„Stärkere Abgrenzung“

„Nicht ihre Aufgabe“ – Problem im deutschen Schulsystem breitet sich aus

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Jede achte Schule in Deutschland ist eine Privatschule. Eine Professorin für Pädgogik kritisiert die soziale Abgrenzung und erklärt, was Eltern wissen sollten.

Hamburg – Marode Schulgebäude, schlechte Ausstattung und so viel Unterrichtsausfall, dass Noten in manchen Fächern nicht vergeben werden können: Deutsche Schulen kämpfen mit einem schlechten Ruf. „Wir waren bei der Vorstellung der Grundschule und alles daran war katastrophal“, schreibt ein Vater auf Reddit. Er meldete sein Kind deswegen an einer Privatschule an – etwas, das viele Eltern aus der Mittelschicht gerade tun.

Viele Privatschulen haben besondere pädagogische Konzepte, die die Eltern ansprechen. (Symbolbild)

Im Schuljahr 2023/24 waren laut Statistischem Bundesamt rund 3.800 allgemeinbildende Schulen in Deutschland in privater Trägerschaft. Das entspricht knapp jeder achten allgemeinbildenden Schule. Die Zahl der Privatschulen ist in den vergangenen zehn Jahren um acht Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum ging die Zahl der öffentlichen Schulen um vier Prozent zurück.

Woran das liegt und welche Konsequenzen die Entwicklung haben kann, weiß Rita Nikolai. Sie ist Professorin für Pädagogik an der Universität Augsburg mit Schwerpunkt vergleichende Bildungsforschung. „Es gibt eine gesteigerte Nachfrage nach Privatschulen, insbesondere aus der Mittelschicht, aber auch aus höheren sozialen Schichten“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. In Deutschland subventioniere der Staat Privatschulen. Das halte das Schulgeld niedrig und mache private Schulen auch für Eltern aus der Mittelschicht erschwinglich.

Drei Gründe, warum Eltern ihre Kinder auf eine Privatschule schicken

In manchen Regionen gebe es für die Entscheidung der Eltern einen pragmatischen Grund. Viele Grundschulen wurden wegen des Schülerrückgangs in den 90er- und 2000er-Jahre geschlossen. „Wenn es keine öffentliche Schule in der Nähe gibt, ist manchmal eine private Grundschule die einzige Möglichkeit“, sagt Nikolai. Das Schulprofil spiele ebenfalls eine Rolle. Für manche Eltern sei es wichtig, dass die Schule zu ihrem eigenen Profil passe – zum Beispiel Privatschulen in kirchlicher Trägerschaft. Jene machen die größte Gruppe der Privatschulen aus.

Häufig ist es jedoch keine Entscheidung für eine Privatschule, sondern gegen eine öffentliche. Denn die stehen vor vielen Herausforderungen: „Es gibt öffentliche Schulen, wo die Kinder morgens, weil sie aus armen Familien kommen, kein Frühstück bekommen. Wie soll eine Lehrkraft dann guten Unterricht machen?“, sagt Nikolai. Lehrkräfte müssten teilweise sozialpolitisch agieren, „obwohl das eigentlich nicht ihre Aufgabe ist“.

An privaten Schulen sei der Anteil von Kindern aus höheren sozialen Schichten deutlich größer. „Eltern schicken ihre Kinder an Privatschulen, um sich ein Stück weit sozial abzugrenzen“, sagt die Pädagogin. Es gehe ihnen darum, einen aus ihrer Sicht geschützten Lernkosmos für ihre Kinder zu schaffen, mit weniger Kindern aus unteren sozialen Schichten oder mit Migrationshintergrund.

Pädagogin: Warum Eltern keine Angst vor Brennpunktschulen haben müssen

Das findet die Professorin bedenklich: „Schule sollte eigentlich dazu da sein, dass alle Kinder zusammenkommen. Kinder können lernen, mit Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten klarzukommen und gemeinsam zu lernen“, sagt sie. Das müssten sie im Arbeitsleben auch können. „Wenn sie diese Erfahrungen nicht machen, wie soll dann ein gesellschaftlicher Zusammenhalt im Erwachsenenalter funktionieren?“

Ein Blick ins Ausland zeigt, wohin die Entwicklung führen könnte. In Deutschland sind zwölf Prozent der Schulen Privatschulen. „Wenn das weiter ansteigt – wie in Australien zum Beispiel, wo mittlerweile 30 bis 40 Prozent der Kinder im Grundschulbereich private Schulen besuchen – wird es sozialpolitisch schwierig“, sagt Nikolai BuzzFeed News Deutschland. In Großbritannien gebe es Free Schools und Academies, die zu 100 Prozent staatlich finanziert werden, aber trotzdem nicht in öffentlicher Trägerschaft sind. „Dadurch entsteht eine noch stärkere Abgrenzung“, warnt die Expertin.

Eltern aus höheren sozialen Schichten sollten keine Angst haben, ihre Kinder an Schulen mit schwieriger sozialer Zusammensetzung zu schicken. „Kinder aus höheren sozialen Schichten kommen sowieso durch, weil sie zu Hause gut gefördert werden – sei es durch Vorlesen oder Museumsbesuche. Selbst wenn sie an einer Brennpunktschule unterrichtet werden, schaffen sie es“, sagt Nikolai. (Quellen: Reddit, Statistisches Bundesamt, eigene Recherche)

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