Kinderbetreuung

Personalnot und zu wenig Wertschätzung: Kitas in Deutschland unter Druck

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Für regelmäßige Ausflüge nach draußen fehlt es oft an Personal und Zeit.
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Die Beschäftigten in den Kindertagesstätten sind überlastet. Darunter leidet das Personal, die Familien und letztendlich auch die Wirtschaft.

Es ist mal wieder so ein Tag, an dem Lena Reichelt ihr Kind früher von der Kita abholen muss. Eigentlich hat sie für ihren Sohn einen Platz in der städtischen Einrichtung bis 16 Uhr gebucht, doch dann kommt die E-Mail: heute Betreuung nur bis 14 Uhr. „Das zieht sich so durch. Erst kam die Krankheitswelle und bei uns im Haus gab es auch noch einige Langzeiterkrankte unter den Fachkräften und Kündigungen“, erzählt die berufstätige Mutter zweier Söhne. Einer ist in der ersten Klasse, der andere noch in der Kita.

Reichelt ist Mitinitiatorin der „Kitastrophe“, einem Zusammenschluss von Eltern in Bremen, die mit der Betreuungssituation in Kitas nicht zufrieden sind. Sie setzen sich für bessere Bedingungen in den Einrichtungen ein und versuchen, auf die Missstände für Eltern, Fachkräfte und Kinder aufmerksam zu machen. „Es hat seit vergangenem Herbst keine Woche gegeben, die normal lief“, resümiert Reichelt.

Umfrage: Personalnot ist keine Ausnahme

Mit der Erfahrung ist sie nicht alleine. Immer wieder beklagen Eltern und pädagogische Fachkräfte die schwierige Personalsituation. In einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage anlässlich des Deutschen Kitaleitungskongresses (DKLK) in Düsseldorf gaben mehr als die Hälfte (52 Prozent) der 2659 befragten Kitaleitungen an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten in mehr als 20 Prozent der Zeit in Personalunterdeckung gearbeitet haben. Das heißt: In diesen Einrichtungen fehlte an durchschnittlich einem Tag in der Woche Personal, um nach Vorgaben wie beispielsweise der Beachtung der Aufsichtspflicht arbeiten zu können. 13,3 Prozent der Kitaleitungen gaben sogar an, in über 60 Prozent der Zeit auf solche Weise zu arbeiten.

„Die Realität zeigt: Viele Kitaleitungen sind froh, wenn überhaupt die Betreuung gewährleistet werden kann“, fasst Anne Deimel, Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) bei der Vorstellung der DKLK-Studie in Düsseldorf zusammen. Aktivitäten, die darüber hinaus gehen, wie gemeinsame Ausflüge, individuelle Förderung und gemeinsame Erlebnisse in der Natur fallen oft hinten runter.

Naturbildung ist selten möglich

Am Beispiel Naturbildung zeichnet sich laut der Umfrage ein ernüchterndes Bild: Die meisten der befragten Kitaleitungen sehen in einer immer stärker digitalisierten Welt pädagogische Vorteile für Kinder durch Erfahrungen in der Natur und beobachten auch, dass sich die Mehrheit der Kinder (78 Prozent) lieber in der Natur aufhalten als in den Kitaräumen. Aber nur ein Viertel der Kitas können täglich einen solchen Naturraum aufsuchen, wobei nicht der Spielplatz oder Garten am Kitagelände gemeint ist. Rechnet man die Natur- und Waldkitas heraus, sind es nur 20 Prozent. Bei etwa 40 Prozent der Einrichtungen seien diese Ausflüge ins Grüne weniger als wöchentlich durchführbar.

Dabei sei nicht nur zu wenig Personal für die tatsächliche Durchführung dieser Angebote ausschlaggebend, sondern auch die fehlende Zeit für die Vorbereitung von Konzepten dafür, so Deimel. „Es ist absurd, wenn engagierte Fachkräfte gerne mit den Kindern in die Natur gehen würden, aber Personalmangel und fehlender niedrigschwelliger Zugang sie hindern“, fügt Tomi Neckov, stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), hinzu.

Das Problem: Der Beruf der Erzieherin und des Erziehers gilt laut einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit als sogenannter Engpassberuf. In einem im Februar 2025 veröffentlichten Bericht zum Arbeitsmarkt, zur Kinderbetreuung und -erziehung bestätigt die Behörde „das Vorliegen eines Fachkräftemangels“. Denn trotz einer gestiegenen Anzahl an Personal im Bereich der Kinderbetreuung im Jahr 2024 lag die berufsspezifische Arbeitslosenquote im gleichen Zeitraum bei nur 1,7 Prozent. Eine Quote von drei Prozent und weniger wird als Vollbeschäftigung bezeichnet. Das bedeutet in der Praxis: Offene Stellen können nur schwer besetzt werden und das Feld der Bewerber:innen ist überschaubar.

