Straßen öffnen sich, Fähren laufen auf Grund

Supervulkan in Italien bebt bedrohlich: Riesen-Streit um marode Fluchtwege – „Es ist beschämend“

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Das jüngste Beben hat den Bewohnern der phlegräischen Felder klargemacht, wie wichtig funktionierende Fluchtwege sind. Doch die Regierung blockiert notwendige Gelder.

Pozzuoli – Das Schwarmbeben am Supervulkan der Phlegräischen Felder im Süden Italiens ist Geschichte. Über 400 Erdstöße hatte es gegeben, der heftigste hatte am Montagnacht eine Magnitude von 4,4 und war somit das stärkste Beben, das jemals in der riesigen Caldera rund um die Hafenstadt Pozzuoli gemessen wurde. Die Aufräumarbeiten laufen, Hunderte Gebäude werden auf Schäden überprüft, Dutzende Familien können aber immer noch nicht in ihre einsturzgefährdeten Häuser zurück. In der Nacht auf Freitag (24. Mai) gab es um 1.44 Uhr wieder einen Rumms der Stärke 1,9.

Fluchtwege von Supervulkan sind marode – Anwohner in Italien erzürnt: „Keiner schickt jemanden“

Neben der schnellen Ertüchtigung gefährdeter Gebäude ist die Frage der Fluchtwege ein brisantes Thema. Doch die sind marode, wie ein Beispiel zeigt: Unter einer Straße hat sich ein Erdfall gebildet, ein Loch im Pflaster weist auf einen größeren Hohlraum hin. Die Via Pergolesi wurde gesperrt. Doch direkt daneben steht eine hohe Stützmauer, auf der wiederum Häuser stehen. Die Polizei sperrte die Straße für den Verkehr. In unmittelbarer Nähe war bereits eine Gasse von herabfallendem Schutt verschüttet worden. „Keiner schickt jemanden vorbei“, kritisiert ein Anwohner.

Erdbeben am Supervulkan: Plötzlich öffnet sich Loch in Straße, Schienenwege lahmgelegt, Fähren laufen auf Grund

Die Evakuierungswege würden im Ernstfall wie etwa bei einem Vulkanausbruch durch Tunnels führen. Doch ein Vulkanausbruch wird von heftigen Beben begleitet. Der Tunnel der Autobahn nach Neapel am Solfatara-Krater musste auf Schäden überprüft werden. Außerdem zeigte das Beben, dass das Straßennetz dem Ansturm bei einer großen Krisensituation nicht gewachsen wäre. Es gab ein heilloses Chaos, als am Montag die Menschen mit ihren Autos flüchten wollten, wie ein das Bild eines Facebook-Users zeigt.

Das Beben zeigte auch, dass die Schieneninfrastruktur anfällig auf Beben ist. Wegen eines Oberleitungsschadens ist der Bahnverkehr nach Neapel sowie nach Norden nach wie vor unterbrochen.

Aber auch die sich in der Hafenstadt Pozzuoli anbietende Flucht per Schiff wäre sehr schwierig: Wegen der seit 1950 anhaltenden Hebung des Bodens in und um Pozzuoli um knapp fünf Meter haben die Fähren immer größere Probleme, das Pier von Pozzuoli anzulaufen. Der Kommandant der Hafenbehörde von Pozzuoli Edoardo Russo hat laut pozzuolinews24 um ein Treffen mit dem Präfekten von Neapel gebeten. Das Hafenbecken müsse dringend ausgebaggert werden. Eine Million Passagiere mit 300 000 Fahrzeugen nutzt die in Pozzuoli startenden Fähren jährlich, um auf die Inseln Procida und Ischia zu kommen.

Die Fähren im Hafen von Pozzuoli haben immer mehr Probleme wegen des Niveauanstiegs.

