Frankfurter Rundschau-Interview

„Man kann Amokläufe nachspielen. Oder ein KZ bauen“: Wie Social Media Kinder zu Terroristen machen kann

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Es gibt immer mehr junge Terrortäter, manche sind noch Kinder. Experte Florian Hartleb untersucht die Gründe – und warnt vor einem neuen Phänomen.

Berlin – Niemand wird als Extremist geboren. Meist ist es ein schleichender Prozess, der einen Menschen radikal und womöglich irgendwann auch gewalttätig werden lässt. Auffällig: Immer öfter sind extremistische Täter sehr jung. In Westeuropa sind nach Zahlen von Sicherheitsbehörden fast 70 Prozent aller Terrorverdächtigen Teenager.

Florian Hartleb zählt zu den renommiertesten Terrorismusexperten in Deutschland. Er war unter anderem Gutachter zur Aufarbeitung des OEZ-Anschlags in München 2016. Der Politologe lehrte u.a. an der Universität Passau und ist aktuell an der Modul Universität Wien tätig.

Florian Hartleb untersucht seit Jahren Radikalisierungsmechanismen, erforscht die Rechtsextremistenszene und Islamistenkreise. Der Politologe, der als einer der renommiertesten Extremismusexperten des Landes gilt, hat jetzt ein Buch mit dem Titel „Teenager-Terroristen“ geschrieben. Darin vergleicht er Radikalisierungsprozesse mit einem Labyrinth, aus dem Betroffene oft nicht mehr hinausfinden. Welche Lösungsansätze es geben kann und welche Rolle soziale Medien dabei spielen, darüber spricht er im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Zwei Drittel der Terrorverdächtigen in den letzten Jahren waren unter 19 Jahre alt. Was ist Ihre Erklärung? 
Sicherheitsbehörden beobachten, dass sich schon Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren auf Schulhöfen radikalisieren. Die neue Weltunordnung, in der wir leben, sorgt natürlich auch bei den ganz Jungen für Verunsicherung. Gleichzeitig kursieren in den sozialen Medien Tausende teils radikale Memes, zu denen Kinder ungefiltert Zugang haben, die sie teilen und weiterleiten, weil sie sie lustig finden. Es gibt eine Art von Subkultur-Humor, der auch Teil eines perfiden Systems ist, mit dem radikale Gruppen Kinder gezielt ansprechen. 

Teenager-Terroristen: TikTok ab 16 als Lösung? „Ich warne davor“

Aktuell wird darüber diskutiert, dem Beispiel Australiens zu folgen und eine Altersgrenze von 16 Jahren für TikTok-Nutzer einzuführen. Ist das die Lösung? 
Ich glaube, mit reinen Verboten kommen wir nicht weiter. Damit wälzt man die Verantwortung auch zu sehr von den Plattformen in Richtung der Nutzer ab, wichtiger wäre eine striktere Regulierung der Plattformbetreiber. Die Debatte konzentriert sich überdies zu stark auf TikTok. Ich warne davor, nur auf die eine Plattform zu schauen. Algorithmen, die das Potenzial haben, Nutzer immer mehr in radikale Echokammern zu ziehen, gibt es bei allen Plattformen. Dazu kommt eine neue Gamifizierung des Terrors. 
Was heißt das? 
Auf scheinbar unverdächtigen Spieleplattformen wie Steam nehmen Extremisten Kontakt auf. Etwa in Chat-Gruppen über Ego-Shootern, wo es zum politischen Austausch kommt. Ähnlich war das auch mit David S., der 2016 als damals 15-Jähriger in München neun Menschen erschossen hat. Er war zuvor sehr aktiv in der rechtsradikalen Chatgruppe „Anti-Refugee-Club” bei Steam, hatte immer wieder auch Kontakt mit einem Teenager aus Baden-Württemberg, der dann ebenfalls einen Anschlag geplant hat.  
Den haben Sie im Zuge der Recherchen für Ihr Buch vor einiger Zeit getroffen. Was für einen Eindruck hat er auf Sie gemacht?     
Er ist inzwischen über 20 und hat mir erzählt, dass er damals an seiner Schule gemobbt wurde. Er hatte konkrete Mordpläne, wollte Dutzende Menschen in seiner Schule töten. In der Wohnung seiner Eltern haben die Ermittler damals unter anderem Sprengstoff gefunden. Als ich ihn kennengelernt habe, wirkte er auf mich sehr überdreht.

Ausgrenzung und Mobbing machen Radikalisierung wahrscheinlicher: „Rache der Übersehenen“

Inwiefern?
Er hatte zum Beispiel ein sehr auffälliges nervöses Augenzucken. Ansonsten war er durchaus höflich und zugewandt. Nach den Ermittlungen damals war er in Therapie, hat nach eigener Aussage ein Studium geschmissen und ist jetzt recht erfolgreich in der IT-Branche. Jetzt will er als Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene über Radikalisierungsprozesse aufklären.    
In Ihrem Buch schreiben Sie von der „Rache der Übersehenen“, und meinen damit Jugendliche, die Ausgrenzungserfahrungen machen, keine Bezugspersonen haben und irgendwann Gewalt anwenden. Heißt: Am Ende ist die Gesellschaft schuld, die nicht zuhört?  
Ja, sicher. Extremismus ist immer auch ein Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Smartphone-Abhängigkeit bei Jugendlichen nimmt zu, aber auch bei Eltern, die Vorbild sein sollten. Zusätzlich sehen wir gesamtgesellschaftlich eine Enthemmung in der Debattenkultur und gleichzeitig vereinsamen laut Studien gerade Jugendliche trotz der digitalen Vernetzung zunehmend. Sie fühlen sich mit ihren Nöten allein. 
Aber radikalisiert man sich deswegen gleich? 
Es ist ein Aspekt. Ich nenne es persönlichen Kränkungsideologie. Wenn Jugendliche in ihrer Identitätssuche oder bei Problemen wie Mobbing oder auch Liebeskummer keine Hilfe bekommen, kanalisieren sie bisweilen ihre Nöte auf alternativen Wegen. Manche werden dann empfänglich für politische Radikalisierung. Und dann spielt es auch keine Rolle, ob es sich um Rechtsradikalismus oder Islamismus handelt, die Strukturen dahinter sind im Grunde gleich. Manchmal entscheidet dann der Zufall, in welche Richtung jemand abdriftet. 
Welche Lösungsansätze sehen Sie? Wie kann die Gesellschaft präventiv einschreiten?  
Wichtig wäre, schon in der Schule anzusetzen. Lehrerinnen und Lehrer wissen oft kaum, womit die Kinder im Netz konfrontiert sind. 
Haben Sie ein Beispiel? 
Nehmen wir das Online-Spiel Roblox, das viele Kinder spielen. An einer Schule, an der ich einen Vortrag gehalten habe, haben mir Kinder erzählt, dass es dort Terror-Simulationen gibt. Man kann Amokläufe nachspielen. Oder ein KZ bauen.  
Kann man von Lehrern verlangen, dass sie immer über die neusten Entwicklungen bei Online-Spielen im Bilde sind?
Nein. Aber man kann Aufklärung betreiben, von Schülerseite. Schulklassen könnten zum Beispiel neben einem Klassensprecher auch einen IT-Beauftragten oder eine Beauftragte wählen. Regelmäßig könnten die dann alle paar Wochen im Unterricht erzählen, was gerade besonders beliebte Plattformen sind, welche Trends es gibt und welche Influencer besonders beliebt sind. 

Rubriklistenbild: © Grafik: Ippen.Media

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