„Fällt oft schwer“

„Hilflose Maßnahmen“: Was Eltern niemals tun sollten, wenn Kinder nicht in die Schule wollen

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Scheitern Kinder in der Schule, greifen Eltern in ihrer Verzweiflung oft zu einer umstrittenen Erziehungsmethode. Eine Expertin erklärt, wie man besser reagieren sollte.

Wenn Kinder und Jugendliche keine Lust haben, zur Schule zu gehen oder sich ihre schulischen Leistungen verschlechtern, wollen viele Eltern handeln. Nicht wenige setzen den Hebel dort an, wo es ihren Kindern wehtut – und streichen ihre Hobbys oder drohen dies an. Das sei aber genau der falsche Weg, um Kinder und Jugendliche zu motivieren: „Ich empfehle, differenzierter zu schauen, warum Kinder nicht zur Schule gehen möchten“, sagt die Therapeutin Melanie Hubermann BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Sie ist Autorin des Buches „Leuchtturm-Eltern: Wie wir Kindern in der Pubertät Orientierung geben“.

Der erste Lösungsansatz liege im Hinhören und darin, zu verstehen, worum es beim Kind eigentlich gehe. Viele Eltern würden „in ihrer eigenen Hilflosigkeit“ Glaubenssätze vermitteln, mit denen sie selbst aufgewachsen sind: „Da musste ich durch, da musst du auch durch“. Es werde kein Raum für Diskussionen geduldet, denn „es gibt Schulpflicht. Punkt.“ Solch eine Predigt führe meist zu Stillstand oder sogar Widerstand beim Kind, wie Hubermann erklärt: „Wenn Eltern anfangen, Vorträge zu halten, warum Schule wichtig ist – was ja nicht falsch ist – entsteht kein Austausch.“

Die Kinder würden sich unverstanden fühlen und dichtmachen. Es folgten „hilflose Maßnahmen der Eltern nach dem Motto: ‚Wenn du nicht in die Schule gehst, dann fällt auch Fußball aus.‘“ Viele Kinder und Jugendliche würden sich jedoch nicht beugen, sondern hörten freiwillig mit dem auf, was ihnen eigentlich guttut. Hubermann macht deutlich: „Selbst wenn das Kind dann nie wieder zum Fußball darf – Mathe wird dadurch trotzdem nicht besser.“

Familientherapeutin: Hobbys helfen den Kindern bei der Selbstwirksamkeit

„Wenn wir Hobbys abschaffen, nehmen wir Kindern Räume für Selbstwirksamkeit“, erklärt die Therapeutin. Kinder bräuchten sogenannte Kompetenzinseln: Aktivitäten, in denen sie gut sind und die ihnen Freude bringen. Insel-Eltern unterstützten ihre Kinder dabei, eine solche Aktivität zu finden und auszuführen. Viele Kinder könnten bei ihrem Hobby auftanken, Freunde treffen, sich austoben – daraufhin erzählten sie oft eher, was in der Schule eigentlich los ist.

Eltern sollten die Hobbys ihrer Kinder unterstützen – auch, wenn es in der Schule mal nicht läuft.

Es könne zum Beispiel verschiedene Gründe geben, wieso ein Kind Mathe nicht mag: „Vielleicht liegt ihnen das Fach einfach nicht, vielleicht fehlt ein Ziel oder der Sinn“, sagt die Expertin, und manche Kinder und Jugendlich seien unterfordert. Viele Eltern würden sich zu selten die Zeit nehmen, um zu fragen: „Was fehlt dir? Was würde dir helfen, Spaß daran zu haben?“

Hubermann berichtet von einem persönlichen Beispiel: „Meine Tochter hat mit acht einen Flohmarkt organisiert – Spielsachen verkauft, Preise berechnet, Einnahmen gezählt. Da hatte sie mit Mathe kein Problem.“ Der Unterschied zum Unterricht sei gewesen, dass sie das Projekt selbst gestalten konnte und ein positives Erfolgserlebnis hatte.

Therapeutin: Eltern sollten sich auch mit virtuellen Hobbys ihrer Kinder beschäftigen

Was sollen Eltern tun, wenn ihre Kinder und Jugendliche sich nicht für Handball oder Klavierspielen interessieren, sondern die meiste Zeit am Computer verbringen? „Statt aus Angst vor den Gefahren der virtuellen Welt alles zu verbieten, hilft es, gemeinsam zu verstehen“, erklärt die Expertin. Eltern sollten fragen: „Was macht dir daran Spaß? Welche Rolle nimmst du im Spiel ein – zum Beispiel Anführer?“ Daraus ließen sich Brücken bauen: Wenn ein Kind gern führt und koordiniert, könne es Mannschaftssportarten ausprobieren.

Grundsätzlich rät die Expertin, dass Kinder und Jugendliche besser früher als später mit Hobbys starten sollten. „Mit 14 oder 15 noch neu anzufangen, ist für viele herausfordernd. Schule nervt, und Neues ausprobieren fällt dann oft schwer“. Wenn Kinder jedoch bereits früh in einem Verein sind, sei es leichter, durch „schwierige Pubertätsjahre zu kommen, in denen sie oft alles hinschmeißen wollen“. Die Kompetenzinseln würden den Kindern Sicherheit geben, und „Bindung, Vertrauen, Verlässlichkeit“.

Rubriklistenbild: © Zoonar/Imago

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