Entspannung nicht in Sicht

Lage in Kinderkliniken spitzt sich zu: Großteils „so voll, dass keine Kinder mehr aufgenommen werden können“

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Den Kinderkliniken macht aktuell eine RSV-Infektionswelle zu schaffen. Gleichzeitig spitzen Personal- und Bettenmangel die Lage zu. Kinder müssen bis zu 100 km für ein freies Bett fahren.

Dortmund – „Kinderkliniken überall randvoll!“, schreibt Dominik Schneider, Direktor des Klinikums Dortmund auf Twitter. Die Lage auf den Kinderstationen spitzt sich zu. Bereits im letzten Corona-Herbst waren die Kinderkliniken überlastet. Nun erschweren gleich drei Faktoren die Behandlung der Kleinen. Kinder müssen für ein freies Klinikbett teilweise bis zu 100 Kilometer fahren.

Kinderkliniken am Limit: Medizinpräsident stimmt Eltern auf Wartezeiten, Verlegungen oder Absagen ein

„An einem Großteil der Tage sind die Klinken so voll, dass keine Kinder mehr aufgenommen werden können und neue Fälle in andere Kliniken verlegt werden müssen“, erklärt Jörg Dötsch, Präsident der Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) gegenüber der Funke Mediengruppe. Eltern sollten sich auf lange Wartezeiten, Verlegungen oder Absagen von verschiebbaren Behandlungen einstellen. Auch Kreiszeitung.de berichtet über die aktuelle Situation.

Kinder werden durch das Land gefahren, um die letzten freien Betten zu nutzen.

 Dominik Schneider, Direktor des Klinikums Dortmund, über die Lage auf den Kinderstationen

Auch Dominik Schneider aus dem Klinikum Dortmund berichtet gegenüber Focus von Anrufen aus entfernten, deutschen Städten. Teilweise kämen diese Anrufe aus dem 100 Kilometer entfernten Bonn. „Kinder werden durch das Land gefahren, um die letzten freien Betten zu nutzen“, so der Mediziner. Das zeigt auch das extreme Beispiel eines verletzten Jungen aus Hannover.

Kinderkliniken am Limit: Infektionswelle und Bettenrückgang erschweren Behandlungen

Der Grund für die angespannte Lage liegt einerseits an einer Infektionswelle unter den Kindern. Neben Ansteckungen mit dem Coronavirus sind vor allem Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) zu bemerken. Dötsch sieht hier einen „Aufholeffekt“ nach den Corona-Schutzmaßnahmen.

