VonPia Seitlerschließen
Eine Erziehungswissenschaftlerin beschreibt, warum ein Unterschied zwischen Schulen in den USA und Deutschland wichtig für den Erfolg der Kinder sein kann.
„Wisst ihr, worum ich das Schulsystem der USA beneide?“, fragt Ronja Jelena Filiz in einem TikTok-Video. „Die Schoolclubs“, sagt die Lehrerin. Darin proben die Kinder und Jugendliche am Nachmittag für ein Theater-Stück oder spielen Basketball. Den Clubs können die Kinder und Jugendliche beitreten, oder eigene gründen.
In den USA würden das viele machen, weil es für College-Bewerbungen wichtig sei und es „gut im Lebenslauf kommt“. Filiz fände es gut, wenn es solche Schoolclubs statt Nachmittagsunterricht an deutschen Schulen gäbe. Sie findet, Kinder und Jugendliche sollten sich nicht nachmittags Geschichte, Englisch oder Erdkunde „reinkloppen müssen“.
Unter dem Beitrag von Filiz kommentieren viele Nutzer, dass es so etwas an ihrer Schule in Form von AGs schon gebe. Trotzdem: Den amerikanischen „School Spirit“ vermissen einige. In den USA verbringen die Jugendlichen einen Großteil ihrer Freizeit in der Schule. Wenn das bei uns so wäre, könnte jedoch das Vereinsleben und Ehrenamt dafür „komplett aussterben“, befürchtet eine Person. Und für Kinder, die sich in der Schule nicht wohlfühlen, seien Schoolclubs und Ganztagsschulen „der Horror“.
Kritik an Schulen in Deutschland: Was die Schüler zu wenig lernen
Filiz findet statt Nachmittagsunterricht, sollten Kinder und Jugendliche die Möglichkeit bekommen, ihre sportliche oder kreative Seite zu fördern und soziale Kompetenzen zu lernen. Welche große Bedeutung sozial-emotionale Kompetenzen für die Entwicklung haben, wissen Thomas Hennemann und Hannah Ulferts.
Hennemann ist Sonderpädagoge und Inhaber des Lehrstuhls für Erziehungshilfe und Sozial-Emotionale Entwicklungsförderung der Universität zu Köln. In deutschen Kitas und Schulen komme der Beachtung und Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen eine zu geringe Bedeutung zu, kritisiert Hennemann gegenüber BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. Dabei würden hohe sozial-emotionale Kompetenzen wichtige Schutzfaktoren darstellen, auch gegenüber zukünftigen psychischen Störungen. Psychische Probleme können sich in der Schule in mehr Fehltagen, längeren Schulpausen, geringeren Leistungen, Klassenwiederholungen, frühzeitigem Schulabbruch und niedrigeren Bildungsabschlüsse äußern.
Warum sozioemotionale Kompetenzen „entscheidend“ für den späteren Erfolg der Kinder sind
Schoolclubs würden direkt auf Hochschulzugang und Karrierechancen wirken – „nicht über Noten, sondern als bedeutsamer Bestandteil von College-Bewerbungen und als Nachweis für Eigeninitiative, Führungsstärke und Verantwortungsbewusstsein“, sagt Ulferts BuzzFeed News. In Deutschland gebe es zwar vergleichbare Angebote in Form von AGs oder Ganztagsangeboten. Diese seien zwar förderlich für sozioemotionales Lernen, „sie gelten jedoch eher als ein Zusatz denn als ernstzunehmende Leistung“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin.
Studienergebnisse der „OECD’s Survey on Social and Emotional Skills (SSES)“ zeigen, dass Schüler und Schülerinnen, die regelmäßig an außerschulischen Aktivitäten teilnehmen, durchgehend höhere Werte in fast allen sozioemotionalen Kompetenzen hätten. Das wirkt sich auf ihr ganzes Leben aus: Jugendliche mit höheren sozioemotionalen Kompetenzen haben bessere Noten, ambitioniertere Zukunftspläne, sind pünktlicher und zufriedener und haben ein gesünderes Verhalten.
Die Ergebnisse zeigen auch: Kinder aus weniger privilegierten Familien engagieren sich im Durchschnitt weniger stark. „Gerade deshalb ist es entscheidend, außerunterrichtliche Aktivitäten im schulischen Kontext zu verankern“, sagt Ulferts, die als politische Analystin an der OECD-Studie mitarbeitete. Wo Schulen kostenfreie Clubs und Aktivitäten anbieten, sinken Zugangshürden für Kinder und Jugendliche. Die Fähigkeiten nicht nur ein Gewinn für den Einzelnen, sondern auch ein Grundpfeiler für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
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