Versicherer fordern Umdenken

Amtliche Zahlen zeigen: Mehr als 300.000 Adressen in Deutschland sind von Hochwasser bedroht

+
Bilder der Verwüstung: Von Überschwemmungen sind laut Experten mehr als 300.000 Adressen in Deutschland betroffen - das Bild zeigt die Folgen der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021.
  • schließen

Wasser bahnt sich immer seinen Weg. Und nimmt vor keinem Hindernis Rücksicht. Deshalb warnen Versicherer vor künftigen Überschwemmungen.

Berlin – Was Wasser in Massen binnen kürzester Zeit anrichten kann, mussten die Menschen im Ahrtal und in anderen Regionen im Westen Deutschlands im Sommer 2021 am eigenen Leib erfahren. Dutzende Anwohner fielen der Flut zum Opfer, unzählige Gebäude sind nicht mehr bewohn- oder auch nur nutzbar.

Hochwassergefahr in Deutschland: Mehr als 320.000 Adressen gelten als gefährdet

Aufgrund des voranschreitenden Klimawandels werden solche Extremwetterereignisse Jahr für Jahr wahrscheinlicher. Die Gefahr weiterer Wassermassen infolge von heftigem Dauerregen steigt. Gedanken über die besonders gefährdeten Häuser und ihre Einwohner macht sich der Gesamtverband der Versicherer (GDV).

Laut den Experten sind 322.498 Adressen in Deutschland durch Hochwasser gefährdet (Stand: 27. Februar, 16 Uhr). Das sind 1,44 Prozent aller 22.350.892 Adressen.

Den größten Anteil weist Sachsen auf – hier werden 2,89 Prozent der Adressen dazugezählt. Es folgt Thüringen mit 2,69 Prozent. Ganz hinten liegen die Stadtstaaten Hamburg mit 0,08 Prozent und Berlin mit 0,04 Prozent. In der Bundeshauptstadt ist also jede 2500. Adresse betroffen.

Video: Prognose bis 2050 – Millionen Tote durch Klimawandel möglich

Deutschland und Überschwemmungen: „Schäden in Milliardenhöhe sind vorprogrammiert“

In Niedersachsen sieht der GDV 0,86 Prozent der Adressen durch Hochwasser gefährdet, für Bremen beträgt der Wert 0,21 Prozent. „Obwohl die Zahlen amtlich und öffentlich bekannt sind, steht Prävention nicht auf der politischen Tagesordnung, sondern nur die Debatte um die Einführung einer Pflichtversicherung gegen Naturgefahren“, moniert Anja Käfer-Rohrbach. Die stellvertretende GDV-Hauptgeschäftsführerin warnt: „Aufgrund des Klimawandels und damit häufiger auftretenden Wetterextremen sind Schäden in Milliardenhöhe vorprogrammiert.“

Deshalb fordern die Versicherer einen Stopp von Neubauten in gefährdeten Gebieten. Käfer-Rohrbach nennt das aktuelle Vorgehen, trotz der Überschwemmungsgefahr weiter Bauland auszuweisen, „gefährlich und gefährdend“. Bereits vorhandene Gebäude in Risikogebieten sollten zudem besonders gegen Überschwemmungen geschützt werden. Hier sieht der GDV Bund, Länder und Kommunen in der Pflicht.

Der Forderungskatalog im Zuge der „Prävention und Klimafolgenanpassung“ umfasst neben einem gesetzlichen Verbot der Bebauung von vorläufig gesicherten, amtlich festgesetzten Überschwemmungsgebieten unter anderem die Einführung eines Naturgefahrenausweises für Gebäude oder eine deutschlandweit einheitliche Modellierung und Kartierung von Naturgefahren und Gefahrengebieten.

Gefahr vor Hochwasser in Deutschland: In Niedersachsen liegt Wolfenbüttel ganz vorne

Den größten Anteil an Adressen in Überschwemmungsgebieten weist die kreisfreie Stadt Koblenz auf. Hier sind es 1,99 Prozent, also quasi jede 50. Adresse. In der rheinland-pfälzischen Stadt am Deutschen Eck treffen sich Rhein und Mosel, zwei der längsten Flüsse Deutschlands. Mehr als jede 100. Adresse gilt auch in der kreisfreien Stadt Gera mit 1,86 Prozent und in der kreisfreien Stadt Trier mit 1,41 Prozent als gefährdet.

Bezogen auf das jeweilige Bundesland liegt in Niedersachsen der Landkreis Wolfenbüttel mit 4,7 Prozent gefährdeten Adressen auf dem Platz, der hier nicht der Platz an der Sonne ist. Dahinter reiht sich der Landkreis Celle mit 4,46 Prozent ein. Grundsätzlich besonders betroffen seien verständlicherweise stark besiedelte Kreise mit vielen Gewässern. Hier nennt der GDV die Kreise Ahrweiler und Cochem-Zell in Rheinland-Pfalz an der Ahr respektive an der Mosel, Dresden an der Elbe oder den nordrhein-westfälischen Kreis Euskirchen an der Erft.

Warnung vor Wasser auf dem Gehweg: Auch im Jahr 2024 sind vielerorts Überschwemmungen zu beklagen.

Droht Hochwasser in Niedersachsen? Fast jede 100. Adresse gilt als gefährdet

In Niedersachsen gelten 23.886 Adressen als gefährdet, das sind 0,93 Prozent der 2.574.365 Adressen. Für Bremen werden von 174.435 Adressen 413 als hochwassergefährdet eingestuft – also 0,24 Prozent.

Alle Zahlen beruhen auf einer Untersuchung der VdS Schadenverhütung GmbH im Auftrag des GDV. Von den gefährdeten Gebäuden liegen bundesweit über 80 Prozent nach dem Wasserhaushaltsgesetz in vorläufig gesicherten oder amtlich festgesetzten Überschwemmungsgebieten, die übrigen 20 Prozent in sogenannten Hochwassergefahrenflächen.

Erst im Dezember 2023 sorgte Hochwasser in Teilen Deutschlands für gefährliche Zustände. Ein ganzer Ort musste evakuiert werden. Auch die Stadt Oldenburg war betroffen. Auch da zeigte sich, wie nötig Vorbeugung und eine Pflichtversicherung sind. (mg)

Kommentare