Über 60 Erdstöße in 24 Stunden

Schwarmbeben direkt unter Wohngebiet: Angst vor Ausbruch des Supervulkans in Italien wächst

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Ein Schwarmbeben lässt die Anwohner des Supervulkans bei Neapel zittern. Erdstöße, die Vorboten eines Ausbruchs sein könnten, ereignen sich direkt unter Wohngebieten.

Pozzuoli – Die Lage im Supervulkan der phlegräischen Felder im Süden Italiens spitzt sich wieder zu. Am Donnerstagabend (8. März) begann es eine schier nicht enden wollenden Kette von Erdstößen. Bis Freitagabend um 22.51 Uhr wurden vom nationalen Institut für Geochemie und Vulkanforschung (INGV) über 60 Beben registriert. Dann stoppte der Bebenschwarm vorerst, wie von Geisterhand gesteuert.

Schwefeldampfwolken steigen hinter den Wohnhäusern von Pozzuoli auf.

Das erste Beben hatte eine Stärke von 1,5. In der Nacht auf Freitag und auch tagsüber wurden die Stöße stärker, sie erreichten die Magnitude von 2,3. Teilweise wackelte der Boden dreimal pro Minute. Die Epizentren lagen zwischen drei Kilometer und 200 Meter tief, manchmal bebte es sogar an der Oberfläche.

Supervulkan in Italien brodelt: Das Bodenniveau wölbt sich immer weiter nach oben

Einzeln gesehen sind die Erdstöße nicht heftig, doch sie bezeugen, dass sich der Boden über dem Supervulkan immer mehr aufwölbt. Seit November 2005 ist das Niveau der Hafenstadt Pozzuoli laut INGV um 1,22 Meter angehoben wurden. Da gleichzeitig das Wasser seichter wird, lief am Mittwoch ein Fährschiff im Hafen auf Grund.

Die roten Kreise zeigen die Beben der vergangenen 24 Stunden.

Die Wölbung wird auf eine Magmakammer in rund drei Kilometer Tiefe zurückgeführt, die das Grundwasser darüber erhitzt. Man muss sich das wie einen gigantischen Dampfkessel vorstellen, aus dem immer wieder Überdruck abgelassen wird, das sind die kleinen unaufhörlichen Beben. Doch es wird befürchtet, dass irgendwann der Deckel über diesem riesigen Dampfkessel platzt.

Phreatische Explosion: Wie ein riesiger Dampfkessel, dem irgendwann der Deckel wegfliegt

Die Folge wäre eine sogenannte phreatische Explosion, die mitten in einem Wohngebiet katastrophal wäre. In der Roten Zone, dem am meisten gefährdeten Gebiet, leben rund 460 000 Einwohner. Wie gefährlich eine phreatische Explosion sein kann, zeigte im Dezember 2019 ein Ausbruch auf der unbewohnten neuseeländischen Vulkaninsel White Island. 22 Menschen kamen ums Leben, als die Insel im Rahmen eines Schiffsausfluges besichtigten. Wären dort Siedlungen gewesen, wären die Folgen der glühend heißen Aschewolken verheerend gewesen.

Bei der Explosion des neuseeländischen Vulkans White Island kamen 22 Menschen ums Leben.

Es könnte auch eine Lavaeruption folgen, wenn die phreatische Explosion den Lavagang freilegt. Manche Forscher glauben auch, dass die Lava direkt für die Wölbung sorgt, also immer mehr aufsteigt und es eine große Magmaeruption geben könnte. Auch eine solche „plinianische“ Eruption wäre im Wohngebiet verheerend, wie eine Simulation des INGV zeigte. Einige Forscher warnen sogar vor einer Supereruption, wie es sie schon mal vor 39 000 Jahren gab und die alles Leben im Umkreis von 80 Kilometern alles Leben vernichtet hatte. Außerdem sind jederzeit auch schwere Erdbeben möglich, die Gebäude einstürzen lassen.

