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Eine Gemeinde in Istrien schlägt Alarm: Immer mehr illegale Feriendomizile von Ausländern sorgen dafür, dass kroatische Strände unter Beton verschwinden.
Umag – Kroatien ist eines der beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen und Österreicher: Die felsige Küste mit ihren eingesprenkelten Kiesstränden an der blauen Adria ist das Markenzeichen des Landes. Doch die Strände verschwinden immer mehr unter hässlichen Betonplatten von Ferienhäusern, die viel zu nahe am Meer gebaut werden.
In Kroatien soll es über eine halbe Million Schwarzbauten geben. Nach dem Zerfall Jugoslawiens und dem damit verbundenen Ende des kommunistischen Regimes entstanden alleine in Istrien 30000 neue Ferienwohnsitze entlang der Küsten, heißt es. Das Problem: Es gab bislang keine Bebauungspläne und somit konnte man bauen, was und wo man wollte – mit einer Ausnahme: Ein 70 Meter breiter Streifen entlang der Meereslinie ist seit jeher tabu. Auch in Italien wird der freie Meer-Zugang immer seltener, wie ein Beispiel besonders deutlich zeigt.
Adria-Anwohner kämpfen gegen Ausländer: In Kroatien soll es über eine halbe Million Schwarzbauten geben
Denn den kroatischen Gesetzen zufolge gehören die Küsten und Strände des Landes der Allgemeinheit und müssen jedem Bürger frei zugänglich sein. Doch das ist blanke Theorie: In der Praxis werden immer Ferienhäuser viel zu nahe ans Meer hin gebaut, Mauern und Zäune beschränken den Zugang zum Strand, hässliche Betonplattformen, auf denen sich die Anwohner in der Sonne aalen, verunstalten die Naturküste. Manchmal gibt es Zoff, wenn sich jemand anderes an den illegal besetzten Strand legen will.
Der vermutlich am stärksten betroffene Küstenabschnitt liegt in der Nähe des Touristenstädtchen Umag im Westen von Istrien. Die Stadtverwaltung veröffentlichte kürzlich ein Video über die Schwarzbauten und gab eine Pressemitteilung heraus, in der sie vor der widerrechtlichen Inbesitznahme, Zerstörung und Privatisierung des Küstenstreifens warnt.
Bürgermeister schimpft: „Istrien ist ein Paradies für illegale Bauunternehmer“
„Zur Schande für uns alle, die dort leben, ist Istrien zu einem europäischen Paradies für illegale Bauunternehmer und Usurpatoren geworden. Illegale Bauarbeiten, die Aneignung von Wäldern, landwirtschaftlichen Flächen und Meeresgrundstücken sind ein ‚Krebsgeschwür‘, das unseren Bezirk jeden Tag in einem Ausmaß zerfrisst, dass es heute die normale Lebensqualität der Bürger bedroht“, schimpft der Bürgermeister von Umag, Vili Bassanese, auf index.hr.
Land- und forstwirtschaftliche Flächen, die eigentlich nur zwei bis drei Euro pro Quadratmeter wert sind, würden in Ferien-Anwesen umgewandelt, die für 30 bis 50 Euro pro Quadratmeter verkauft werden. Bassanese: „Die Folge davon ist, dass in Istrien weiterhin illegale Siedlungen mit Tausenden von Einwohnern entstehen. Die stille Besetzung Istriens findet vor unseren Augen statt.“ Was den Bürgermeister besonders ärgert: Die Schwarzbauten seien größtenteils das Werk von Ausländern, die wiederum willige einheimische Verkäufer vorfänden.
Acht Kilometer öffentlicher Strand sind nicht mehr zugänglich
Bassanese berichtet weiter: „Im Bereich der Stadt Umag haben wir etwa acht Kilometer Küste, die für Bürger oder Touristen absolut nicht zugänglich ist, sie ist verschandelt, besetzt, und die einzige Möglichkeit, das Problem zu lösen, besteht darin, sich an diejenigen zu wenden, die es können.“ Es gebe die Bauinspektion, das Umweltministerium und die Küstenwache. Doch die tun offenbar zu wenig.
Zwar hat der Staat im Rahmen des EU-Beitritts 2013 medienwirksam einige illegale Zweitwohnsitze medienwirksam binnen 24 Stunden nach Versenden des Bescheids abreißen lassen, gleichzeitig legalisierte er aber laut taz tausende Schwarzbauten, unter anderem das Luxus-Strandhotel des Bauunternehmers Stipe Latković an der Vruja-Bucht in Mitteldalmatien. Für seine Bauzulassung soll der Zeitung zufolge der sozialdemokratische Ex-Präsident Stipe Mesić persönlich ein gutes Wort eingelegt haben. Latković gilt als Wahlkampfspender der Sozialdemokraten.
Immerhin: Das Anwesen des Unternehmers Latković wurde nach einem öffentlichen Aufschrei der Empörung voriges Jahr abgerissen.
Eine Bau-Inspektorin ist für ganz Istrien zuständig
Ein Ende des Wildwuchses ist aber bisher nicht in Sicht. Zu groß seien die Gewinne, die Bauunternehmen und Immobilienhaie mit den begehrten Grundstücken machen und zu verbreitet sei die Korruption in den Behörden, berichtet aktuell index.hr. Und was Istrien betrifft: Laut BR ist eine einzige Bau-Inspektorin für die gesamte Halbinsel zuständig.
Ein Rentnerpaar aus Österreich erlebte erst kürzlich ein blaues Wunder, als ihr Feriendomizil bei Zadar plötzlich durch Schwarzbauten vom öffentlichen Strand abgeschnitten war. Auch bei der Miete von Wohnungen in Kroatien muss man vorsichtig sein. Kürzlich hatte außerdem ein Erdbeben die kroatische Küste erschüttert
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