 1,22 Meter angehoben wurden. Da gleichzeitig das Wasser seichter wird, lief am Mittwoch ein Fährschiff im Hafen auf Grund.
Die Wölbung wird auf eine Magmakammer in rund drei Kilometer Tiefe zurückgeführt, die das Grundwasser darüber erhitzt. Man muss sich das wie einen gigantischen Dampfkessel vorstellen, aus dem immer wieder Überdruck abgelassen wird, das sind die kleinen unaufhörlichen Beben. Doch es wird befürchtet, dass irgendwann der Deckel über diesem riesigen Dampfkessel platzt.
Phreatische Explosion: Wie ein riesiger Dampfkessel, dem irgendwann der Deckel wegfliegt
Die Folge wäre eine sogenannte phreatische Explosion, die mitten in einem Wohngebiet katastrophal wäre. In der Roten Zone, dem am meisten gefährdeten Gebiet, leben rund 460 000 Einwohner. Wie gefährlich eine phreatische Explosion sein kann, zeigte im Dezember 2019 ein Ausbruch auf der unbewohnten neuseeländischen Vulkaninsel White Island. 22 Menschen kamen ums Leben, als die Insel im Rahmen eines Schiffsausfluges besichtigten. Wären dort Siedlungen gewesen, wären die Folgen der glühend heißen Aschewolken verheerend gewesen.
Es könnte auch eine Lavaeruption folgen, wenn die phreatische Explosion den Lavagang freilegt. Manche Forscher glauben auch, dass die Lava direkt für die Wölbung sorgt, also immer mehr aufsteigt und es eine große Magmaeruption geben könnte. Auch eine solche „plinianische“ Eruption wäre im Wohngebiet verheerend, wie eine Simulation des INGV zeigte. Einige Forscher warnen sogar vor einer Supereruption, wie es sie schon mal vor 39 000 Jahren gab und die alles Leben im Umkreis von 80 Kilometern alles Leben vernichtet hatte. Außerdem sind jederzeit auch schwere Erdbeben möglich, die Gebäude einstürzen lassen.
Schwarmbeben kündigt möglicherweise Explosion an: Erdbebenschwerpunkte liegen unter bewohnten Gebieten
Besorgniserregend ist, dass sich beim jetzigen Schwarmbeben, das diese phreatische Explosion ankündigen könnte, zwei Schwerpunkte bilden: Einer ist das östliche Stadtgebiet von Pozzuoli, in dem es viele Wohngebäude gibt. Der andere Schwerpunkt ist der Hügel Monte Olibano, auf dem sich die Militärakademie der italienischen Luftwaffe befindet.
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Der Monte Olibano ist ein etwa 3800 Jahre alter erkalteter Lavadom. Beide Gebiete befinden sich in unmittelbarer Nähe des Vulkankraters Solfatara, in dem sich heiße Schwefelquellen und Fumarolen befinden, aus denen heißes Gas austritt. Am östlichen Fuß der Solfatara sprudeln die heißen Quellen und Fumarolen von Pisciarelli. An beiden Orten werden verschiedene Werte gemessen.
Forscher entdecken beunruhigende Zeichen an den heißen Quellen in Italien
Der am Freitag veröffentlichte Monatsbericht des INGV für Februar gibt ebenfalls Anlass zur Sorge, dass sich die Situation im Supervulkan verschärft: „Die Zusammensetzung der Fumarolen und die überwachten Parameter weisen auf die Fortsetzung der mehrjährigen Trends der Erhitzung und Drucksteigerung des hygrothermischen Systems“, heißt es. Damit ist das erhitzte Wasser im Untergrund gemeint.
Weiter: „Der Bericht über Kohlendioxid und Methan zeigt einen Anstieg der Werte im Vergleich zu früheren Zeiträumen und bestätigt damit den Trend der Zunahme.“ Auch die erfasste Zeitreihe der Oberflächentemperaturen durch Infrarotkameras an den in den ansteigenden Gebieten von Pisciarelli und Solfatara zeigte im Februar 2024 höhere Werte als im Durchschnitt der Vormonate, berichtet das INGV.
Vor Ort schwanken die Menschen zwischen Panik, Fatalismus und Sarkasmus: „Ich habe Angst und zittere“, schreibt eine Frau bei Facebook. „Die Behörden sollen etwas unternehmen“ schreibt eine andere. Die Antworten darauf: „Willst du den Vulkan verprügeln?“ Ein anderer User schreibt: „Du kannst ja mal die Carabinieri fragen, ob sie ihn verhaften wollen.“ Ein User meint schließlich: „Ich denke, es ist Zeit, die Koffer zu packen. Ich sage es nicht gerne, aber so schlimm wie jetzt, war es noch nie.“