Schwarmbeben kündigt möglicherweise Explosion an: Erdbebenschwerpunkte liegen unter bewohnten Gebieten

Besorgniserregend ist, dass sich beim jetzigen Schwarmbeben, das diese phreatische Explosion ankündigen könnte, zwei Schwerpunkte bilden: Einer ist das östliche Stadtgebiet von Pozzuoli, in dem es viele Wohngebäude gibt. Der andere Schwerpunkt ist der Hügel Monte Olibano, auf dem sich die Militärakademie der italienischen Luftwaffe befindet.

Supervulkan sorgt für Angst und Schrecken – diese Bilder zeigen die spektakulärsten Vulkanausbrüche Italiens

Die Stadt Centuripe westlich von Catania wird vom Ätna überragt.
Der zur Zeit etwa 3357 Meter hohe Ätna bei Catania (hier mit der Stadt Centuripe im Vordergrund) ist der größte aktive Vulkan Europas. Er bricht gewöhnlich mehrmals in einem Jahr aus. Im Jahre 2021 spuckte er fünf Mal Lava, dieses Jahr (2023) bereits zwei Mal. Meistens ergießen sich die Lavaströme aber nicht in bewohntes Gebiet. © Imago/UIG
Eine Eruption des Ätnas
Lava fließt aus dem Krater des Ätna in Richtung Tal - hier im Jahre 2012. Wenn sich neue Spalten an den Flanken des Vulkans bilden, kann es vorkommen, dass der Lavastrom Straßen sich über Seilbahnstationen und Straßen ergießt.  © imago stock&people
Ätna-Ausbruch: Lava überquert eine Straße
Am 18. Juli 2001 ströme nach einem Ausbruch des Ätna aus einer Spalte ein Lavastrom auf die Kleinstadt Nicolosi zu, in der 1983 Lava 20 Häuser verschüttet hatte. Durch das Bespritzen der Lava mit Wasser und dem Bau eines Erdwalls gelang es, dieses Restaurant zu retten. Später brannte die Bergstation der Ätna-Seilbahn aus, als sie die Lava erreicht hatte. © epa ansa Scardino-Ragonese
Ein Deckenfresko zeigt den Lavafluss vom Ätna nach Catania im Jahr 1669.
Der schwerwiegendste Ausbruch des Ätna ereignete sich 1669, als die Lava sich bis in die Hafenstadt Catania ergoss. Sie schloss das zuvor an einer Bucht gelegene Castello Ursino wurde von der Lava umströmt und liegt seitdem mehrere hundert Meter landeinwärts. Gut zehn Ortschaften, darunter Nicolosi und Belpasso, wurden von der Lava verschlungen. Es gab aber keine Tote, da die Lava langsam floss. © wikipedia Fresko von Gioacinto Platania
Eine riesige Aschwolke steigt beim Ausbruch des Vesuv 1944 empor.
Weitaus gefährlicher als der Ätna ist der Vesuv bei Neapel, der meist sehr explosiv ausbricht und bis zu 7000 Grad heiße Gas- und Aschwolken ausstößt. Der letzte Ausbruch ereignete sich am 18. März 1944. Trotz Evakuierung von 12 000 Menschen fanden 26 Einwohner den Tod, die Städtchen Massa di Somma und San Sebastiano wurden nahezu vollständig unter Lava begraben. © Giovanni Manfredonia/Facebook
„Der letzte Tag von Pompeji“, gemalt von Karl Briullov zwischen 1830 und 1833.
Am 24. August 79 n. Chr. ereignete sich der wohl bekannteste Vulkanausbruch der Geschichte: Der Vesuv explodierte unter einer riesigen Pyroklastischen Wolke aus glühend heißem Gas und verschüttete die Städte Pompeji und Herculaneum unter einer meterhohen Schicht von Asche und Bimsstein. Ein Öl-Gemälde des russischen Malers Karl Briullov (1799 –1852) zeigt, wie er sich die Katastrophe vorstellte. © imago stock&people
Gipsabgüsse der Todesopfer des Vulkanausbruchs des Ätna von 79. n. Chr.
Beim Ausbruch des Vesuv 79. n. Chr. kamen schätzungsweise 5000 Menschen ums Leben. Alleine in Pompeji wurden die Überreste von 1150 Todesopfern ausgegraben. Nachdem sie durch die Gas- und Aschewolken erstickt und verbrannt waren, deckte sie der Ascheregen zu. In den Jahrhunderten danach bildeten sich Hohlräume, die in der Neuzeit durch Gips ausgefüllt wurden. © IMAGO/Vandeville Eric/ABACA
Der Stromboli ist ein Weltkulturerbe der UNESCO.
Der Vulkan Stromboli auf der gleichnamigen Insel ist der aktivste Vulkan der Welt. Im Abstand von wenigen Minuten ereignen sich im Gipfelkrater kleine Eruptionen, die durch Gasblasen verursacht werden, die nach oben steigen. Touristen können das Spektakel von einem Beobachtungspunkt aus betrachten. Doch ab und an gibt es auch aktivere Phasen und auch größere Ausbrüche. Zurzeit ist der Aussichtspunkt am Gipfel wegen einer aktiveren Phase gesperrt. © Imago Robert Francis
