„Katastrophale Lage“

Kinderkliniken am Limit: Mutter berichtet von Suche – Sohn wird erst 200 Kilometer entfernt behandelt

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Deutsche Kliniken – speziell jene für Kinder – haben auch aufgrund der RSV-Welle Engpässe. Die Überlastung ist kein neues Phänomen, scheint jedoch dramatisch.

München - Während Deutschland von einem Temperatursturz heimgesucht wird, grassieren mehrere Infektionswellen, an der zahlreiche Menschen erkranken. Die Folgen sind unweigerlich auch in den medizinischen Einrichtungen zu spüren: vermehrte Aufenthalte in Notaufnahmen und anderen Stationen, Überlastung wegen überbelegten Zimmern und die Verlegung kranker Babys und Kinder in entfernte Krankenhäuser.

Eine enorme Häufung von Atemwegsinfekten bringt derzeit offenbar speziell Kinderkliniken in teilweise dramatische Engpass-Situationen. Einen gewichtigen Anteil daran haben RSV-Infektionen („Respiratorisches Synzytial-Virus“). Medizinische Einrichtungen schlagen Alarm, weil besonders Krankenhausabteilungen für Kinder extrem überfüllt seien. Die Vereinigung „Divi“ spricht gar von einer „katastrophalen Lage“ in den entsprechenden Intensivstationen.

Kinderkliniken am Limit: Mutter berichtet von Suche – Sohn wird erst 200 Kilometer entfernt behandelt

Gegenüber Merkur.de nahm Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek zur RSV-Welle Stellung, doch die Überlastung ist nicht auf den Freistaat begrenzt: Ein Beispiel aus Niedersachsen veranschaulicht die derzeitige Situation in den Kinderkliniken der Republik. T-Online.de berichtet von einer Mutter aus Hannover, die ihren nach einem Sturz verletzten Sohn nicht in einem einzigen von sechs im Umkreis befindlichen Krankenhäusern behandeln lassen konnte, obwohl eine behandelnde Ärztin eine „mindestens 24-stündige stationäre Überwachung“ angeraten hatte, um eine mögliche Hirnblutung auszuschließen.

Der Grund sei, dass es bei den möglichen Kinderkliniken keine freien Kapazitäten mehr gegeben habe. Letztlich sei das Kind (auch aus privaten Gründen) ins etwa 200 Kilometer entfernte Hagen gebracht worden, wo es nach längerer Anreise schließlich ein glückliches Ende gegeben habe. Auch aus Baden-Württemberg gibt es Berichte über große Probleme aufgrund des RS-Virus.

Kind im Krankenhausbett: Viele deutsche Kliniken haben derzeit Engpässe aufgrund des RS-Virus (Symbolbild).

Überlastete Kinderkliniken auch wegen RS-Virus: Lauterbach meldet sich zu Wort

Und was gedenkt das zuständige Bundesgesundheitsministerium gegen die aktuelle RS-Virus-Misere zu tun? Karl Lauterbach setzt auf rasche Unterstützungsmaßnahmen für überlastete Einrichtungen. „Die Kinder brauchen jetzt unsere volle Aufmerksamkeit“, gab der Gesundheitsminister in Berlin zu Protokoll. Die Nachrichten von überfüllten Kinderpraxen und Kinderstationen seien „sehr besorgniserregend“, führte der SPD-Politiker (59) aus. „Wir werden mit einer Situation konfrontiert, wo in Deutschland weniger als 100 Intensivbetten für Kinder zur Verfügung stehen.“

Pflegepersonal solle teilweise aus Erwachsenen- in Kinderstationen verlegt werden, dazu gibt es einen Appell in Richtung Krankenkassen: Diese sollen die Vorgaben zur Personalbesetzung in den Kliniken vorerst nicht prüfen und mögliche Sanktionen deswegen aussetzen. Zudem bittet Lauterbach alle Eltern und Kinderärzte, nicht unmittelbar nötige Vorsorgeuntersuchungen, wenn möglich zu verschieben.

