Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung

Rotierende Wolkenschläuche binnen Minuten – Neue Wetter-Gefahr am Mittelmeer hat es in sich

  • schließen

Das warme Mittelmeer bringt im Herbst eine kaum bekannte Bedrohung: Wasserhosen und Tornados über beliebten Urlaubszielen. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.

München – Wenn im Herbst das Mittelmeer ungewöhnlich warm bleibt, steigt die Energie im Zusammenspiel mit einströmender Kaltluft deutlich an. Was nach Postkartenidylle klingt, birgt ein hohes Risiko: Tornados über dem Wasser, sogenannte Wasserhosen, treten dann verstärkt auf. Normalerweise sind diese Phänomene schwach ausgeprägt, doch bei Temperaturen des Mittelmeers von mehr als 25 Grad kann die Atmosphäre geradezu explosiv reagieren. Erst zuletzt wurde erneut in Italien ein Tornado gemeldet.

Wasserhosen könnten zukünftig auch auf dem Mittelmeer immer häufiger auftreten (Symbolbild).

Besonders die Übergangszeit von September bis November gilt als kritisch, weil sich dann die ersten Schübe kalter Luftmassen aus Nordeuropa mit der gespeicherten Wärme des Sommers treffen. Aus zunächst harmlosen Schauern können binnen Minuten rotierende Wolkenschläuche entstehen, die sich wie Trichter über dem Meer absenken.

Mittelmeer-Urlaub im Herbst mit potenzieller Gefahr: Von der Wasserhose zum Tornado an Land

Die meisten Mittelmeer-Tornados bleiben harmlos und lösen sich über dem Wasser wieder auf. Doch immer wieder erreichen diese Wirbelstürme die Küstenstreifen von Mallorca, Sizilien oder Griechenland. Dann entwickeln sie plötzlich eine zerstörerische Kraft, die an klassische Tornados aus den USA erinnert. Dächer werden abgedeckt, Boote gekentert und Bäume entwurzelt.

Gerade touristische Hotspots wie Strände, Häfen oder Promenaden liegen in der Gefahrenzone, weil sie genau an der Schnittstelle zwischen warmem Wasser und besiedeltem Land liegen. Wer an einem milden Herbsttag in der Sonne liegt, rechnet kaum mit einem Naturereignis, das innerhalb weniger Minuten den gesamten Küstenabschnitt verändern kann. Diese Diskrepanz macht Mittelmeer-Tornados so gefährlich: Sie treffen überraschend und mit lokaler Wucht.

Tornados, Superzellen und Schlammlawinen: Die Bilder der zerstörerischen Unwetter in Italien

