Wetterphänomen „gota fría“

„Kann wieder passieren“: Klimatologe über den Auslöser der zerstörerischen Unwetter in Spanien

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Rettungskräfte gehen über Fahrzeuge, die von den Überschwemmungen in der Region Valencia weggeschwemmt wurden.
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Das Wettergeschehen „gota fría“ trifft Gebiete Spaniens mit extremer Härte. Ein Wetterexperte nennt es „klimatische Normalität“.

Valencia – Die schweren Unwetter in Spanien forderten mindestens 158 Todesopfer – und die Gefahr ist noch nicht vorbei: Hochwasser droht nun auch in anderen Teilen des Landes. Auslöser war das Wetterphänomens „gota fría“ („Kalter Tropfen“), das in diesem Jahr besonders heftig ausfiel. Ein Meteorologe erklärt, dass sich ein Unwetter dieser Größenordnung durchaus zweimal pro Jahrhundert ereignen kann.

„Gota fría“: Warum Valencia immer wieder schwere Überschwemmungen erlebt

Die Region Valencia und die spanische Mittelmeerküste sind im Herbst regelmäßig von dem Wetterphänomen „gota fría“ betroffen, das mit sehr starken Regenfällen einhergeht. Dies geschieht immer dann, wenn sich im Herbst die ersten atlantischen Tiefausläufer mit feuchtkalter Luft über das warme Mittelmeer schieben. Valencia hat bereits in der Vergangenheit schwere Überschwemmungen erlebt, wie zum Beispiel im Jahr 1957, als 81 Menschen in den Fluten ums Leben kamen. Auch 1864 und 1982 gab es Unwetter, „die größer waren als dieses“, erinnert sich der Meteorologe Rafael Armengot im Gespräch mit der spanischen Tageszeitung El Mundo.

Manchmal geraten solche Ereignisse in Vergessenheit, „aber wir müssen sie uns immer vor Augen halten: Das kann immer wieder passieren“, warnt der Experte. Er schätzt grob, dass „die großen Episoden im Júcar [Fluss in Valencia] sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wiederholen, und wir können etwa zwei große Episoden in dieser Größenordnung pro Jahrhundert erleben.“ Solche Wetterphänomene gehören „in Anführungszeichen, zu unserer klimatischen Normalität. Wir müssen uns damit abfinden, dass uns dieser Wahnsinn von Zeit zu Zeit widerfährt“, glaubt Armengot. Der nationale Wetterdienst Aemet bezeichnete die Unwetter als „der schlimmste ‚Kalte Tropfen‘, den die Region Valencia in diesem Jahrhundert“ erlebt hat.

Unwetter in Spanien: Warum der „Kalte Tropfen“ diesmal tödliche Folgen hatte

Meteorologisch gesehen ist der „Kalte Tropfen“ ein isoliertes Tiefdruckgebiet in hohen Schichten, erklärt Armengot. In der spanischen Fachsprache wird dies DANA (depresión aislada en niveles altos) genannt. „Am Dienstag befand es sich ab Mitternacht über dem Gebiet von Gibraltar und verstärkte sein Potenzial, je näher es kam“, so der Experte. Gleichzeitig bildete sich über dem Mittelmeer ein Tiefdruckgebiet, das starke Ostwinde verursachte und den Prozess noch verstärkte. Dies führte zu „sintflutartigen und lang anhaltenden Regenfällen“.

Zeitweise fielen bis zu 100 Liter Regen pro Quadratmeter pro Stunde, an einigen Stellen sogar bis zu 150 Liter. Die maximalen Niederschlagsmengen waren zwar enorm, aber laut Armengot geringer als bei früheren Hochwassern. Im Oktober 2000 fiel demnach mehr Regen. „Allerdings war das Wasser stärker verteilt und weniger konzentriert. Das große Problem, das wir dieses Mal hatten, war, dass die Regenfälle sehr konzentriert waren und sich auf bestimmte Flusseinzugsgebiete beschränkten“, so der Meteorologe weiter. In Bezug auf die Gesamtauswirkungen war das aktuelle Ereignis noch schlimmer, „vor allem wegen der Todesopfer, was das Schmerzlichste ist.“

Schwachstellen der Infrastruktur: Muss Valencia seine Straßen besser schützen?

Die nationale Wetterbehörde Aemet hatte bereits am Dienstagmorgen um 7.31 Uhr die Alarmstufe Rot für die Region Valencia ausgerufen, die Warnung der Zivilschutzbehörde kam jedoch erst nach 20 Uhr, in einigen Ortschaften laut einem Bericht von El Pais sogar noch später. Die Behörden stehen nun in der Kritik, die Bevölkerung zu spät gewarnt zu haben. Wassermassen hatten Autos wie Spielzeug mitgerissen, viele Menschen starben. „Es liegt auf der Hand, dass beispielsweise die großen Gewerbegebiete, die überflutet wurden, oder die Verbindungswege, die ebenfalls vom Wasser abgeschnitten wurden, seit ihrem Bau nicht auf den Prüfstand gestellt worden sind“, kommentiert der Meteorologe im Gespräch mit El Mundo.

Der Experte vermutet, dass man zu viel Vertrauen in die Planung gesetzt habe. Die Zeit zum Handeln ist knapp: Klimaforscher gehen davon aus, dass extreme Wetterlagen aufgrund des Klimawandels immer häufiger werden. Nach dem Unwetter von 1957 hatte Valencia bereits Maßnahmen ergriffen und den Fluss Turia, der früher mitten durch die Stadt floss, umgeleitet. Das alte Flussbett ist nun ein großer Park, der die ganze Stadt durchzieht. Laut dem Meteorologen war es das erste Mal, dass der neue Kanal seine Funktionalität unter Beweis stellen musste. Diese Bewährungsprobe sei bestanden, so Armengot. Zumindest für die Innenstadt Valencias konnte so Schlimmeres verhindert werden.

Der Experte ist sich jedoch nicht sicher, ob nun auch in der Region Valencia Maßnahmen an Straßen und anderen Schwachstellen durchgeführt werden, um das Risiko in Zukunft zu beseitigen. „Ich weiß nicht, was sie tun werden, aber auf jeden Fall müssen die Notfallpläne geändert und die Gebäude angepasst werden, um zu verhindern, dass so etwas in Zukunft wieder passiert.“ Auch in Deutschland ist der Schutz vor Überschwemmungen ein Thema. In Bayern wurden kürzlich zahlreiche Hochwasserschutzprojekte gestoppt.

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