Die Raucwolke über dem Stromboli bei der Eruption am 3. Juli 2019
Ab und an gibt es am Stromboli auch schwerere Ausbrüche, wie am 3. Juli 2019. Dabei kam ein Tourist ums Leben, der am Gipfel oberhalb des Kraters den Vulkan beobachtete. Am 11. September 1930 starben drei Inselbewohner durch einen pyroklastischen Strom aus Aschen, Schlacken, Steinen und heißen Gasen. 2002 rutschte bei einer Eruption ein Teil des Gipfels ins Meer, ein Tsunami beschädigte einige Häuser am Ufer, Lavabomben schlugen in den Dörfern ein.  © Mapsism/Facebook
Der Krater des Vullans der Insekl Vulcano
Die Insel Vulcano ist eine Nachbarinsel des Stromboli nördlich von Sizilien. Die Römer glaubten, dass hier der Gott Vulcanus, der Gott des Feuers lebt. Im 5. Jahrhundert v. Chr. hat sich wahrscheinlich ein heftiger Ausbruch ereignet, dessen Donnern in weiten Teilen Siziliens hörbar war. Im 19. Jahrhundert mussten im Krater Sträflinge Schwefel abbauen. Heute ist Vulcano ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Am Ufer gibt es heiße Quellen, in einem Mini-Krater kann man baden. © Wikipedia/Geak
Die Explosion des Vulcani im Jahr 1888.
Am 3. August 1888 begann der bislang letzte Ausbruch auf Vulcano mit einer Explosion, der rasch weitere und immer heftigere folgten. Lavabomben schlugen drei Kilometer auf den bewohnten Nordteil der Insel ein. Sie durchschlugen die Dächer der Fabrik- und Wohngebäude und setzten die Schwefelvorräte sowie einige an der Mole liegende Schiffe in Brand. Die wenigen Bewohner von Vulcano hatten sich mit Booten gerettet. Die Sträflinge, die zuvor im Krater Schwefel abbauen mussten, flüchteten in Höhlen. Die Aktivität hielt bis 1890 an. © ResearchGate
Die Insel Ferdinandea in einer zeitgenössischen Darstellung von Camillo de Vito (1790-1835).
Im Sommer 1831 tauchte mitten im Meer 60 Kilometer südlich von Sizilien plötzlich eine Vulkaninsel aus dem Meer auf. Die Insel war der Gipfel eines Unterwasservulkans, der damals ausbrach. Der deutsche Forscher Friedrich Hoffmann benannte sie nach dem sizialinischen König Ferdinand II Ferdinandea. Der britischen Kapitän Senhouse beanspruchte das rund 63 Meter hohe und 800 Meter breite Eiland als Graham Island für das britische Empire. Bis zum Winter verschwand die Insel wieder: Durch die Eruption war die Magmakammer leer und der Krater sackte ab. ©  Camillo De Vito/Wikipedia
Der Solfatara-Krater bei Pozzuoli
Der Super-Vulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel brach in vorgeschichtlicher Zeit mindestens der Mal verheerend aus: Bei einem einzigen Ausbruch vor 39 280 Jahren löschten die Feuerströme alles Leben im Umkreis von gut 100 Kilometern aus. Rund 10 000 Quadratkilometer Land (etwa die Fläche Niederbayerns) versanken unter einer bis zu 100 Meter dicken Schicht aus Asche. Der Krater mit einem Durchmesser von 16 Kilometer brach ein. Heiße Quellen und Dampfwolken am Solfatara zeugen noch heute von dem Mega-Ausbruch. © IMAGO/Antonio Balasco
Eruption de Monte Nuovo, Illustration of the eruption of Monte Nuovo in the year 1538 from the 18th century,
Der letzte Ausbruch der Phlegräischen Felder ereignete sich 1538. Hier ein Kupferstich, der den Ausbruch zeigt. Damals erstand aus dem Nichts ein neuer Vulkan westlich der Hafenstadt Pozzuolo, der das Dorf Tripergle, die Villa des römischen Staatsmanns Cicero und antike Bäder verschüttete. Es gab 24 Tote. Es waren Schaulustige, die am Kraterrand bei einer Explosion ums Leben kamen. Die Einheimischen waren durch Erdbeben und den Rückzug des Meeres gewarnt worden. ©  via www.imago-images.de
Der Krater des Monte Nuovo ist aus der Luft am besten als erloschener Vulkan zu erkennen.
Der Monte Nuovo ist ein kleiner Vulkan nahe der Küste bei Pozzuoli. Insgesamt sind die Phlegräischen Felder von rund 40 Vulkankratern übersät, 20 davon sind deutlich erkennbar. Einige sind mit Wasser gefüllt und sind idyllische Seen. Schon in der Antike wurden die heißen Quellen als Thermalbäder genutzt, noch heute kann man in mehreren Thermen sich in vom Vulkanismus erhitzten Wasser erholen. © IMAGO/Pond5 Images

