Gleichberechtigung

„Riesengroßer Fehler“ bei Kitas spitzt sich weiter zu

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Die Gleichberechtigung in Deutschland ist noch nicht erreicht, dazu trägt auch der Betreuungsnotstand bei. Das hat verheerenden Konsequenzen.

In Deutschland fehlen mehr als 300.000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. Das zeigt eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft, die Ende vergangenen Jahres veröffentlicht wurde. Zudem gibt es rund 125.000 Erzieherinnen und Erzieher zu wenig. Die Folgen sind vielfältig. Eltern, besonders Mütter, sind oft gezwungen, ihre Berufstätigkeit einzuschränken. „Der Kita-Ausbau muss dringend weitergehen, und das braucht politischen Willen“, sagt die Autorin Anne Theiss BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Sie hat das Buch „Rethinking Motherhood“ zu diesem Thema veröffentlicht.

„Der Staat hat die Aufgabe, die Infrastruktur bereitzustellen“, sagt Theiss. Konservative Parteien würden das Thema Kita-Ausbau jedoch nicht ernst nehmen, obwohl das Potenzial der Mütter nicht ausgeschöpft werde. Das sei ein „riesengroßer Fehler. Das Erstaunliche an Deutschland ist, dass wir politische Maßnahmen haben, die nicht den politischen Zielen entsprechen“, sagt sie.

Trotz sinkender Geburtenrate und des Fachkräftemangels würde das Ehegattensplitting gefördert. Würde es abgeschafft, „hätte man circa 20 Milliarden Euro, die man sinnvoll in die Infrastruktur investieren könnte. Warum subventionieren wir Ehe, aber nicht Familie oder Kinderbetreuung?“, kritisiert Theiss. Studien würden sogar zeigen, dass Frauen sich „momentan trotz Kinderwunsch gegen Kinder entscheiden.“

Expertin: Kita-Mangel hat negative Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen

2022 lebten in Deutschland insgesamt 20,3 Millionen Mütter – etwa ein Viertel der Bevölkerung. Da rund 13 Prozent der Kinder unter drei Jahren keinen Kita-Platz haben, bleiben häufig die Mütter zu Hause oder arbeiten nicht in Vollzeit. Über 80 Prozent der Care-Arbeit in Deutschland werde von Frauen geleistet: „Wir haben zwar eine relativ hohe Erwerbsquote unter Frauen, aber über 50 Prozent arbeiten in Teilzeit“, sagt die Autorin. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sei das eine hohe Quote. Meist liege das nicht an den Präferenzen der Mütter, erklärt Theiss: „Unter Frauen mit minderjährigen Kindern möchte die Mehrheit, die Teilzeit arbeitet, gern mehr arbeiten.“ Die politischen Umstände und der Betreuungsnotstand würden dies jedoch oft nicht zulassen.

Viele Frauen bekommen weniger Kinder, als sie eigentlich möchten.

Eine Gefahr für die Karriere sei auch der Part-Time-Digital-Gap: „Wer heute nur ein paar Jahre aus dem Beruf raus ist, verpasst Entwicklungen, die sich früher über Jahrzehnte erstreckt haben. Das ist ein großes Problem“, sagt Theiss BuzzFeed News Deutschland. Frauen, die gar nicht oder nur in Teilzeit arbeiten, würden an Wissen und Anschluss verlieren, zum Beispiel, was den Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) angeht. Auch für Arbeitgeber sei es weniger interessant, „jemanden wieder einzugliedern, der digitale Entwicklungen über Jahre hinweg verpasst hat.“

Autorin: Für die Gleichberechtigung braucht es Solidarität von Männern

Die Rolle der Männer und Väter sei für die Entwicklung hin zur Gleichberechtigung essenziell: „Es ist zu oft so, dass auch Männer, die sich eigentlich als progressiv und liberal ansehen, wenn es um das erste Kind geht, doch wieder in traditionelle Rollen zurückfallen“, sagt Theiss. Gerade nach der Corona-Pandemie hätten sich viele Männer wieder auf klassische Rollenbilder besonnen. Das liege auch an der gesellschaftlichen Prägung, die es zu reflektieren gelte: „Diese Prägungen üben sozialen Druck aus, der weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich sinnvoll ist“.

Heutzutage würden sich viele Männer wünschen, die Erwerbs- und Sorgearbeit gleichberechtigt aufzuteilen. „Aber auch sie stehen unter sozialem Druck. Wenn ein heutiger Mann beim Arbeitgeber Elternzeit beantragt, wird er immer noch zu häufig abgewertet“, sagt Theiss. Dabei sollte dieser Wunsch genauso ernst genommen werden, wie der von Frauen, „mehr arbeiten zu wollen oder bessere Infrastruktur zu fordern.“

Rubriklistenbild: © Annette Riedl/dpa

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