Lastwagen und Pkw kommen nur noch schwer aus den Fähren heraus

„Die Ein- und Ausschiffungsvorgänge für Fähren sind sehr langwierig und kompliziert geworden, und es ist bereits vorgekommen, dass Busse und Lastwagen liegengeblieben sind“, so Russo. Die Untiefe am Emporio-Kai sei zu einer „ernsthaften Bedrohung für Schiffe geworden, die im Hafen Manöver durchführen, insbesondere an Tagen mit Ebbe und starkem Wind.“

Seit Jahresbeginn sind zwei Fähren auf Grund gelaufen, die Unfälle gingen aber ohne Schäden über die Bühne. Auch Pkws haben mittlerweile immer wieder Probleme, den Höhenunterschied zwischen Fähre und Kai zu absolvieren. Russo betont, dass es „keinen zügigen Plan für die Organisation der Verbindungen zu den Inseln im Falle von vulkanischen und seismischen Notfällen gibt und dass dies zu Störungen des Notfallmanagements führen könnte.“ Das habe bereits eine Übung deutlich am 22. April gezeigt.

Im alten Hafen von Pozzuoli ist kaum noch Wasser vorhanden.

Um den Bau der Fluchtwege und die Finanzierung der Sanierung erdbebengefährdeter Häuser ist aber ein erbitterter Streit zwischen der rechtslastigen Regierung in Rom mit Giorgia Melonis Zivilschutzminister Nello Musumeci von Melonis Partei der postfaschistischen Fratelli D‘Ítalia (Brüder Italiens) und der Regionalregierung von Kampanien ausgebrochen, die von dem Mitte-Linksdemokraten Vincenzo De Luca geführt wird.

Rechte Regierung in Rom blockiert lebensnotwendige Gelder für Umbauten für den Notfall am Supervulkan

Die Mittel zur Schaffung der Fluchtwege in den Phlegräischen Feldern sind laut pozzuolinews24.it im Entwicklungsprogramm der Region Kampanien enthalten, das die Regierung in Rom bislang nicht freigegeben hat. Es geht um insgesamt sechs Milliarden Euro, davon 500 Millionen Euro für die Schutzmaßnahmen im Supervulkan. Die wichtigsten durchzuführenden Arbeiten betreffen einen Umsteigeparkplatz und den Ausbau einer Kreuzung sowie den Ausbau der Küstenstraße. Außerdem fordern die Einwohner einen Erdbebenbonus, um ihre Häuser sicher vor schweren Erschütterungen umbauen zu können.

Langsam werden die Schäden nach dem bislang heftigsten Beben am Supervulkan sichtbar.

Musumeci sorgte jetzt bei einer Pressekonferenz in Rom aber für Entsetzen, als er sagte: „Diejenigen, die sich entschieden haben, in der Region der Phlegräischen Feldern zu leben, wussten, dass sie in einer schwierigen Gegend leben, die Risiken birgt.“ Er sagte weiter: „Es ist die übermäßige Besiedelung des Territoriums, die in der Vergangenheit hätte verhindert werden müssen und heute ein Problem für eine rasche Evakuierung darstellt.“

Zivilschutzminister gibt Bewohnern schuld an der Krise – Oppositionspolitiker sind entsetzt

Dabei verschweigt er aber, dass der Staat 1961 selbst eine neue Luftwaffenakademie in Pozzuoli auf einem ruhenden Vulkan errichtet hat. Außerdem wurden nach dem Krieg in der Gefahrenzone das von den Beben bereits angegriffene heutige Maradona-Stadion des SSC Neapel mit seinen 54.726 Sitzplätzen und eine Pferderennbahn errichtet, in der regelmäßig große Konzerte stattfinden.