Der Monte Olibano ist ein etwa 3800 Jahre alter erkalteter Lavadom. Beide Gebiete befinden sich in unmittelbarer Nähe des Vulkankraters Solfatara, in dem sich heiße Schwefelquellen und Fumarolen befinden, aus denen heißes Gas austritt. Am östlichen Fuß der Solfatara sprudeln die heißen Quellen und Fumarolen von Pisciarelli. An beiden Orten werden verschiedene Werte gemessen.

Forscher entdecken beunruhigende Zeichen an den heißen Quellen in Italien

Der am Freitag veröffentlichte Monatsbericht des INGV für Februar gibt ebenfalls Anlass zur Sorge, dass sich die Situation im Supervulkan verschärft: „Die Zusammensetzung der Fumarolen und die überwachten Parameter weisen auf die Fortsetzung der mehrjährigen Trends der Erhitzung und Drucksteigerung des hygrothermischen Systems“, heißt es. Damit ist das erhitzte Wasser im Untergrund gemeint.

Die Phlegräischen Felder bei Neapel zeigen erhöhte Aktiovität.

Weiter: „Der Bericht über Kohlendioxid und Methan zeigt einen Anstieg der Werte im Vergleich zu früheren Zeiträumen und bestätigt damit den Trend der Zunahme.“ Auch die erfasste Zeitreihe der Oberflächentemperaturen durch Infrarotkameras an den in den ansteigenden Gebieten von Pisciarelli und Solfatara zeigte im Februar 2024 höhere Werte als im Durchschnitt der Vormonate, berichtet das INGV.

Vor Ort schwanken die Menschen zwischen Panik, Fatalismus und Sarkasmus: „Ich habe Angst und zittere“, schreibt eine Frau bei Facebook. „Die Behörden sollen etwas unternehmen“ schreibt eine andere. Die Antworten darauf: „Willst du den Vulkan verprügeln?“ Ein anderer User schreibt: „Du kannst ja mal die Carabinieri fragen, ob sie ihn verhaften wollen.“ Ein User meint schließlich: „Ich denke, es ist Zeit, die Koffer zu packen. Ich sage es nicht gerne, aber so schlimm wie jetzt, war es noch nie.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/napolipress

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