VonYannick Hankeschließen
Experten prophezeien einen schweren Corona-Herbst 2022. Und doch liegt noch kein Omikron-Impfstoff vor. Was sind die Gründe hierfür – und ist Besserung in Sicht?
Berlin – Geduld ist eine Stärke, die vor allem in der Corona-Pandemie immer wieder bewiesen werden muss. Ein auf die Omikron-Variante angepasster Impfstoff wurde längst verkündet. Doch bis dieses Vakzin zugänglich ist und verimpft werden kann, wird wohl noch etwas Zeit ins Land gehen. Und das, obwohl der drohende Corona-Herbst 2022 mit einer Vielzahl an Neuinfektionen näher rückt. Das Kernproblem: Millionen Dosen vom Omikron-Impfstoff lagern seit Monaten in Tiefkühlschränken, da die Zulassung fehlt.
Omikron-Impfstoff für Corona-Herbst 2022 fehlt immer noch – oder ist noch eingelagert
Omikron, im Speziellen Omikron BA.5, ist längst die dominierende Corona-Variante in Deutschland. In seinem Wochenbericht von Donnerstag, 4. August 2022, spricht das Robert Koch-Institut (RKI) in Bezug auf Omikron BA.5 von einem Gesamtanteil von 92 Prozent. Das wirft zwangsläufig die Frage auf, wann denn endlich ein auf die Omikron-Variante angepasster Impfstoff zur Verfügung steht.
Allen voran Impfstoff-Hersteller Biontech hat bereits fleißig produziert, auch mit Hinblick auf den drohenden Corona-Herbst 2022, für den wieder altbekannte Corona-Regeln gelten. Nur blöd, dass sich die unzähligen Omikron-Dosen bereits seit Ende März in den Tiefkühlschränken der Republik stapeln. Frühestens Mitte September, vielleicht auch erst im Oktober oder im November, könnte das auf Omikron angepasste und in der Europäischen Union (EU) zugelasssene Vakzin tatsächlich auch verimpft werden. Wie konnte es so weit kommen?
Omikron-Impfstoff muss auch auf Subvarianten BA.4 und BA.5 angepasst werden
Wie der Spiegel unter Berufung auf „gut informierte Kreise“ berichtet, sind es bis zu 100 Millionen Dosen Omikron-Booster, die allein Biontech seit Monaten eingelagert haben soll. Sie seien nicht zugelassen und dementsprechend natürlich auch nicht verimpft. Die Dosen würden auf der zuerst aufgetauchten Omikron-Variante BA.1 basieren. Vakzine, die auf Omikron BA.4 und Omikron BA.5 angepasst sind? Fehlanzeige.
Im direkten Vergleich scheinen die USA auf den Corona-Herbst 2022 deutlich besser vorbereitet zu sein. Schließlich hat die Zulassungsbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA) den Herstellern schon Ende Juni nahegelegt, einen auf die Omikron-Subtypen spezialisierten Omikron-Booster zu entwickeln. Stets mit Blick auf den Corona-Herbst 2022, vor dem Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) emsig warnt. Und die europäische Arzneimittelagentur Ema? Hält die Füße still.
Karl Lauterbach (SPD) spricht sich für auf Omikron BA.4 und BA.5 angepassten Impfstoff aus
Auf Spiegel-Anfrage hätte die Ema mitgeteilt, zumindest „offen“ dafür zu sein, Impfstoffe für die aktuell dominanten Omikron-Subtypen BA.4 und BA.5 zu genehmigen. Doch seien zuvor Studiendaten der Hersteller zu den verschiedenen Impfstoffanpassungen notwendig. Das verwundert nicht zuletzt Karl Lauterbach:
Wir gehen in Deutschland davon aus, dass BA.4/5 bei der aktuellen Variante die bessere Impfstoff-Zusammensetzung ist.
Längst sind Schuldzuweisungen an der Tagesordnung, wenn es darum geht, wie das nächste Impfchaos zu erklären ist. Sollte in Europa zunächst nur ein auf Omikron BA.1 angepasster Impfstoff auf den Markt kommen, wäre dies die deutlich schnellere Option. Schließlich könnten die eingelagerten Dosen binnen weniger Tage an die Arztpraxen und Impfzentren verteilt werden. Länger würde es bei einem speziell auf Omikron BA.4 und BA.5 ausgelegten Impfstoff dauern, ein zusätzlicher Zeitaufwand von bis zu zwei Monaten steht im Raum. Zeit, die nach Aussagen der Experten eigentlich nicht zur Verfügung steht.
Omikron-Impfstoff für den Corona-Herbst 2022: Biontech und Moderna untersuchen spezielle Vakzine
Mit Blick auf den Corona-Herbst 2022 und den speziellen Impfstoffen weiß Karl Lauterbach aber ein wenig Optimismus zu verbreiten. „Ich habe dafür gesorgt, dass die Unternehmen jetzt auch für die EU sehr zügig BA.4/5 entwickeln, zur Zulassung und Auslieferung bringen“, heißt es vom Gesundheitsminister. Einen konkreten Zeitpunkt benennt Lauterbach in diesem Kontext aber nicht.
Tatsächlich haben Moderna und Biontech in den zurückliegenden Monaten zwei Varianten, jeweils auf dem Omikron-Subtypen BA.1 basierend, untersucht. Ein Impfstoff war dabei allein gegen Omikron gerichtet. Bei der anderen Möglichkeit handelt es sich um sogenannte bivalente Vakzine, die gleichzeitig gegen den Wildtypen und Omikron wirken sollen. Die bivalente Version wird dabei für tendenziell besser gehalten, um auch gegen möglicherweise neu auftretende Corona-Varianten zu schützen. Gewissheit hierfür gibt es allerdings nicht.
Omikron-Booster: Impfstoff gegen Omikron BA.4 und BA.5 bedarf noch genauer Prüfung
Den Biontech-Studien zufolge, die sich mit den vorgestellten Boostern befassten, konnten die neu entwickelten Vakzine jeweils eine deutlich stärkere Immunreaktion hervorrufen, als es bei den ursprünglichen Impfstoffen von Biontech und Moderna der Fall war. Und auch die dominanten Omikron-Varianten BA.4 und BA.5 hätten die Vakzine neutralisieren können. Doch sei die Immunantwort schwächer als gegen BA.1 gewesen.
Am 22. Juli begann die Überprüfung der Zulassung für beide angepassten Vakzinen, und wir erwarten, dass eine Empfehlung für die Nutzung in der EU im September gegeben werden könnte.
Hiermit ist jedoch keine generelle Zulassung für einen Omikron-Booster gemeint, sondern nur eine für auf BA.1 spezialisierte Impfstoffe. Doch würde Biontech noch einmal mit einer eigenen Studie beginnen, die auf einen für Omikron BA.4 und BA.5 ausgerichteten Booster spezialisiert sei. In diesem Fall würden den Zulassungsbehörden aber wohl deutlich geringere Daten reichen. Schließlich sei die generelle Wirksamkeit und Sicherheit schon in der ersten Omikron-Studie nachgewiesen worden.