Windhose Tornado Lombardei in Italien Unwetter Sturm Gewitter Superzelle
In der Lombardei bildete sich am Freitagabend nahe Lecco ein Tornado, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtet.  © Vigili del Fuoco
Unwetter in Italien Verretto Norditalien Lombardei Sturm
Ganze Dächer wurden infolge der Unwetter in Verretto (Provinz Pavia) regelrecht weggefegt.  © Jason Tschepljakow/DPA
Unwetter in Italien Pavia Lombardei Norditalien
Das Ausmaß der Zerstörung nach den Unwettern aus der Vogelperspektive.  © Jason Tschepljakow/DPA
Heftiges Unwetter in Italien Lombardei Superzellen
Superzellen über der norditalienischen Region Lombardei.  © Alexander Wolf/Imago
Hagel Hagelkörner Norditalien Unwetter
Golfballgroßer Hagel fiel in einigen Örtlichkeiten Norditaliens am Freitag vom Himmel.  © meteoscienza/facebook
Feuerwehr entfernt herabgestürzte Bäume.
Bei den Unwettern von Donnerstag (28. August) auf Freitag: Mehr als 1300 Einsätze zählten die Feuerwehren in Norditalien binnen nicht mal 24 Stunden.  © Vigili del Fuoco/telegramm
Baveon Lago di Maggiore Urlaubssee Italien Piemont
In Baveno am Ufer des Lago di Maggiore sorgten die heftigen Regenfälle für eine Schlammlawine.  © Michele Radice/Facebook
Baveno Hangrutsch Schlammlawine Unwetter Italien
Der Hang in Baveno (Piemont) rutsche nach heftigen Unwettern auf eine Straße und ein darunter liegendes Wohnhaus.  © Michele Radice/Facebook
Mure Geröll Schlamm auf Staatstraße SS51 di Alemagna Unwetter
Die bekannte Staatsstraße SS51 di Alemagna wurde von den Unwettern in Norditalien ebenfalls nicht verschont. Eine Nacht blieb die Route wegen einer Mure gesperrt. Am Freitagmorgen konnte der Verkehr wieder rollen.  © Massimo Bortoluzzi/facebook
Desenzano del Garda am Gardasee
Die Strände in Desenzano del Garda blieben am Donnerstag leer. Auch die Region um den beliebten Gardasee war von heftigen Unwettern betroffen.  © Rai News
Strand Viareggio Italien nach Unwetter Sturm Mittelmeer
Am menschenleeren Strand des beliebten Urlaubsortes Viareggio (Toskana) hinterließen stürmische Winde ein Bild der Verwüstung.  © Riccardo dalle Lucche/Ansa/Imago
Strand Ligurien Mittelmeer Italien
Auch in Ligurien waren viele Strände aufgrund der Unwetter und des hohen Wellengangs geschlossen.  © Rai News
Verretto Photovoltaik-Park Solarpark Sturm Unwetter
In Verretto (Lombardei) machten stürmische Winde einen Photovoltaik-Park dem Erdboden gleich.  © Rai News
Hangrutsch GEiselsberg Olang Südtirol Italien
Hangrutsche waren in einigen Orten Norditaliens Grund für Einsätze. Hier im Bild eine Schlammlawine in Geiselsberg oberhalb von Olang in Südtirol.  © FF Geiselsberg/Landesfeuerwehrverband Südtirol
feuer Brand in Südtirol Siebeneich Feuerwehr Einsatz
In Südtirol musste die Feuerwehr am Donnerstag unter anderem zu einem Brand ausrücken, ausgelöst durch einen Blitzeinschlag.  © Jacopo da Col/BFBZ
Feuer Brand Siebeneich Südtirol
Bei dem Brand in Siebeneich ist glücklicherweise niemand zu Schaden gekommen. Doch der Sachschaden ist laut Feuerwehr erheblich.  © Jacopo da Col/BFBZ
Riva del Garda Blitzeinschlag Wohngebäude
Auch in Riva del Garda setzte ein Blitzeinschlag ein Gebäude in Flammen. Mehrere Familien mussten aufgrund des Brandes evakuiert werden.  © Vigili del Fuoco/Rai TGR

Warmes Wetter in den Herbstferien: Mehr Risiko durch Klimawandel?

Meteorologen beobachten in den vergangenen Jahren eine Häufung dieser Erscheinungen, was eng mit der zunehmenden Erwärmung des Mittelmeers zusammenhängen könnte. Je länger das Meer seine Wärme speichert, desto länger bleibt das „Treibstofflager“ für kräftige Gewitter und Wirbelstürme gefüllt. Zwar wird nicht jeder warme Herbst automatisch zur Tornado-Saison, doch die Wahrscheinlichkeit wächst.

Für Urlauber bedeutet das: Auch wenn die Strände von Mallorca oder Kreta im Oktober noch sommerlich wirken, sollte man den Himmel im Auge behalten. Ein aufziehender Trichter über dem Wasser ist kein exotisches Schauspiel, sondern ein ernst zu nehmendes Warnsignal. Moderne Wetterdienste erkennen diese Entwicklungen besser denn je, dennoch bleibt die Gefahr akut, wenn ein Tornado unvorhergesehen an Land trifft. Der Herbst im Mittelmeerraum wird damit zur Jahreszeit voller Gegensätze – zwischen unbeschwertem Urlaubsfeeling und plötzlicher Naturgewalt. Warmes Wetter im Mittelmeerraum wirkt sich auch auf das Wetter in Deutschland erheblich aus.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa | epa anp Meijert de Haan

Kommentare