Diese Viren und Bakterien machen uns krank

Eine mit Coronaviren befallene Zelle
Ende 2019 wurde zum ersten Mal über das Coronavirus Sars-CoV-2 berichtet. Zuerst nur in China diagnostiziert, breitete sich die durch Coronaviren ausgelöste Krankheit Covid-19 weltweit aus. Die Pandemie hat im Jahr 2020 weltweit etwa 1.900.000 Todesopfer gefordert. Auf der Darstellung oben ist eine menschliche Zelle (grün) zu sehen, die mit Coronaviren (gelb) infiziert ist.  © Niaid/dpa
HIV-Virus: Das Virus löst die Immunschwäche Aids aus. Rund 20 Jahre nach seiner Entdeckung ist Aids die verheerendste Infektionskrankheit, die die Menschheit seit der Pest im 14. Jahrhundert herausgefordert hat.
HIV-Virus: Das Virus löst die Immunschwäche Aids aus. Rund 20 Jahre nach seiner Entdeckung ist Aids die verheerendste Infektionskrankheit, die die Menschheit seit der Pest im 14. Jahrhundert herausgefordert hat. © dpa
Pest Erreger Yersinia pestis: Die Infektionserkrankung wird erstmals im 6. Jahrhundert im Mittelmeerraum nachgewiesen. 1894 wird das Bakterium entdeckt. Heutzutage sind bei früher Diagnose die Heilungschancen durch Antibiotika hoch.
Pest Erreger Yersinia pestis: Die Infektionserkrankung wird erstmals im 6. Jahrhundert im Mittelmeerraum nachgewiesen. 1894 wird das Bakterium entdeckt. Heutzutage sind bei früher Diagnose die Heilungschancen durch Antibiotika hoch. © dpa
Ebola Virus: Das Virus verursacht mit inneren Blutungen einhergehendes Fieber. In bis zu 90 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich. Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einem Impfstoff.
Ebola Virus: Das Virus verursacht mit inneren Blutungen einhergehendes Fieber. In bis zu 90 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich. Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einem Impfstoff. © dpa
Grippe Virus
Grippe Virus: Antigene (gelbe und blaue Antennen) sitzen auf einer doppelten Fettschicht, die sich um die Erbsubstanz im Inneren schließt. Mit der Vermischung verschiedener Virentypen entstehen neue Erbsubstanzen und damit auch Antigene. © dpa
Herpes Virus: Herpes simplex-Viren sind weltweit verbreitet. Nach einer Erstinfektion verbleibt das Virus in einem Ruhezustand lebenslang im Organismus.
Herpes Virus: Herpes simplex-Viren sind weltweit verbreitet. Nach einer Erstinfektion verbleibt das Virus in einem Ruhezustand lebenslang im Organismus. © dpa
Rhinovirus Human rhinovirus 16 (HRV16)
Rhinovirus Human rhinovirus 16 (HRV16): Schnupfen verbreitet sich weltweit durch Rhinoviren. © dpa
Schweinegrippe Virus 1976: Die klassische Schweinegrippe ist ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H1N1, der 1930 erstmals isoliert wurde. Daneben sind auch die drei Subtypen H1N2, H3N2 und H3N1 von Bedeutung.
Schweinegrippe Virus 1976: Die klassische Schweinegrippe ist ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H1N1, der 1930 erstmals isoliert wurde. Daneben sind auch die drei Subtypen H1N2, H3N2 und H3N1 von Bedeutung. © dpa
Schweinegrippe Virus unter einem Transmissionselektronenmikroskop: 2009 brach die Schweinegrippe in Mexiko aus. Dabei handelt es sich um ein mutiertes Schweinegrippevirus vom Subtyp H1N1, das anders als gewöhnlich auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Schweinegrippe Virus unter einem Transmissionselektronenmikroskop: 2009 brach die Schweinegrippe in Mexiko aus. Dabei handelt es sich um ein mutiertes Schweinegrippevirus vom Subtyp H1N1, das anders als gewöhnlich auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. © dpa
Spanische Grippe Virus: Die Spanische Grippe (1918) gilt als die schlimmste Grippe-Pandemie aller Zeiten. Bei der Spanischen Grippe handelt es sich um den Virenstrang H1N1, der besonders junge Menschen dahin raffte. Experten schätzen die Zahl der Opfer auf 40 bis 50 Millionen.
Spanische Grippe Virus: Die Spanische Grippe (1918) gilt als die schlimmste Grippe-Pandemie aller Zeiten. Bei der Spanischen Grippe handelt es sich um den Virenstrang H1N1, der besonders junge Menschen dahin raffte. Experten schätzen die Zahl der Opfer auf 40 bis 50 Millionen. © dpa
Auslöser der Tuberkulose sind Bakterien (Mycobacterium tuberculosis)
Tuberkulosebakterium Mycobacterium tuberculosis: Die auch als Schwindsucht bekannte Krankheit ist, obwohl sie heutzutage als heilbar gilt, eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten der Welt. © dpa
Vogelgrippe Influenza-A: Schema des Influenza-A-Virus (Computer-Darstellung von Januar 2006). Der aggressive Vogelgrippe-Virus des Subtyps H5N1 gehört zur Gruppe der Influenza-A-Viren, ebenso wie die zahlreichen menschlichen Grippeviren. Das Virus ist kugelrund, sein Durchmesser beträgt nur 0,1 tausendstel Millimeter. In seinem Inneren ist lediglich Platz für ein paar Proteine und die Erbsubstanz.
Vogelgrippe Influenza-A: Schema des Influenza-A-Virus (Computer-Darstellung von Januar 2006). Der aggressive Vogelgrippe-Virus des Subtyps H5N1 gehört zur Gruppe der Influenza-A-Viren, ebenso wie die zahlreichen menschlichen Grippeviren. Das Virus ist kugelrund, sein Durchmesser beträgt nur 0,1 tausendstel Millimeter. In seinem Inneren ist lediglich Platz für ein paar Proteine und die Erbsubstanz. © dpa

Neben der Infektionswelle machen den Krankenhäusern zudem strukturelle Probleme zu schaffen. In den letzten dreißig Jahren, auch mit Einführung des Fallpauschalensystems in Deutschland, ist die Zahl der Kinderkliniken um ein Fünftel und die Zahl der Betten um ein Drittel gesunken. Gleichzeitig sei die Zahl der Kinder, die stationär behandelt werden müssen, um etwa zehn Prozent gestiegen, so Schneider.

Das System steht seit einigen Jahren vor allem in Bezug auf Kinderkliniken immer wieder in der Kritik. Behandlungen von Kindern seien zeit- und personalintensiver und schwer über Fallpauschalen abzurechnen. Karl Lauterbach plant laut dem Spiegel Zuschläge einzuführen.

Kinderkliniken am Limit: Personalmangel erschwert Behandlungen weiter – „Zwickmühle“

Fehlendes Personal mache vor allem die Lage in der Kinderkrankenpflege besonders schwer. Allein in Nordrhein-Westfalen fehlten 1500 Auszubildende, deutschlandweit seien es etwa 3000, so Schneider gegenüber der Zeitung.

„Als Klinikleiter bin ich in der Zwickmühle: entweder Kinder abweisen oder die Pflegeuntergrenzenverordnung unterschreiten“, sagt Schneider. Eine Entspannung der Lage, vor allem in Bezug auf die Viruswelle, sei nicht in Sicht, so Jörg Dötsch. „Wir erwarten, dass die Situation noch eine ganze Weile so bleiben wird“, so der DGKJ-Präsident. Verwirrung um den Corona-Pflegebonus gab indes in Starnberg. Wegen eines einzigen Falls gingen die Pflegekräfte dort leer aus. (chd/AFP)

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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