Diese Viren und Bakterien machen uns krank

Eine mit Coronaviren befallene Zelle
Ende 2019 wurde zum ersten Mal über das Coronavirus Sars-CoV-2 berichtet. Zuerst nur in China diagnostiziert, breitete sich die durch Coronaviren ausgelöste Krankheit Covid-19 weltweit aus. Die Pandemie hat im Jahr 2020 weltweit etwa 1.900.000 Todesopfer gefordert. Auf der Darstellung oben ist eine menschliche Zelle (grün) zu sehen, die mit Coronaviren (gelb) infiziert ist.  © Niaid/dpa
HIV-Virus: Das Virus löst die Immunschwäche Aids aus. Rund 20 Jahre nach seiner Entdeckung ist Aids die verheerendste Infektionskrankheit, die die Menschheit seit der Pest im 14. Jahrhundert herausgefordert hat.
HIV-Virus: Das Virus löst die Immunschwäche Aids aus. Rund 20 Jahre nach seiner Entdeckung ist Aids die verheerendste Infektionskrankheit, die die Menschheit seit der Pest im 14. Jahrhundert herausgefordert hat. © dpa
Pest Erreger Yersinia pestis: Die Infektionserkrankung wird erstmals im 6. Jahrhundert im Mittelmeerraum nachgewiesen. 1894 wird das Bakterium entdeckt. Heutzutage sind bei früher Diagnose die Heilungschancen durch Antibiotika hoch.
Pest Erreger Yersinia pestis: Die Infektionserkrankung wird erstmals im 6. Jahrhundert im Mittelmeerraum nachgewiesen. 1894 wird das Bakterium entdeckt. Heutzutage sind bei früher Diagnose die Heilungschancen durch Antibiotika hoch. © dpa
Ebola Virus: Das Virus verursacht mit inneren Blutungen einhergehendes Fieber. In bis zu 90 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich. Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einem Impfstoff.
Ebola Virus: Das Virus verursacht mit inneren Blutungen einhergehendes Fieber. In bis zu 90 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich. Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einem Impfstoff. © dpa
Grippe Virus
Grippe Virus: Antigene (gelbe und blaue Antennen) sitzen auf einer doppelten Fettschicht, die sich um die Erbsubstanz im Inneren schließt. Mit der Vermischung verschiedener Virentypen entstehen neue Erbsubstanzen und damit auch Antigene. © dpa
Herpes Virus: Herpes simplex-Viren sind weltweit verbreitet. Nach einer Erstinfektion verbleibt das Virus in einem Ruhezustand lebenslang im Organismus.
Herpes Virus: Herpes simplex-Viren sind weltweit verbreitet. Nach einer Erstinfektion verbleibt das Virus in einem Ruhezustand lebenslang im Organismus. © dpa
Rhinovirus Human rhinovirus 16 (HRV16)
Rhinovirus Human rhinovirus 16 (HRV16): Schnupfen verbreitet sich weltweit durch Rhinoviren. © dpa
Schweinegrippe Virus 1976: Die klassische Schweinegrippe ist ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H1N1, der 1930 erstmals isoliert wurde. Daneben sind auch die drei Subtypen H1N2, H3N2 und H3N1 von Bedeutung.
Schweinegrippe Virus 1976: Die klassische Schweinegrippe ist ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H1N1, der 1930 erstmals isoliert wurde. Daneben sind auch die drei Subtypen H1N2, H3N2 und H3N1 von Bedeutung. © dpa
Schweinegrippe Virus unter einem Transmissionselektronenmikroskop: 2009 brach die Schweinegrippe in Mexiko aus. Dabei handelt es sich um ein mutiertes Schweinegrippevirus vom Subtyp H1N1, das anders als gewöhnlich auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Schweinegrippe Virus unter einem Transmissionselektronenmikroskop: 2009 brach die Schweinegrippe in Mexiko aus. Dabei handelt es sich um ein mutiertes Schweinegrippevirus vom Subtyp H1N1, das anders als gewöhnlich auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. © dpa
Spanische Grippe Virus: Die Spanische Grippe (1918) gilt als die schlimmste Grippe-Pandemie aller Zeiten. Bei der Spanischen Grippe handelt es sich um den Virenstrang H1N1, der besonders junge Menschen dahin raffte. Experten schätzen die Zahl der Opfer auf 40 bis 50 Millionen.
Spanische Grippe Virus: Die Spanische Grippe (1918) gilt als die schlimmste Grippe-Pandemie aller Zeiten. Bei der Spanischen Grippe handelt es sich um den Virenstrang H1N1, der besonders junge Menschen dahin raffte. Experten schätzen die Zahl der Opfer auf 40 bis 50 Millionen. © dpa
Auslöser der Tuberkulose sind Bakterien (Mycobacterium tuberculosis)
Tuberkulosebakterium Mycobacterium tuberculosis: Die auch als Schwindsucht bekannte Krankheit ist, obwohl sie heutzutage als heilbar gilt, eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten der Welt. © dpa
Vogelgrippe Influenza-A: Schema des Influenza-A-Virus (Computer-Darstellung von Januar 2006). Der aggressive Vogelgrippe-Virus des Subtyps H5N1 gehört zur Gruppe der Influenza-A-Viren, ebenso wie die zahlreichen menschlichen Grippeviren. Das Virus ist kugelrund, sein Durchmesser beträgt nur 0,1 tausendstel Millimeter. In seinem Inneren ist lediglich Platz für ein paar Proteine und die Erbsubstanz.
Vogelgrippe Influenza-A: Schema des Influenza-A-Virus (Computer-Darstellung von Januar 2006). Der aggressive Vogelgrippe-Virus des Subtyps H5N1 gehört zur Gruppe der Influenza-A-Viren, ebenso wie die zahlreichen menschlichen Grippeviren. Das Virus ist kugelrund, sein Durchmesser beträgt nur 0,1 tausendstel Millimeter. In seinem Inneren ist lediglich Platz für ein paar Proteine und die Erbsubstanz. © dpa

Bereits im vergangenen Jahr stellte das RS-Virus vielerorts eine große Herausforderung für medizinische Einrichtungen dar - zuweilen herrschte in bayerischen Kinderkliniken Alarmstimmung. (PF)

Rubriklistenbild: © Nacho Gutierrez/Imago

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