VonJan Knötzschschließen
Corona-Langzeitfolgen sind nicht zu unterschätzen: Long Covid-Fälle nehmen zu. Die Erkenntnisse zu Long Covid kaum. Karl Lauterbach ist das ein Dorn im Auge.
Berlin – Wenn es um Infektionen mit dem Coronavirus geht, dann ist Karl Lauterbach immer ganz vorne mit dabei. Nicht nur, weil sich der Gesundheitsminister selbst mit dem Coronavirus infiziert hat. Sondern schon allein qua seines Amtes als oberster Hüter der Gesundheit in Deutschland. Auch Long Covid ist für Lauterbach, der seine Corona-Erkrankung mit Paxlovid behandelt hat und zuletzt mit Justizminister Marco Buschmann viel Kritik an den neuen Regeln für den Corona-Herbst 2022 einstecken musste, immer ein Thema. Der Gesundheitsminister hat Long Covid – für eine Expertin ist es die neue Volkskrankheit – immer im Blick.
Lauterbach sieht Dilemma bei Long Covid: „Fehlt an Verständnis der Ursache“
Aber: Auch für Karl Lauterbach ist Long Covid dann immer noch irgendwie ein Mysterium. Zwar verbreitet Lauterbach für den Corona-Herbst 2022 „gute Nachrichten“ auf Twitter – doch in seinem Lieblings-Medium, in dem sich Lauterbach immer wieder gerne mitteilt, wenn es um Corona geht, muss auch er in Sachen Long-Covid bekennen: „Es fehlt noch immer an einem klaren Verständnis der Ursache.“
Dabei verweist Lauterbach auf einen Artikel in Nature, der weltweit führenden multidisziplinären Wissenschaftszeitschrift, wie sich das Medium selbst betitelt.
Long Covid-Erkrankung wird oftmals zur Odyssee – Lauterbach: „Bedeutung der Vorbeugung nicht zu unterschätzen“
„Guter Artikel in Nature über die Studienlage zu #LongCovid“, twittert Karl Lauterbach und konstatiert dann in seinem Tweet zu Long Covid: „Weniger als 30 Studien laufen weltweit. Das ist nicht viel.“ Weil es, wie Lauterbach befindet, bei Long Covid – bei diesen Anzeichen sollte man zum Arzt gehen – eben nur so wenige Studien gebe und das Verständnis über die Ursachen für Long Covid – in einer Studie wurden unlängst 62 mögliche Symptome genannt – fehle, sei „die Bedeutung der Vorbeugung ist daher gar nicht zu überschätzen.“
Aus Sicht von Karl Lauterbach also lohnt sich der Blick auf den Nature-Artikel zu Long Covid. Aber was genau steht drin? Zusammenfassend: Wer an Long Covid erkrankt, wovor auch eine Corona-Impfung nicht schützt, der erlebt oftmals eine unwillkommene Odyssee.
Long Covid: Millionenfache Fälle von Corona-Langzeitfolgen nach einer Infektion
Obwohl es laut Nature millionenfach Fälle gibt, in denen wohl eine Long Covid-Erkrankung vorliegen könnte, ist vieles einfach noch zu unklar: Welche Symptome weisen denn nun wirklich auf Long Covid hin, wo ein Großteil der Patienten auch ein Jahr nach der Corona-Infektion noch krank sind? Und wie behandelt man Long Covid am besten?
Obwohl mindestens 26 klinische Studien zu Long Covid-Therapien laufen, seien viele von ihnen zu klein oder aber es fehlen ihnen die notwendigen Kontrollgruppen, um klare Ergebnisse zu liefern. Immunologe Danny Altmann vom Imperial College London spricht im von Lauterbach gelobten Nature-Artikel davon, dass sich die Lage aktuell wie ein „wilder Westen“ gestalte und ein eher „verzweifeltes Bild“ zeichne.
Karl Lauterbach besorgt: Zu wenig Studien zu Long Covid – wann kommen stichhaltige Ergebnisse?
Allerdings: Schon im nächsten Jahr könnten wichtige Studien Ergebnisse für Medikamente im Kampf gegen Long Covid liefern, die auf das Immunsystem, Blutgerinnsel oder lauernde Fragmente des Coronavirus selbst abzielen. „Ich bin immer noch optimistisch. Das Richtige ist im Gange. Etwas wird es geben“, sagt Altmann. Aktuell „werden die Hypothesen etwas stärker“, so Altmann – in Stein gemeißelt allerdings sind sie nicht. Ein Haupthindernis für die Entwicklung von Long-Covid-Behandlungen sei die Unsicherheit über die Grundursache der Erkrankung. In den letzten zwei Jahren habe sich eine Reihe von Hypothesen als Vorreiter herausgestellt.
Laut Nature mehren sich die Beweise dafür, dass verbleibendes SARS-CoV-2 – oder aber Fragmente davon – weiter Probleme verursacht, indem es das Immunsystem stimuliert. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass die Infektion Antikörper erzeugt, die fälschlicherweise körpereigene Proteine angreifen und lange nach der ursprünglichen Krankheit Schäden verursachen. Viele Forscher glauben, dass Long Covid mehrere Ursachen haben kann. Diese Unsicherheit könnte Forscher davon abhalten, Long Covid-Studien zu starten, sagt der Epidemiologe Martin Landray von der Universität Oxford in England, wo es eine Studie gibt, dass es unter Omikron im letzten Winter weniger Long Covid-Fälle gab, als unter Delta.
Long Covid: Forschung nach den Ursachen von Corona-Langzeitfolgen wartet auf Ergebnisse der Studien
Denn: Wenn Long Covid mehrere Ursachen hat, könnte eine vielversprechende Behandlung in einer klinischen Studie für unwirksam erklärt werden, nur weil sie der falschen Gruppe verabreicht wurde. Bis Ergebnisse aus Studien wie dieser vorliegen, so schlussfolgert Nature, werden Ärzte und Long Covid-Patienten weiterhin mit Kombinationen aus Arzneimitteln und Rehabilitationstherapien experimentieren. Allerdings könnte es dann sein, dass auch weiterhin junge Menschen aufgrund von Long Covid nicht die Treppe hochkommen.
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