VonJana Stäbenerschließen
Beim Schulstart nach dem Wochenende stellte eine Lehrerin in ihrer Grundschulklasse immer eine Frage. Nach einer bitteren Ereknntnis änderte sie ihren Plan.
Frankfurt – „Damals als Lehrperson in der Unterstufe ließ ich die Kinder am Montag nach dem Wochenende erzählen, was sie erlebt hatten. Viele sprudelten vor Begeisterung über Kino, Ausflüge oder den Besuch bei Verwandten. Ein Kind blieb fast immer still“, schreibt Aléxia da Costa Jaggi. Sie ist seit drei Jahren Schulleiterin in der Gemeinde Opfikon in der Nähe von Zürich. Dort haben mehr als 80 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund und sprechen zu Hause kein Deutsch, viele kommen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien.
Erst im Elterngespräch habe sie verstanden, warum das eine Kind nichts erzählte: Die Familie lebte an der Armutsgrenze. Die Wochenenden habe das Kind vor allem Zuhause verbracht. „Mich hat das beschäftigt“, schreibt da Costa Jaggi auf Linkedin. Genauso wie die Pausenbrote der Kinder oder ihre Kleidung zeigen die Wochenenderlebnisse die Chancenungleichheit auf. „Ich habe danach angefangen, im Morgenkreis andere Fragen zu stellen, die jedes Kind beantworten kann“, erzählt sie BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. Zum Beispiel, was es am Wochenende Leckeres zu essen gab.
Bildungsexperte: „Ungleichheiten entstehen nicht dort, wo sie das erste Mal sichtbar werden“
Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland ist Chancenungleichheit ein Problem, zeigt der Nationale Bildungsbericht 2024. Kinder aus armen Familien haben in der Schule deutlich schlechtere Chancen als Kinder aus reichen Familien. Sie können schlechter lesen, bekommen seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium oder landen trotz Empfehlung häufiger nicht dort. Sie beschäftigen sich in ihrer Freizeit weniger mit Dingen, die sie in der Schule weiterbringen, haben weniger Geld für Hobbys wie Schwimmen oder das Lernen eines Instruments.
„Ungleichheiten entstehen nicht dort, wo sie das erste Mal sichtbar werden“, sagt der Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Kai Maaz BuzzFeed News Deutschland. Auch der OECD-Bericht 2025 zeigt, dass wenig Geld ein großes Risiko für die Zukunft von Kindern ist. So gehen Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien seltener zur Kita und erwerben seltener einen Hochschulabschluss (26 Prozent) als diejenigen aus Haushalten mit höherer Bildung (70 Prozent). Sie sind außerdem überproportional oft von chronischer Abwesenheit und Fehlzeiten betroffen.
„An meiner Schule versuchen wir, diese Unterschiede kleiner zu machen“, sagt die Schulleiterin, an deren Schule das Churer-Modell angewendet wird. Zum Beispiel gebe es dort eine Tauschbörse für Kleidung und Spielzeug. Oder eine Kiste mit Äpfeln, an der sich alle Kinder in der Pause, egal welcher familiäre Hintergrund, bedienen könnten. In ihrer ganzen Gemeinde „gibt es außerdem keine Hausaufgaben“, sagt sie. Stattdessen arbeiten die Kinder während der Schulzeit selbstorganisiert an ihren eigenen Themen. „So reduzieren wir die Unterschiede, die durch das Elternhaus entstehen.“
„Es war verrückt“: Reaktionen zur Chancengleichheit an Schulen irritieren Schulleiterin
Der Linkedin-Beitrag von Da Costa Jaggi ging viral. Vor allem aus Deutschland kamen viele Reaktionen, manche von ihnen irritierten die Schweizerin. „Viele haben kein Verständnis dafür gehabt, dass Eltern am Wochenende nichts mit ihren Kindern tun. Es war verrückt: Manche Menschen verneinten, dass es Armut überhaupt gibt“, erzählt sie. Natürlich gebe es in Europa weniger Armut als in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Brasilien, wo sie selbst aufgewachsen sei. „Aber sie existiert – das lässt sich nicht leugnen.“ Außerdem gehe es nicht nur ums Geld, sondern auch um Kraft und Zeit. All das seien Dinge, die Eltern von Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien nicht für Freizeitaktivitäten hätten.
Wer Chancengleichheit wirklich wolle, müsse erkennen, dass Kinder immer noch aufgrund ihres sozioökonomischen Status, ihres Migrationshintergrunds oder ihres Geschlechts unbewusst benachteiligt würden. Das gelte auch für Lehrkräfte. „Ich kann anderen Schulleitungen nur empfehlen, ihre Lehrpersonen Aufsätze von Kindern bewerten zu lassen – einmal mit einem deutschen Namen, einmal mit einem ausländischen. Wie unterschiedlich die Ergebnisse sind, zeigt, wie tief solche Vorurteile in uns sitzen“, sagt Da Costa Jaggi BuzzFeed News Deutschland, die sich dafür einsetzt, diese Vorurteile in Weiterbildungen aufzulösen. (Quellen: Nationaler Bildungsbericht, OECD-Bericht, Linkedin, eigene Recherche)
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