Dieses Problem kennt auch Annalena Winkler. Sie arbeitet als pädagogische Leitung in einer Einrichtung in Bayern, die durch eine Elterninitiative gegründet wurde. Dort sind die jeweiligen Eltern normalerweise intensiver in den Ablauf eingebunden. Sie können und sollen mitunter bei Personalmangel auch mal selbst einspringen oder Aktivitäten wie Ausflüge in die Natur begleiten. Insgesamt habe es deswegen eher selten Anlass für Notbetreuung gegeben und auch der Betreuungsschlüssel, also die Relation zwischen Fachkraft und der Arbeit mit dem Kind, sei höher als der Durchschnitt in Einrichtungen anderer Träger, erzählt sie. Und trotzdem: „Bei uns gab es auch schon Engpässe“, sagt die ausgebildete Erzieherin.

Es mangelt an Wertschätzung

Stellen sind auch für Einrichtungen, in denen die Rahmenbedingungen etwas besser sind, schwierig zu besetzen. „Bei unserer letzten offenen Stelle war es eine Katastrophe, jemanden zu finden und das lag vor allem am Geld“, erzählt Winkler. Denn das Gehalt sei niedriger als bei einem städtischen Träger, der zumindest nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt. „Da haben dann viele keine Lust drauf, trotz der anderen Vorzüge, die wir bieten“.

Sie ist überzeugt: Es mangelt auch insgesamt an Wertschätzung für den Beruf. „Viele denken noch, Erzieherinnen hocken einfach nur rum und spielen“, sagt sie. Es werde allgemein unterschätzt, welche Förderung im Kindergarten geleistet werde. Das ganze Drumherum, soziale Kompetenzen, gemeinsames am Tisch essen – all das würden Eltern manchmal nicht sehen. Oft hört sie auch Klagen, wenn Eltern ihre kranken Kinder nicht in die Kita schicken können, weil die Ansteckungsgefahr dann zu groß ist. Wie sie es ihren Chefs denn erklären sollen, dass sie jetzt deswegen auf ihrer Arbeitsstelle fehlen, würden sie dann fragen. „Im Grunde müssten gerade die berufstätigen Eltern dann ja sagen, zum Glück gibt es den Kindergarten, sonst könnten sie gar nicht arbeiten gehen“, so Winkler.

Familienpolitik als Wirtschaftsthema

Bei der Kitastrophe in Bremen ist man sich dieser Zusammenhänge bewusst: „Wir solidarisieren uns mit den Fachkräften“, betont Juliane Klug. Sie ist – wie ihre Mitstreiterin Lena Reichelt – Mutter zweier Kinder. Sie berichtet von Erzieherinnen, die versuchen würden, alles aufzufangen und trotz allem eine gute Betreuung zu gewährleisten. „Die sind mit Herzblut dabei“, sagt sie. Die Fachkräfte selbst könnten aber nichts für die personelle Ausstattung. Man müsse eher bangen, dass alle auch dabei bleiben, bei den Belastungen, denen man in der Branche ausgesetzt sei, befürchtet Klug. An die Politik gerichtet äußert sie einen klaren Appell: „Die müssen verstehen, dass Eltern eben auch Menschen sind, die arbeiten“. Familienpolitik, stellt sie klar, sei auch ein Wirtschaftsthema.

Lena Reichelt pflichtet ihr bei und lenkt den Blick auf jene Menschen, die nicht einfach im Homeoffice arbeiten können, wenn die Kita mal wieder früher schließt. „Ich bin da relativ flexibel, aber es gibt auch diejenigen, die im Schichtdienst sind: Ärzte, Menschen an der Kasse, die vielen Beschäftigten hier in Bremen, die bei Mercedes am Band arbeiten oder Leute bei der Müllabfuhr.“ Die könnten nicht einfach mitten in der Schicht sagen, sie müssten jetzt spontan ihr Kind von der Kita abholen.

Forderungen nach mehr Investitionen

Insgesamt sehen die beiden Frauen eine entscheidende Stellschraube, durch, die sowohl die Wertschätzung des Berufsfelds, die Rahmenbedingungen für Eltern und Fachkräfte, als auch die Qualität der Betreuung für die Kinder verbessert werden könnte: mehr Geld. „Eigentlich müsste es in Zukunft nicht ausschließlich ein Sondervermögen für Militär geben, sondern eines für Bildung“, fordert Reichelt. Sie beobachtet aber immer wieder, dass die Politik die Belange von Kindern gar nicht mitdenkt, vor allem im frühkindlichen Bereich. Deswegen versuchen sie, mit ihrer Initiative immer wieder darauf aufmerksam zu machen, auch wenn es einen langen Atem braucht, der vor allem Familien oft irgendwann ausgeht. „Kinder gehen in unserer Gesellschaft unter“, fasst Reichelt zusammen. „Und wir als Familien haben eben keine großen Trecker, mit denen wir Straßen blockieren können“.

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