Folgen weit über Europa hinaus?

Endlos-Beben an Italiens Super-Vulkan – Experte warnt vor Mega-Explosion

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Die Angst vor einer Explosion des Supervulkans der Phlegräischen Felder bei Neapel wächst: Die Erde bebt derzeit mehrmals pro Stunde.

Pozzuoli – Der Supervulkan der Phlegräischen Felder am westlichen Stadtrand der Millionenmetropole Neapel in Italien scheint seine Aktivitäten zu verstärken. Innerhalb von 24 Stunden wackelte die Erde von Donnerstag auf Freitag etwa rund 50 Mal.

Insgesamt wurden in diesem Jahr bereits 2435 Erdbeben in den „Campi Flegrei“ registriert, 2017 waren es nur 120 Stöße. Meistens sind es kleine, kaum spürbare Erschütterungen, die die Seismografen aufzeichnen, doch es sind auch Stöße dabei, die die Menschen mit Getöse aus dem Schlaf aufschrecken. Manchmal fällt auch Putz von der Wand.

Super-Vulkan aktiv: In den Straßen Neapels riecht es nach faulen Eiern

Der Geruch nach faulen Eiern zieht durch die Vorstädte Neapels – es ist vulkanischer Schwefeldampf, der aus den Erdritzen kriecht. Doch das Epizentrum der an sich noch vergleichsweise harmlosen Beben liegt unter und rund um den als Touristenziel bekannten dampfenden Solfatara-Krater bei der Hafenstadt Pozzuoli, westlich von Neapel.

Die Experten sind sich einig, dass durch Magma erhitztes und aufsteigendes Wasser und Gase in der brüchigen Erdkruste über dem unterirdischen Lavadom Druck erzeugen. Daher rühren die Erschütterungen. Doch was bedeutet das?

Eine Karte zeigt die Beben, die sich dieses Jahr vor allem in und um Pozzuoli ereigneten. Die roten sind die neuesten.

Gefahr für Italien und die ganze Welt: Experte sieht eine riesige Vulkan-Explosion bevorstehen

Der Vulkanologe Giuseppe Mastrolorenzo, führender Forscher am Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV), sorgte jetzt mit einem Interview im Lokalsender Radio Radicale für große Aufregung: „Die Behörden legen großen Wert auf das seismische Risiko, aber in den Campi Flegrei war die Seismizität noch nie so hoch, während das eigentliche Problem darin besteht, dass die aktuellen Erschütterungen möglicherweise bereits die Vorboten der Eruption sind, bei der es sich um eine Supereruption handeln könnte.“

Eine Dampfwolke am Solfatara-Krater, unter dem es ständig bebt.

Das wäre eine Katastrophe, die weit über den Golf von Pozzuoli hinaus dramatische Folgen hätte. Die dabei freigesetzte Energie sei dann „zehnmal höher als die von 79 n. Chr. von Pompeji“. Mastrolorenzo meint damit den Ausbruch des Vesuvs am südlichen Stadtrand des heutige Neapel. Dabei wurden die römischen Städte Pompeji, Herculaneum, Oplontis und das rund zwölf Kilometer entfernte Stabiae zerstört und unter einer bis zu 20 Meter hohen Ascheschicht vollständig begraben. Die Gesamtzahl der Todesopfer wird auf bis zu 5000 geschätzt.

Ein Vulkan hat schon einmal bei Neapel Tausende Menschenleben vernichtet

Heute wohnen alleine in der Bucht von Pozzuoli 350 000 Menschen, im Großraum Neapel sind es drei Millionen Menschen. Mastrolorenzo hält die Evakiuerungspläne für den Fall eines einen Ausbruchs für völlig unzureichend: Die den Plänen zugrunde liegende Annahme, eine Eruption 72 Stunden im Voraus vorhersagen können, sei „eine sehr optimistische Hypothese, fast so, als hätten wir einen Vertrag mit dem Vulkan unterzeichnet.“ Schon ein einziger Parameter könne jede Vorhersage unbrauchbar machen.

Der Ausbruch des Sinabung in Indonesien 2018 wäre im Vergleich zu einer Supereruption noch klein.

Mastrolorenzo weiter: „Das Problem besteht darin, dass die Bewertung der Alarmstufen, also wann auf die orangefarbene und in diesem Fall auf die rote Stufe umgestellt werden soll, von der Kommission für schwere Risiken übernommen wird.“ Es sei sehr wahrscheinlich, „dass wir einen Fehlalarm bekommen oder, noch schlimmer, dass sich die Evakuierung verzögert und wir uns möglicherweise mitten im Ausbruch wiederfinden.“

Früherer Ausbruch der Phlegräischen Felder wurden zur weltweiten Katastrophe

Was eine Super-Eruption bedeuten würde, zeigt ein Blick in die Erdgeschichte: Die Phlegräischen Felder sind ein Supervulkan mit einem Durchmesser von 16 Kilometern, der durch einen Mega-Ausbruch vor 39 000 Jahren entstand. Damals löschten ihre Feuerströme alles Leben im Umkreis von gut 100 Kilometern aus. Rund 10 000 Quadratkilometer Land (etwa die Fläche Niederbayerns) versanken unter einer bis zu 100 Meter dicken Schicht aus Asche.

Vor 15 000 Jahren, als 40 Kubikkilometer Magma in die Luft geschleudert wurden, vernichtete der Super-Vulkan nochmals 1000 Quadratkilometer Land, die in hohe Atmosphärenschichten gepusteten Aschewolken verursachten weltweit einen jahrelangen „vulkanischen Winter“ – ähnlich wie nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815. Wegen Missernten und Seuchen wurde das folgende Jahr 1816 in den USA als „Eighteen hundred and froze to death“ und auch in Deutschland als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt.

Nachdem sich die Magmakammern unter den Phlegräischen Feldern geleert hatten, sank der zuvor aufgeblähte Boden auf einer Fläche von 90 Quadratkilometern um 600 Meter in die Tiefe. Nach dieser Super-Eruption entstand der Riesenkrater der Phlegräischen Felder, der zu zwei Dritteln im Meer liegt. Dutzende kleine Vulkankrater wie der bekannte Solfatara entstanden in den Jahrtausenden danach innerhalb dieser Caldera.

Eine andere Expertin gibt Entwarnung

Einen Tag nach Mastrolorenzos Interview widersprach am Mittwoch Francesca Bianco, Direktorin des vulkanologischen Instituts der INGV, gegenüber der Nachrichtenagentur ANSA ihrem Kollegen Mastrolorenzo: „Keine der Daten deutet darauf hin, dass es sich um den Vorläufer eines bevorstehenden Ausbruchs handelt.“

In den letzten zehn Jahren seien mehrere Maßnahmen zur Verstärkung der Überwachungsaktivitäten durchgeführt worden, die eine Erkennung von Erdbeben in Echtzeit ermöglichen. Die Phlegräischen Felder und der Vesuv seien so zu „den am besten überwachten Vulkanen der Welt“ geworden.

Rubriklistenbild: © Quelli della zona rossa dei Campi Flegrei/Facebook

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