Italienisches Urlaubsjuwel wird trotz Eintritts-Forderung überrannt
VonChristoph Gschoßmann
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Der Preis für den Zutritt zu einem italienischen Touristenparadies wurde verdoppelt. Ist diese Idee schon am ersten Tag gescheitert?
Venedig – Eigentlich sollte die Eintrittsgebühr die Touristen fern halten, doch dieser Plan ging komplett daneben: In Venedig sind an 54 Tagen im Jahr für kurzfristige Besucher zehn Euro Eintritt fällig. Wer drei Tage oder länger vorher sein Ticket löst, muss fünf Euro bezahlen. Karfreitag ist der erste Tag der Bezahlsaison, und laut Südtirol News strömten 8000 Besucher in die Lagunenstadt, doppelt so viele wie am Karfreitag des Vorjahres.
Stadt Venedig nimmt durch die Tagesgebühr viel Geld ein - aber löst ihr Problem nicht
Die Stadt hat also an einem Tag mindestens 40.000 Euro verdient, aber ihr Massentourismusproblem bleibt weiter ungelöst. Insgesamt werden die Besucher in diesem Jahr vom Karfreitag bis Ende Juli an 54 Tagen zur Kasse gebeten.
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Zum ersten Mal trat die Gebühr im Vorjahr in Kraft, im Jahr 2024. Venedig wurde damit die erste Stadt der Welt, die für Kurzzeitbesucher Eintritt verlangte, genau wie für ein Museum. Wer kein Ticket hatte, riskierte eine Geldstrafe von bis zu 300 Euro. Schon damals aber war der Trend absehbar: Die Besucherzahlen der Lagunenstadt steigen trotzdem kontinuierlich an.
Bürgermeister Luigi Brugnaro erklärte ausdrücklich, dass das Ziel darin bestehe, Touristen davon abzuhalten, die Stadt während bestimmter Zeiträume zu besuchen. „Venedig ist die erste Stadt der Welt, die das Problem des Overtourism angeht.“ Von Anfang Mai bis Ende Juli ist an jedem Wochenende von Freitag bis Sonntag Eintritt zu entrichten. Die Zahlung muss zwischen 08:30 und 16:00 Uhr erfolgen.
Venedig verdiente 2024 fast 2,4 Millionen Euro an den Tagestickets
Im vergangenen Jahr wurden 485.000 zahlende Besucher registriert, die über 2,4 Millionen Euro in die Stadtkasse spülten, was aber auch bedeutet, dass viele Touristen auf der Durchreise waren. Die Kosten für die Entwicklung und Verwaltung des Systems sind bei weitem nicht gedeckt. Übernachtungsgäste müssen keinen Eintritt bezahlen, jedoch die Kurtaxe entrichten. Zudem kamen vor allem Rucksack-Urlauber erst nach 16.00 Uhr, wenn keine Gebühr mehr fällig wird. Die Kosten für Entwicklung und Betrieb des Systems sind längst nicht gedeckt.
Der Besucherstrom bringt der Stadt viel Geld, verursacht aber auch große Probleme. Das Zentrum mit seinen Hunderten von Kanälen verfügt über mehr als 50.000 Betten für Touristen. Jedes Jahr gibt es mehr als 15 Millionen Besucher, die Tendenz ist steigend. An vielen Tagen ist es fast unmöglich, durch die engen Gassen rund um den Markusplatz und die Rialtobrücke zu kommen.
Sind die Gebühren für einen Venedig-Besuch zu niedrig?
Die Gebühr erscheint vielen als zu niedrig, als dass sie eine Abschreckungswirkung habe. In Venedig kostet selbst eine Tasse Cappuccino auf dem Markusplatz mehr als das Ticket. Bezahlt wird in der Regel, indem man sich vor der Ankunft übers Internet einen QR-Code besorgt und aufs Handy lädt.
Eine von der Stadtverwaltung Venedig veröffentlichte Analyse der Daten des letztjährigen Testlaufs ergab „keine signifikanten Schwankungen zwischen den Tagen, an denen eine Eintrittsgebühr erhoben wurde, und denen, an denen sie nicht erhoben wurde. Paradoxerweise wurde an den Tagen, an denen der Testlauf aktiv war, eine höhere Besucherzahl verzeichnet.“
„Das zeigt, was von Anfang an klar war: Man kann eine komplexe Stadt wie Venedig nicht regieren, indem man sie in einen Themenpark mit Eintrittsgebühr verwandelt“, sagte Monica Sambo, Oppositionsmitglied im Stadtrat von Venedig.
Venedig könnte auf die Liste der gefährdeten UNESCO-Welterbestätten gesetzt werden
Venedig drohte 2023 auf die Liste der gefährdeten UNESCO-Welterbestätten gesetzt zu werden, nachdem Experten der UNESCO den Massentourismus, den Klimawandel und die Entwicklung als große Bedrohung für die Zukunft der Stadt bezeichnet hatten. Sie forderte die Stadtverwaltung auf, Maßnahmen zur Schadensbegrenzung zu ergreifen. Die Stadt selbst nannte die Eintrittsgebühr als positive Maßnahme, Venedig kam bisher nicht auf der Liste der gefährdeten Stätten.
Eine UNESCO-Expertenmission kehrte im vergangenen Herbst nach Venedig zurück, die Stadt und ihre Lagune werden im Juli bei einem Treffen des Welterbekomitees in Paris erneut thematisiert. (cgsc mit dpa)