Italiens Supervulkan: Magma in viereinhalb Kilometern Tiefe entdeckt – Forscher: „Könnte morgen ausbrechen“
VonJohannes Welte
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Eine neue Erdbebenserie in der Nähe von Neapel nährt die Angst eines Ausbruches des Supervulkans. Bei einer neuen Studie wurde Magma in fünf Kilometern Tiefe entdeckt.
Pozzuoli – Es rumort in Italiens: Eine heftige Erdbebenserie hat am Pfingstmontagabend (20. Mai) die Bürger in Pozzuoli und im Westen Neapels im Süden des Landes geschockt. Es gab Risse in Gebäuden, Simse fielen herab, es ereigneten sich kleine Erdrutsche, eine Baugrube stürzte ein, die Menschen flüchteten auf die Straße und übernachteten in Parks und Autos.
Die Schulen blieben am Dienstag (21. Mai) geschlossen, um sie auf Schäden zu inspizieren, auch Straßentunnels werden kontrolliert. Der Bahnverkehr wurde eingestellt. Es wurden vier Auffangzentren aufgebaut, in denen Familien, die nicht in ihre Häuser zurückkehren wollten, Schlafstellen fanden und es psychologische Betreuung gab. Einige Menschen wurden vorsorglich ganz aus ihren Häusern evakuiert.
Angst vor Ausbruch wächst: Italien erlebt heftigsten Erdstoß in 40 Jahren
Der heftigste Stoß des Schwarmbebens war mit der Magnitude 4,4 der stärkste seit der letzten Bebenkrise in den 1980er Jahren, als Pozzuoli aus Angst vor einem Vulkanausbruch evakuiert wurde. Damals beruhigte sich die Lage wieder.
In den 1980er Jahren gab es Magma in etwa fünf Kilometer Tiefe, und auch jetzt gibt es eine Magmablase, die sogar näher an der Oberfläche liegt als damals. Eine neue Studie des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) und der Universität Mailand hat mit neuen Methoden den Untergrund der riesigen Caldera der Phlegräischen Felder und deren Entwicklung seit 1982 untersucht.
Und dabei wurden sie fündig: „Vorübergehende Signaturen in Tomogrammen zeigen den Aufstieg von Magma in geringer Tiefe, der im Jahr 2019 begonnen haben könnte und die flache Zirkulation hydrothermaler Flüssigkeiten stört“, heißt es in der Studie. Das von Magma erhitzte Tiefenwasser wurde bislang in erster Linie für die Beben verantwortlich gemacht.
Forscher entdecken neue Magmablase unter den Phlegräischen Feldern in geringer Tiefe
Man spricht in der Studie von einer „Anomalie“ ähnlich der von 1982, „wenn auch reduziert und verschoben“, diese trete seit April 2019 zunehmend wieder auf „und erreicht eine geringere Tiefe (4,5 km)“. Weiter heißt es: „Dies deutet darauf hin, dass sich während der aktuellen Unruhen eine kleine Menge Magma angesammelt hat.“ Das Auftreten einer magmatischen Wiederaufladung ab 2019 könnte auch mit seit 2019 steigenden Erdbebenaktivität zusammenhängen.
„Das zentrale Reservoir scheint während der Unruhen von 1982–1984 und nach einer Zeit möglicher Entgasung auch während der aktuellen Unruhen durch magmatische Flüssigkeiten wieder aufgeladen worden zu sein“, heißt es in der Studie weiter. Die Ergebnisse zeigen demnach „eine neue Magmainjektion im tiefen Reservoir, die möglicherweise im Jahr 2019 begann, was auf eine neue Phase der Magmaakkumulation und -reorganisation hinweisen könnte.“
Forscher sprechen von „einer neue Magmainjektion“
Die Magmablase könne eine Überproduktion heißer Flüssigkeiten verursachen, die aus dem tiefen Reservoir aufsteigen, „die Beben auslösen und eine kontinuierliche Schwächung und Rissbildung der Kruste verursachen“. Auf lange Sicht führe das zu einem Wachstum des Gefäßsystems und begünstige umfassendere Brüche. „Ob es zu einem Magma-Ausbruch kommt, hängt davon ab, wie kurzlebig solche Injektionen sind.“
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Der Leitende Forscher des INGV, Giuseppe Mastrolorenzo, hatte jüngst in einem Interview mit pozzuolinews24.it gewarnt: „Leider könnte der Ausbruch auch morgen stattfinden.“ Er müsse aber nicht in naher Zukunft passieren. Dennoch müsse das Gebiet der Phlegräischen Felder für eine groß angelegte Hypothese gerüstet sein, sagt er. Sein Rat: „Die Bevölkerung muss mindestens 20 Kilometer vom Caldera-Gebiet entfernt werden.“
Denn Mastrolorenzo warnt: „Leider steigt in den Phlegräischen Feldern das Magma aus acht Kilometern Tiefe sehr schnell auf und wir können nicht darauf wette, dass es das nicht tut.“ Wenn die Sicherheit der Bevölkerung wissenschaftlichen Hypothesen anvertraut werden müsse, werde „ein inakzeptables Risiko in Kauf genommen“.
Heftige Erdstöße nähren bei den Bewohnern von Neapel die Angst vor einem Vulkanausbruch. Etliche Menschen suchten Schutz in Auffangzelten, einige Familien mussten aus ihren Häusern evakuiert werden.
Der Forscher warnt, dass man einen großen Ausbruch nicht vorhersagen könne, da die Menschheit in historischer Zeit noch keinen Ausbruch eines Supervulkans erlebt habe. „Das kann nicht prognostiziert werden, weil wir keine Erfahrungen aus der Vergangenheit haben und das System zu komplex ist, um vorhersehbar zu sein“, betont der Vulkanologe. „Wir können versuchen zu prognostizieren, ob wir kurz vor einem Ausbruch stehen, aber wir müssen auf das Ereignis mit dem höchsten Risiko vorbereitet sein.“
Neueste Bebenserie möglicherweise die heftigste seit dem letzten Ausbruch vor 486 Jahren
Die neueste Bebenserie könnte sogar die stärkste seit dem letzten Ausbruch im Jahr im Jahre 1538 gewesen sein, nachdem der Supervulkan bis in die 1950er Jahre hinein ruhig geblieben war. Während der großen Bebenkrise in der 1980er Jahren gab es Erdstöße mit einer Magnitude von maximal 4,1. 1996 ereignete sich ein Beben ebenfalls mit der Magnitude von 4,1. Jetzt hatte der heftigste Stoß die Stärke 4,4. Im Herbst vorigen Jahres gab es ein Beben der Stärke 4,2. Auch die Zahl der Erdstöße ist enorm. Am Montag meldet die App Campi Flegrei Vulcano über 300 Beben, die meisten davon waren allerdings sehr gering.