Supervulkan in Italien: Erdbeben, Evakuierungen, Zeltstädte – Bilder zeigen „Schreckensherrschaft“

Es rumpelt gewaltig an Italiens Supervulkan: Die seismischen Aktivitäten nehmen in den vergangenen Wochen massiv zu – das mündete in einem starken Erdbeben, Evakuierungen und tausenden verängstigten Menschen.
Es rumpelt gewaltig an Italiens Supervulkan: Die seismischen Aktivitäten nehmen in den vergangenen Wochen massiv zu – das mündete in einem starken Erdbeben, Evakuierungen und tausenden verängstigten Menschen. © Napolipress/picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Es war das stärkste Beben seit 40 Jahren: Teile einer Straße sind nach heftigen Erdstößen am Montag mit herabgefallenen Steinen übersät und gesperrt.
Es war das stärkste Beben seit 40 Jahren: Teile einer Straße sind nach heftigen Erdstößen am Montag mit herabgefallenen Steinen übersät und gesperrt. © Napolipress/picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Pozzuoli wappnet sich momentan für den Ernstfall: Evakuierungspläne und Notfallszenarien werden durchgespielt – manche Fachleute würden die „Rote Zone“ am liebsten jetzt schon leeren, andere beruhigen.
Pozzuoli wappnet sich momentan für den Ernstfall: Evakuierungspläne und Notfallszenarien werden durchgespielt – manche Fachleute würden die „Rote Zone“ am liebsten jetzt schon leeren, andere beruhigen. © Salvatore Laporta/Kontrolab/picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Ratlosigkeit, Angst und Verunsicherung dominieren die Stimmungslage in den phlegräischen Feldern: Die Erdbeben nehmen zu, werden zu Dauerqual für die Bewohner.
Ratlosigkeit, Angst und Verunsicherung dominieren die Stimmungslage in den phlegräischen Feldern: Die Erdbeben nehmen zu, werden zur Dauerqual für die Bewohner. © Alessandro Garofalo/picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press
Volle Straßen nach dem Erdbeben am Montagabend: Menschen flüchteten ins Freie, kehrten großteils vorerst nicht in ihre Häuser zurück.
Volle Straßen nach dem Erdbeben am Montagabend: Menschen flüchteten ins Freie, kehrten großteils vorerst nicht in ihre Häuser zurück. © Alessandro Garofalo/picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press
Die Gefahrenlange in Pozzuoli hat neue Ausmaße erreicht: Das starke Erdbeben hinterließ große Schäden und noch mehr Verunsicherung – Feuerwehr und Statiker überprüfen die Wohnhäuser in der Region auf ihre Erdbebensicherheit.
Die Gefahrenlange in Pozzuoli hat neue Ausmaße erreicht: Das starke Erdbeben hinterließ große Schäden und noch mehr Verunsicherung – Feuerwehr und Statiker überprüfen die Wohnhäuser in der Region auf ihre Erdbebensicherheit. © Napolipress/picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Es raucht und dampft in den phlegräischen Feldern: Der Supervulkan in Italien zeigt sich zuletzt wieder verstärkt aktiv.
Es raucht und dampft in den phlegräischen Feldern: Der Supervulkan in Italien zeigt sich zuletzt wieder verstärkt aktiv. © stock&people/Imago
„Diesmal war es schwer, als würde es nie enden wollen“: Sagte ein Mann aus Bagnoli der Nachrichtenagentur Ansa nach dem Erdbeben mit einer Stärke von 4,4: Etliche Menschen verließen ihre Häuser, verbrachten die Nacht zur Sicherheit teils im Auto oder am Strand.
„Diesmal war es schwer, als würde es nie enden wollen“, sagte ein Mann aus Bagnoli der Nachrichtenagentur Ansa nach dem Erdbeben mit einer Stärke von 4,4. Etliche Menschen verließen ihre Häuser, verbrachten die Nacht zur Sicherheit teils im Auto oder am Strand. © Felice De Martino/Imago
Wie leben die Menschen mit der ständigen Furcht vor dem Supervulkan? Fernsehteams befragen Personen vor den Auffanglagern in Pozzuoli.
Wie leben die Menschen mit der ständigen Furcht vor dem Supervulkan? Fernsehteams befragen Personen vor den Auffanglagern in Pozzuoli. © Felice De Martino/Imago
46 Familien mussten in den letzten Tagen ihre Häuser aufgrund der Erdbebengefahr verlassen: Auffanglager mit Zelten und insgesamt 400 Feldbetten bieten Zuflucht für die Evakuierten.
46 Familien mussten in den letzten Tagen ihre Häuser aufgrund der Erdbebengefahr verlassen: Auffanglager mit Zelten und insgesamt 400 Feldbetten bieten Zuflucht für die Evakuierten. © R4924_italyphotopress/Imago
Tristesse im Notfallzelt: Zahlreiche Bewohner wurde sicherheitshalber in Zelten wie diesem untergebracht.
Tristesse im Notfallzelt: Zahlreiche Bewohner wurde sicherheitshalber in Zelten wie diesem untergebracht. © R4924_italyphotopress/Imago
76.952 Einwohner hat der Ort Pozzuoli, das wichtigste Zentrum der phlegräischen Felder direkt neben der Metropole Neapel: In der „Roten Zone“ leben insgesamt 360.000 Menschen.
76.952 Einwohner hat der Ort Pozzuoli, das wichtigste Zentrum der phlegräischen Felder direkt neben der Metropole Neapel: In der „Roten Zone“ leben insgesamt 360.000 Menschen. © R4924_italyphotopress/Imago
Die Menschen in der Region sprechen von einer „Schreckensherrschaft“ des Supervulkans: Seit Monaten leben sie unter ständiger Angst.
Die Menschen in der Region sprechen von einer „Schreckensherrschaft“ des Supervulkans: Seit Monaten leben sie unter ständiger Angst.  © R4924_italyphotopress/Imago
Nach dem starken Erdbeben wurde auch ein Frauengefängnis in Puuzuoli evakuiert: 147 weibliche Häftlinge wurden in Gefängnisse außerhalb verlegt.
Nach dem starken Erdbeben wurde auch ein Frauengefängnis in Puuzuoli evakuiert: 147 weibliche Häftlinge wurden in Gefängnisse außerhalb verlegt. © Antonio Balasco/Imago

