Netflix-Serie im Unterricht

Experten warnen davor, Netflix-Hit „Adolescence“ in Schulen zu zeigen

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In Großbritannien nutzen Schulen die Netflix-Serie „Adolescence“ im Kampf gegen Jugendgewalt – deutsche Experten warnen davor.

Die britische Netflix-Miniserie „Adolescene“ gehört schon nach weniger als einem Monat zu den erfolgreichsten Produktionen der Plattform. In der Serie driftet ein 13-Jähriger in eine frauenhassende, gewaltbereite Ideologie ab und tötet eine Mitschülerin. Bekannt ist das Phänomen als sogenannte „Incel“-Bewegung.

Mit seinem Erfolg löste „Adolescence“ eine Debatte im britischen Parlament aus. Die Serie mit seinen Teenagerkindern zu sehen, habe die Familie hart getroffen, teilte Premierminister Keir Starmer mit. Angesichts steigender Messerangriffe an Schulen fordert er, dass das Format landesweit im Unterricht aller Sekundarschulen gezeigt werden soll.

Deutscher Lehrerverband hält Netflix-Serie „Adolescence“ im Unterricht für „nicht sinnvoll“

In Deutschland stößt die britische Herangehensweise auf Skepsis: „Ich halte es eher nicht für sinnvoll, vier Stunden einzusetzen, um Schülerinnen und Schülern eine Serie wie ‚Adolescence‘ in der Schule vorzuführen“, sagt Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DLV) BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.

Die „Incel“-Bewegung aus der Netflix-Serie „Adolescence“

Unter „Incels“ versteht man eine Gruppierung von überwiegend heterosexuellen Männern, die unfreiwillig sexuell enthaltsam leben und daraus häufig eine extrem frauenfeindliche und gewalttätige Haltung entwickeln. Die Radikalisierung erfolgt dabei überwiegend im digitalen Raum. In den USA werden mehrere tödliche Attentate mit der „Incel“-Bewegung in Verbindung gebracht.

Fundamentalistische Überzeugungen von Schülern in Bezug auf beispielsweise Religion oder Sexualität würden – auch ohne „Adolescence“ – immer wieder im Kontext des Unterrichts besprochen werden. Bei Anzeichen extremer Einstellungen unter Schülern würden Schulen gezielt mit Projekttagen oder dem Einbezug von Experten reagieren. Die Sozialisation der Jugend sei jedoch ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. „Schulen können nicht allein alles leisten“, sagt Düll.

Der Hauptcharakter Jamie in der dritten Episode der Serie „Adolescence“.

Expertin warnt: „Adolescence“ könnte Jugendliche Re-Traumatisieren

Eine gezielte Aufklärung über misogyne Bewegungen wie die in „Adolescence“ thematisierte „Incel“-Gruppierung finde in deutschen Schulen derzeit selten und nur punktuell statt. „Es ist stark abhängig vom Engagement einzelner Lehrkräfte“, erklärt Claudia Paganini, Lehrbeauftragte für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München, BuzzFeed News Deutschland.

Die Aufklärung sei wichtig, um bei Mädchen und Jungen ein Bewusstsein für toxische Narrative im Netz zu entwickeln und ihnen beizubringen, angemessen darauf zu reagieren. Grundsätzlich seien audiovisuelle Formate zwar gut geeignet, um komplexe gesellschaftliche Probleme im Unterricht greifbar zu machen. Im konkreten Fall von „Adolescence“ hält allerdings auch Paganini den Einsatz für fragwürdig.

Die Netflix-Serie sei zu intensiv und aufwühlend. „Ich würde daher befürchten, dass Jugendliche von der Serie eher emotional überfordert werden“, so die Expertin. Zudem bestünde bei einer derart intensiven Darstellung wie in „Adolescence“ das Risiko einer Re-Traumatisierung. Eine Einbettung in den Unterricht sei aufgrund der Komplexität des Themas frühestens ab 16 Jahren vertretbar. In Großbritannien soll die Miniserie Schülern ab elf Jahren gezeigt werden. Für ein tiefes Verständnis der Serie brauche es jedoch eine entsprechende emotionale und kognitive Reife, „die ich bei jüngeren Schülern nicht als gegeben sehe“, so Paganini.

Rubriklistenbild: © Cr. Courtesy Netflix © 2024

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