VonAndreas Schmidschließen
Cannabis auf Rezept ist laut Gesetz möglich. Viele deutsche Ärzte sind aber skeptisch. Das zeigt eine Umfrage, die unserer Redaktion exklusiv vorliegt.
Berlin – Seit 2017 ist medizinisches Cannabis legal. Ärzte und Ärztinnen dürfen es also verschreiben. Cannabis fällt aktuell noch unter das Betäubungsmittelgesetz. Mediziner können nur dann ein Rezept ausstellen, wenn es keine Alternative gibt und eine positive Symptombeeinflussung zu erwarten ist.
Laut Bundesgesundheitsministerium sollen nur „schwerkranke Menschen, die starke Schmerzen haben“, mit Medizinalcannabis behandelt werden. Darunter fallen etwa eine Chemotherapie oder chronische Erkrankungen. Die Einschätzung, was sehr starke Schmerzen sind, liegt beim behandelnden Arzt. So werden auch Cannabis-Rezepte für Migräne oder Schlafstörungen ausgestellt. Manche Ärzte sind restriktiv, andere offener gegenüber der Behandlungsmethode.
In einer Umfrage testete das börsennotierte Unternehmen Cantourage, das unter anderem medizinisches Cannabis vertreibt, wie leicht man in deutschen Städten an medizinisches Gras kommt. Die Ergebnisse liegen IPPEN.MEDIA exklusiv vor.
Düsseldorf und Münster am offensten für Cannabis-Rezepte
Cantourage fragte 400 Allgemeinärzte aus den 20 größten deutschen Städten an und bat um eine Beratung für eine Cannabis-Therapie. In der Anfrage gab das Unternehmen einen fiktiven Fall an, in dem eine Patientin unter Schlafstörungen leidet. Das Ergebnis: Nur 27 angefragte Arztpraxen stehen dem Thema offen gegenüber und baten der Patientin einen Beratungstermin an. Die Studie ist nicht repräsentativ.
185 Praxen antworteten nicht, 158 erklärten sofort, dass eine Behandlung mit Cannabis nicht infrage komme. In den Städten Dresden, Duisburg, Hamburg, Hannover, Stuttgart und Wuppertal bekam die Patientin keine einzige positive Antwort auf ihre Anfrage. In Hannover und Bochum gab es mit 14 und elf negativen Rückmeldungen die meisten Absagen. Die meisten positiven Rückmeldungen kamen aus Münster und Düsseldorf.
„Dass Cannabis bei Schlafstörungen nicht eingesetzt werden kann, ist schlichtweg falsch“
Grund für die vielen Absagen: Für viele Ärzte kam Cannabis als Behandlung bei Schlafstörungen schlicht nicht infrage. Cantourage kritisiert das, wie Florian Wesemann, medizinischer Direktor des Tochterunternehmens Telecan, sagt: „Dass Cannabis bei Schlafstörungen nicht eingesetzt werden kann, ist schlichtweg falsch. Cannabis kann vor allem bei chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, Migräne, ADHS, Depressionen und anderen Krankheiten helfen.“ Im Falle einer Schlafstörung könne es für leichteres Ein- und längeres Durchschlafen sorgen. Diese Einschätzung deckt sich mit aktuellen Studien.
Es gibt allerdings auch Erhebungen, wonach übermäßiger und täglicher Cannabiskonsum zu Schlafstörungen führen kann, wie es etwa im Fachblatt „Regional Anesthesia & Pain Medicine“ hieß. Die Wirkung von Cannabis ist insgesamt individuell sehr unterschiedlich. Auch deshalb ist es laut Experten wichtig, dass eine Verschreibung von medizinischem Cannabis immer in Absprache mit dem zuständigen Arzt erfolgt. In Zukunft könnte das womöglich leichter erfolgen. Denn Cannabis soll aus dem Betäubungsmittelgesetz gestrichen werden. Die Bundesregierung will Cannabis zum 1. April legalisieren. Eigentlich sollte es zum 1. Januar so weit sein, doch die SPD bremste. Der Ampel läuft damit die Zeit davon. (as)
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