Selbst die US-Marine baute direkt in einem der Krater des Supervulkans ein Erholungszentrum, da kann man Privatleuten kaum Vorwürfe machen, dass sie in der Region geboren wurden und dort leben. Dennoch versprach Musumeci: „Wir arbeiten mit der Präfektur, den Gemeinden und der Region zusammen, um einen Evakuierungsplan zu definieren, der in der Schublade bleibt, aber bei Bedarf sofort erstellt und umgesetzt werden muss.“

Krankenhaus behandelt nur noch Notfälle, um für den Ernstfall Kapazitäten zu haben

„Wir finden Musumecis Verhalten gegenüber den Bürgern der Phlegräischen Felder respektlos“, konterte der aus Neapel stammende Grünen Parlamentsabgeordnete Francesco Emilio Borrelli. „Es ist beschämend, den phlegräischen Bürgern die Schuld zu geben, im Süden geboren zu sein.“ Auf einem Schild des Abgeordneten hieß es zudem: „Wir brauchen den Erdbebenbonus, nicht das Geschwätz.“

Der Bürgermeister von Pozzuolis Nachbargemeinde Bacoli, Josi Della Ragione, wurde laut Ansa noch deutlicher: „Lassen Sie die dort in Rom wissen, dass die Phlegräischen Felder kein Land illegaler, verantwortungsloser und rücksichtsloser Menschen sind.“ Und: „Wir nehmen keine Almosen an, um wegzulaufen.“ Dann wird er sentimental: „Wir wurden hier geboren. Hier wollen wir leben. Im schönsten Land der Welt. Und wir haben das unantastbare Recht, dies sicher zu tun.“ 

Unterdessen wurde im Krankenhaus Santa Maria in Pozzuoli begonnen, Patienten zu entlassen und nur noch Notfälle aufzunehmen „Von 208 Betten bleiben rund siebzig übrig, nur für Notfälle und für Krebspatienten, was in jedem Fall gewährleistet ist“, so Mario Iervolino, Generaldirektor der Klinik zu La Repubblica. Die restlichen Betten werden für Krisensituationen freigehalten.

Rubriklistenbild: © IMAGO/xmonticellllox

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